Klassik

Wie Albrecht Mayer im Archiv auf einen falschen Mozart stieß

Albrecht Mayer gilt als bester Oboist der Welt. Er führt ein Doppelleben zwischen Orchesterdienst und Solokarriere. Jetzt hat der Berliner Philharmoniker seine neue CD „Lost and Found“ veröffentlicht

Foto: Harald Hoffmann/DG

Neben seinen Bühnenfotos zeigt Oboist Albrecht Mayer auf Facebook gern auch private Schnappschüsse. Zuletzt hat der stolze Papa die Tauffotos seiner Tochter Laura aus der Evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee hoch geladen. Auf einem Foto steht Schwiegervater Andreas Blau neben ihm, ein Kollege, er ist Solo-Flötist der Berliner Philharmoniker. Als wir uns jetzt um die Ecke in Nikolassee in einer kleinen Bäckerei treffen, wirkt Albrecht Mayer entspannt, ja redefreudig. Tochter Laura hat erstmals eine Nacht bei den Schwiegereltern verbracht, und die Mayers haben sich sofort ins Berliner Kulturleben gestürzt. Und wohin? In den Friedrichstadtpalast, um die Show „The WYLD“ zu sehen. Er gehört zu den neugierigen Musikern, die sich auf vieles einlassen können.

Im Archiv vergessene Werke

„Es war alles original verkorkt“, sagt Albrecht Mayer plötzlich im Gespräch: „Das war für mich auch ein Schock.“ Die Rede ist nicht etwa von wieder aufgefundenen, super teuren Weinflaschen im Keller, sondern von vergessenen Noten in Archiven. Für seine neueste CD „Lost and Found“ hat sich der Berliner Oboist auf Spurensuche begeben und Werke von Hoffmeister, Lebrun, Fiala und Kozeluh eingespielt. Es ehrt den Wiederentdecker natürlich, dass er glaubt, man müsse sich die Namen der Komponisten jetzt merken.

Albrecht Mayer, 49, führt schon seit Jahren erfolgreich ein Doppelleben zwischen Orchesterdienst und Solokarriere. Hauptberuflich ist er Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, seit 1992 gehört er ihnen an. Seine Plattenfirma preist ihn gern als den amtierenden besten Oboisten der Welt an. Der er wahrscheinlich sogar ist. Unter den Philharmonikern zählt er zweifellos zu einer Handvoll Vorzeige-Virtuosen. Mayer ist eine Berliner Institution.

Es geht um die Nachfolgerfrage

Und wenn es Dinge der Philharmoniker öffentlich zu diskutieren gibt, wird er gerne befragt. Derzeit dreht sich natürlich alles um die Nachfolgerfrage, wenn Simon Rattle 2018 die Philharmoniker verlässt. „Natürlich reden wir im Orchester andauernd darüber“, sagt Mayer, und es fallen Namen wie Andris Nelsons, Gustavo Dudamel oder Christian Thielemann. Aber mehr möchte er im Moment offiziell dazu nicht sagen.

Rund 100 Konzerte spielt Albrecht Mayer mit seinem Orchester pro Jahr. Aber darüber hinaus ist er auch als Solist unterwegs, so kommen noch einmal rund 80 Konzerte hinzu. Im Konzerthaus wird er am 14. Januar wieder solistisch zu erleben ist. Als Oboist ist er erstaunlich fleißig. Zum Vergleich: Sänger machen maximal 60 bis 80 Auftritte pro Jahr. Denn wer es mit den Spitzentönen übertreibt, riskiert nur sein Instrument – die Stimmbänder. Pianisten können dementsprechend häufiger auftreten, sie müssen ja nur die richtigen schwarzen und weißen Tasten anschlagen, aber Oboisten sind viel stärker mit ihrem Instrument verwachsen. Ihre Musik muss mit dem Atem über die Körpermitte hinaus fließen. Oboisten gelten innerhalb der Orchester meist auch als die Sensibelchen.

Der Instrumentalist des Jahres

In den vergangenen 15 Jahren hat der Kuschelrocker der Klassik nebenher zehn CDs eingespielt. Wichtig war 2003 seine Bach-CD „Lieder ohne Worte“. „Auf Mozarts Spuren“ mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Claudio Abbado hielt sich über Monate in den deutschen Klassik-Charts, die folgenden Händel-Transkriptionen „New Season“ schafften es sogar in die deutschen Pop-Charts. Er hat die Oboe, der eigentlich nur ein Dasein im großen Orchester verordnet scheint, zeitweilig zum Modeinstrument gemacht. Und er hat mehrfach den Echo Klassik als Instrumentalist des Jahres bekommen. Seine neue CD mit den verlorenen und gefundenen Werken, auf der Zeitgenossen von Mozart versammelt sind, gehört wohl zu seinen besten Projekten der letzten Jahre.

Denn mittlerweile ist Beethovens Werk hundertfach eingespielt, Mozart hundertfach ausgedeutet. Künstler und Plattenfirmen brauchen frisches Futter, selbst wenn es aus verstaubten Archiven kommt. Wobei Albrecht Mayer betont, es sich damit nicht einfach zu machen. „Schnellschüsse funktionieren bei CD-Produktionen meist nicht“, sagt er.

Ein völlig unattraktiver Mozart

Für die neue CD hat er mehr als zwei Jahre gesucht. Zuerst habe er im Urlaub mit einem geliehenen Laptop auf einer amerikanischen Website gestöbert. Dort finden sich jeweils die Satzanfänge. Er stieß auf einen unbekannten Mozart und fuhr nach Breslau. Es war zwar irgendein Mozart, aber kein Wolfgang Amadeus. Und das Konzert völlig unattraktiv, wie er sagt. Aber vor allem in Breslau und Regensburg wurde er fündig.

Schließlich lagen 103 Konzerte zur Auswahl auf dem Tisch. Vier davon haben Albrecht Mayer und die Kammerakademie Potsdam schließlich eingespielt. Sie haben seiner Meinung nach das Zeug, ins Repertoire seiner Kollegen zu kommen. Der typische deutsche Oboist heißt übrigens bei Mayer nicht Max Mustermann, sondern spontan Dörte Fleischwurst. Keine Ahnung, wie er auf den Namen kommt.

Seltsamer Gerechtigkeitssinn

Viel Liebhaberei ist bei der neuen CD im Spiel. Und ein seltsamer Gerechtigkeitssinn, wie ihn nur Musiker entwickeln können. „Ludwig August Lebrun hätte das gleiche Recht wie Mozart, heute auf den Programmen zu stehen“, sagt Albrecht. Zumal es für ihn einige biografische Parallelen gibt. Beide haben für sich selbst als Solisten komponiert, und beide waren mit Sängerinnen verheiratet. Lebrun (1752-1790) war aus Brüssel nach Mannheim in die seinerzeit berühmteste Hofkapellen gekommen. Und zugleich einer der gefeierten Reisevirtuosen. Aber dann wurde er vergessen.

Mayer lässt das nicht gelten. „Auch der große Johann Sebastian Bach war längst vergessen“, sagt der Oboist, „bis ihn Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Wiederaufführung der ,Matthäus-Passion’ in Berlin ins Konzertleben zurück holte.“

Der Philharmoniker Albrecht Mayer wurde 1965 in Erlangen geboren. 1990 kam er als Solo-Oboist zu den Bamberger Symphonikern, bereits zwei Jahre später zu den Berliner Philharmonikern.

Neue CD Für „Lost and Found“ (Deutsche Grammophon) hat er in Archiven in Breslau und Regensburg Werke von den Mozart-Zeitgenossen Hoffmeister, Lebrun, Fiala und Kozeluh wiederentdeckt.

Konzerthaus Albrecht Mayer spielt am 14.1. um 20 Uhr (Kleiner Saal) mit Cellist Gabriel Schwabe und Cembalist Vital Julian Frey Kammermusik von Bach, Britten, Schneider und Marcello. Tel. 203092102