Philharmonie

Simon Rattle bleibt Berlin auch nach seinem Abschied treu

2018 verlässt Simon Rattle als Chefdirigent die Philharmoniker. In Berlin will er trotzdem weiter leben und arbeiten. Bei uns spricht er über seine Liebe zur Oper, schwierige Musiker und seine Träume.

Foto: Reto Klar

In Simon Rattles Chefdirigentenzimmer liegen auf dem schwarzen Flügel wohlgeordnet verschiedene Notenstapel, darunter auch eine Partitur von György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“. Das Stück und zwei weitere wolle er bis 2018 – dann endet seine Amtszeit – noch mit Regisseur Peter Sellars in der Philharmonie szenisch aufführen, sagt er. Der Brite wirkt nach einer langen Probe mit seinem Orchester etwas müde und zugleich entspannt, sein Handy hat er in Griffweite auf den Tisch gelegt. Derzeit ist Rattle regelmäßig zwischen Philharmonie und Staatsoper unterwegs. Am Sonntag leitet er im Schiller Theater die Wiederaufnahme von Janáceks „Aus einem Totenhaus“.

Berliner Morgenpost: Herr Rattle, viele speichern heute ihre Lieblingsmusik auf dem Handy ab. Was haben Sie drauf?

Simon Rattle: Wirklich nicht viel. Manchmal das, was die Kinder drauf tun. Ich finde das schon seltsam, manchmal spielt die Musik eine Stunde lang und alles kommt von der iCloud. Wenn das Telefon schon entscheidet, dass ich Musik hören soll, dann führt es mich immer zu Puccinis „Manon Lescaut“.

An der Staatsoper haben Sie in den letzten Jahren fünf Produktionen dirigiert. Steht Ihnen da nicht schon ein eigenes Büro zu?

Für mich ist es ein großes Vergnügen, dort zu arbeiten. Wobei „Das Totenhaus“ schon etwas Besonderes ist. Jeder mit einem langen musikalischen Leben hat zwei, drei Produktionen, an die er sich gerne erinnert. Bei mir sind es Gershwins „Porgy and Bess“ beim Glyndebourne Opernfestival, Bachs Matthäuspassion mit Peter Sellars in der Philharmonie und „Aus einem Totenhaus“ mit Patrice Chéreau an der Staatsoper.

Und was war das Besondere daran?

Ich habe darüber nachgedacht, was diese drei Produktionen verbindet. Sie waren mit bestimmten Sängern besetzt, und alle drei Regisseure haben ihre Inszenierungen um sie herum angelegt. Das heißt, wenn jemand Neues hinzukommt, müsste auch die Inszenierung neu erfunden werden. Was knifflig ist. Chéreaus Inszenierung ist für mich ein großes Geschenk, ich glaube alles, was auf der Bühne geschieht und bin immer noch berührt. Ich hatte vorher alles gesehen, was Patrice gemacht hat, und wollte immer mit ihm zusammen arbeiten. Aber ich habe nicht die Telefonbegabung wie Daniel Barenboim. Er hat ihn schließlich überzeugt.

Der Regisseur ist im Oktober 2013 gestorben und war bei der Opernproduktion doch schon schwer erkrankt?

Ja. Wir haben im Sommer vorher einige Zeit zusammen verbracht. Wir haben jedes Wort der Oper durchgesprochen, nach drei Stunden stand er auf, entschuldigte sich und ging auf die Toilette, um sich zu übergeben. Es war eine Folge der Chemotherapie. Dann kam er wieder zurück, war etwas grün im Gesicht, und wir haben weitergemacht. Mitten in den Proben sagte er dann plötzlich, er müsste für ein paar Tage weg, weil die Ärzte ein Drittel seiner Leber wegoperieren. Danach kam er wieder. Ich habe über seine Lebenskraft nur gestaunt. Und wir taten alles für ihn. Ich werde jetzt vielleicht ein bisschen sentimental: Aber es ging uns sehr nahe.

Gehen Sie eigentlich selber oft in die Oper?

Als Publikum?

Ja, vielleicht zur Entspannung oder aus Neugierde.

In Berlin gehe ich nicht so oft, zwei oder drei Mal im Jahr. Manchmal setze ich mich in der Wiener Oper einfach in die Mitarbeiterloge, in London gelegentlich mit in den Orchestergraben. Daniel Barenboim sagte einmal zu mir, er könne sich niemals eine ganze Wagneroper anhören. Er liebe es, sie zu dirigieren, aber als Zuhörer würde er nur einen Akt aushalten. Das ist lustig. Mir geht es auch so, manchmal gehe ich nur für einen Akt in die Oper. Ich habe viele gute Sachen über Barrie Koskys „Zauberflöte“ gehört. Da sagte ich mir, ich müsste mal in die Komische Oper gehen und sie mir anschauen. Das letzte, was ich gesehen habe, war die „Götterdämmerung“ mit Donald Runnicles an der Deutschen Oper. Das ist diese unglaubliche „Ring“-Inszenierung von Götz Friedrich, die ich auch schon dirigiert habe. Das Problem ist ja, dass man selber nichts sieht, wenn man dirigiert.

In Berlin leiten Sie eher sperrige, unbekannte Opern?

Abgesehen vom „Ring“ habe ich in Berlin immer versucht, das zu machen, was andere noch nicht so häufig aufgeführt haben. Aber viele der bekannten Stücke habe ich vorher in anderen Städten gemacht. Alle Mozartopern in Glyndebourne etwa, und ziemlich viele Parsifals und Tristans an verschiedenen Orten. Aber in Berlin noch nicht.

Kommt es noch?

Ich weiß natürlich genau, was ich noch mache, bis ich gehe. Aber vielleicht erschießen Sie mich, wenn ich Ihnen erzähle, was wir darüber hinaus machen wollen. Wenn ich die Philharmoniker verlasse, werde ich in Berlin wohnen bleiben. Das heißt, es wird genügend Gelegenheiten geben, hier an den beiden großen Opernhäusern zu arbeiten. Mir gefallen beide, die Staatsoper und die Deutsche Oper, auf ganze verschiedene Weise.

Wie gefällt Ihnen als britischer Dirigent das deutsche Regietheater?

Wenn es gut gemacht ist, dann ist es wunderbar. Aber es gibt natürlich auch viel Schreckliches zu sehen. Es ist wie mit allem anderen. Wenn man neue Musik schreibt wie Helmut Lachenmann, dann sollte man auch schon ein Lachenmann sein. Oder noch besser. Ähnlich ist es mit den Regisseuren. Als Brite sage ich jetzt, manchmal wirkt das Regietheater etwas altmodisch auf uns. Weil es Dinge auf der Bühnen vorführt, bei denen man sagt: Ah, da kommt das schon wieder.

Wäre es für Sie eine Option, 2018 ein Opernhaus zu übernehmen?

Nein, weil ich eine große, kleine Familie habe. Und noch eine Familie, was ein Opernhaus bedeutet, wäre mir zu viel. Ich komme lieber als Gast. Zu einem anderen Zeitpunkt in meinem Leben hätte das faszinierend sein können. Vor vielen Jahren gab es eine große und wichtige Chance. Aber damals dachte ich, oh Gott, man hat dann so ein riesiges Repertoire zu dirigieren. Ich wollte auch nie Puccini machen. Wie verrückt war ich nur? Jetzt habe ich „Manon Lescaut“ und „Tosca“ dirigiert. Aber ein Opernhaus leiten? Nach meinen Lebensidealen muss ich mich entscheiden: Entweder ein Opernhaus oder eine Familie.

Bei den Philharmonikern sitzen Sie auf dem Olymp. Was kommt danach?

Was soll ich dazu sagen? Ein trauriger Abstieg vielleicht (macht mit zwei Fingern Bewegungen, als gingen sie einen Berg hinab). Dabei komme ich gerade in das Alter, in dem Dirigenten beginnen, gut und kompetent zu werden. Insofern ist alles in Ordnung. Ich denke, 16 Jahre mit den Philharmonikern war eine wunderbare Zeit. Wir werden sehen, was danach kommt. Es wird vielleicht schön sein, wieder mehr Zeit zu haben, um zu überlegen und zu reflektieren. Ich habe es nicht eilig.

Ihre Vorgänger haben die Philharmoniker entweder tot oder schwer krank verlassen. Sie stehen als Dirigent im Zenit.

Gott sei Dank. Und mein Vorgänger Claudio Abbado war noch nicht krank, als er sich entschloss, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Aber wahrscheinlich war es der Druck, der ihn krank gemacht hat. Ich denke, dass der Druck dieses Jobs nicht unbedingt gut für die Menschen ist. Aber für mich war es eine wunderbare Zeit. Das Orchester möchte auch danach mit mir weiter arbeiten. Sogar eher mehr als weniger. Das wird wunderbar sein, mit ihnen zu arbeiten, ohne das ganze Ding am Laufen halten zu müssen.

Sie leiten ein selbstbewusstes Orchester.

Ach wirklich? Das überrascht mich jetzt aber.

Wie viel künstlerische Freiheit hat man als Chefdirigent dieses Orchesters?

Eine bestimmte Menge, aber man muss sie sich nehmen. Es sind schwierige Menschen. Das gehört mit zum Titelblatt der Philharmoniker, das ist kein Geheimnis. Und natürlich kämpfen wir alle. Chefdirigent ist kein Job, den man 100 Jahre lang machen kann. Ich habe aber viel dadurch gelernt. Wenn wir die Late Night Concerts machen, dann ist das ganz und gar meine Spielwiese. Niemand streitet dort. Insgesamt haben wir einen Weg gefunden, um gemeinsam gute künstlerische Dinge machen zu können. Und in den besten Momenten gibt es nichts Schöneres als die Philharmoniker.

Haben Sie noch Träume?

Ich hoffe, ich lebe sie. Sie haben mehr mit meiner Familie zu tun als mit irgendetwas anderem. Musikalisch würde es mich glücklich machen, etwas für mein altes Heimatland zu tun. Die Briten sind ja immer noch Teil Europas, selbst wenn sie es nicht wissen. Ich habe schon sehr jung sehr viel Glück gehabt. Ich glaube, ich hatte eine ungewöhnlich hohe Zahl von Träumen, die sich erfüllt haben. Und ich versuche mich nicht zu kneifen, sonst wache ich am Ende noch auf.