Sie haben den Eisbär-Move erfunden, ein Berlin-Lied geschrieben und bei Ebay eine Mandoline ersteigert. Die 48 Kids auf der Bühne der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin sehen aus, als hätten sie wirklich viel Spaß mit ihrem Winterferien-Musiklabor gehabt. Eine Woche lang haben sie die Stadt erforscht, mit einer Frage im Hinterkopf: „Wie klingst du, Berlin?“ Ihre Ergebnisse präsentierten sie mit viel Elan in einer Show, die auch bei „Kakadu“, der Kindersendung auf Deutschlandradio Kultur, gesendet wurde.

Zehn kleine Sänger tänzeln vor den Mikrofonen. Beeindruckend klar, stimmig und mit voller Kraft singen sie „Berlin Woman“ von Rocko Schamoni und ihre modernen Versionen von „Berliner Luft“ und „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Sie haben den Kostümfundus des Opernhauses geplündert, in der U-Bahn und auf der Bismarckstraße witzige Videoclips zu ihren Songs gedreht. Nach der einen Woche wirken sie schon wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Sogar einen Bandnamen haben sie sich gegeben: Stromschlager. Die Liedermacherin und Workshop-Leiterin Bernadette La Hengst begleitet ihre ambitionierten Zehn auf der E-Gitarre. Es gibt auch eine schicke eigene Komposition. Darin beschweren sich die Kinder, dass die U-Bahn nach Urin stinkt und ständig Kaugummi an den Schuhen klebt. Am Ende ist es dann aber doch eine Liebeserklärung an ihre Stadt.

Suche nach verlorenen Klängen

In fünf Gruppen haben sich die Kinder und Jugendlichen im Alter von 9 bis 15 Jahren aufgeteilt. Je nachdem, ob sie lieber singen, tanzen, basteln oder im Tonstudio des kooperierenden „Haus der Jugend Charlottenburg“ arbeiten wollten. Entsprechend vielfarbig fielen die Ergebnisse in der Tischlerei aus. Deutschlandradio-Moderator Tim Wiese führte durch das lebendige Programm.

Ein Hörtheaterstück beschäftigte sich mit Geräuschen aus der Berliner Vergangenheit. Auf der Suche nach den verlorenen Klängen hat eine Gruppe mit dem Workshop-Leiter Tobias Daniel Reiser zwei ältere Damen besucht. Die Kinder haben sie zu den Erlebnissen und Klängen ihrer Jugendzeit befragt. Wie klang das, wenn der Milchmann kam und mit seinen Flaschen klapperte oder der Fliegeralarm die Stadt in Angst und Schrecken versetzte?

Geschichten live illustriert

Im Internet fanden die Kinder einige der Geräusche und kombinierten sie mit den Erzählungen zu einem kleinen Hörspiel. Sie illustrierten die Geschichten der Damen aber auch live auf der Bühne mit Requisiten, die sie gekauft hatten: Zinkwanne und Waschbrett, Mandoline und Emailleschüssel. Auch „Häschen in der Grube“ hatten sie gelernt, ein Kinderlied aus der Vergangenheit, das sie vorher nicht kannten.

Im U-Bahnhof und im Tiergarten hat die dritte Gruppe unter der Leitung von Franziska Seeberg ihre Berliner Geräusche gesammelt. Das Klackern des Fahrscheinautomaten, das Quietschen der bremsenden Bahn und das Knacken der Zweige auf dem Boden haben die Kinder zu drei kleinen Geschichten inspiriert. Eine Reiseerzählung, ein Krimi um einen gestohlenen Rubin und ein Märchen mit Trollen im brennenden Zauberwald sind so entstanden. Nebenbei haben die Kinder mit Schuhschachteln, bunter Pappe, Schere und Klebstoff Boxen für ihre Lieblingsgeräusche gebastelt. Gleich zwei Mädchen haben die coole Musik im Bodyshop vom Bahnhof Zoo in ihren Boxen verewigt. Andere haben Schachteln für die Toilettenspülung und für das Kreischen der Affen im Zoo hergestellt. Und dann gab es noch die geheimnisvolle „Grummelbox“.

Fünf Stunden Geräusche verarbeiten

Vormittags sind alle Kids in die Stadt ausgeschwärmt. Nachmittags haben sie in der Tischlerei oder dem Haus der Jugend ihre Erfahrungen besprochen, sortiert, weitergeforscht und an der Abschluss-Show gearbeitet. Abends saßen dann alle noch einmal zusammen. Die Gruppe, die mit Ringo Behn im Tonstudio arbeitete, packte die Sammelwut. Fünf Stunden Geräusche hatten sie am Ende im Computer auszuwerten und in ihrem musikalischen Berlin-Hörspiel zu verarbeiten.

Das Hörstück diente der fünften Gruppe als Grundlage für ihren Tanz. Der Choreograf Raphael Hillebrand ließ die Jugendlichen beobachten und imitieren, wie Berliner die Straße entlanglaufen: schlendernd, eilig ausschreitend, hüpfend, stolzierend oder torkelnd. Sie führten aber auch vor, wie sich verschiedene Berliner zwischen Gesellschaftstanz und Break Dance zur Musik bewegen. Musikalische Vorkenntnisse brauchte niemand für diesen Workshop. Mit offenen Ohren und Neugier haben die Kinder und Jugendlichen die Stadt durchstreift, spielerisch und fantasievoll neue Hörerfahrungen gesammelt. Zum ersten Mal hat die Junge Deutsche Oper das Musiklabor für die Winterferien angeboten. Im nächsten Jahr geht es mit einem neuen Thema weiter.