Berlin

Schwein allein macht auch nicht glücklich

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Elena Philipp

Foto: Rainer Jensen / dpa

Zwei ambitionierte Opernprdouktionen für Kinder laufen im Schiller Theater und in der Deutschen Oper. Sie erzählen die Geschichte vom „Fischer und seiner Frau“ und von „Hans im Glück“.

Zwei Musiktheaterinszenierungen für Kinder haben sich Grimm’sche Märchen vorgenommen, um zu fragen, was wir brauchen, um glücklich zu sein. In der Tischlerei der Deutschen Oper dient „Der Fischer und seine Frau“ dem Komponisten Leonard Evers und der Regisseurin Annechien Koerselman als Vorlage für ein kleines, kostbares Stück Musiktheater. Besetzt mit Mezzosopran und Schlagwerk, entführt es in die Welt der Fantasie.

Christina Sidak ist Jacob, der mit seinen Eltern am Meer lebt, in einer Sandkuhle unterm Baum schläft und zufrieden ist, weil Mama und Papa stets in seiner Nähe sind. Eines Tages angelt er einen Fisch, der verspricht, ihm seine Wünsche zu erfüllen, wenn er ihn leben lässt. Jacob fällt nichts ein, er wirft den Fisch also zurück ins Meer. Doch in der Nacht, als Jacob friert im Freien, kommt ihm der Gedanke: Schuhe hätte er sich wünschen sollen. Am Morgen rennt er los, und erstmals spürt er die spitzen Muscheln auf dem Weg zum Meer – ein Bedürfnis ist geweckt. Schlagwerker Lukas Böhm tritt mit seinen Gummistiefeln in ein Kiesbett und begleitet Jacobs Lauf zum Meer mit einem rhythmischen Motiv auf der Snare Drum, das, in variierter Wiederholung, für diesen Weg immer wieder auftauchen wird. Am Strand ruft Jacob dem Fisch seinen Wunsch zu, und schon trägt er Schuhe.

Wunderbar und fatal, denn als die Eltern vom „Zauberunikum“ im Meer erfahren, tragen sie Jacob eins nach dem anderen auf: Schuhe, ein Bett, ein Häuschen, nein, doch ein Schloss, Bedienstete, eine Reise zum Mond! All das gewährt der Fisch, aus Koffern quillt immer mehr Kram, Kuscheltiere und Spielecomputer. Ablenkungen en masse – zusehends verlieren sich Jacob und seine Eltern aus den Augen. Mit jedem Wunsch verdunkelt sich auch das Meer, wird der Fisch dünner. Am Ende siegt – wie es für ein Märchen gehört – das Weniger-ist-mehr: „Danke“ rufen Jacob und seine Eltern dem Fisch zu, besitzlos glücklich wie zu Beginn.

„Hans im Glück“ als Kinderkurzoper ab sechs

Verglichen mit diesem Minimalismus wirkt die Inszenierung in der Werkstatt der Staatsoper im Schiller Theater ambitioniert: „Hans im Glück“ ist eine Kinderkurzoper ab sechs Jahren. Von atonaler Musik bis zu Varieté- und Schlageranleihen reicht die Komposition von David Robert Coleman.

Das Geschehen verlegt Regisseurin Julia Haebler in einen Traum: In teils bedrohlich verzerrter Form spielt sich das eingangs gelesene Märchen um Hans’ Bett ab. Der mephistophelische Meister (Bassbariton Manos Kia) ist von Librettist Rainer O. Brinkmann hinzuerfunden. Als diabolischer Handwerker im Zirkusdirektorenfrack betrügt er Hans (Bariton Timothy Sharp) um den Lehrlohn – landet letztlich aber, den Goldklumpen um den Knöchel, ebenso im Brunnen wie Hans’ letzter Tausch, zwei Wetzsteine.

Famos sind die szenischen Einfälle der Regisseurin und der Kostümbildnerin Eva Henschkowski: Berta, die Kuh, trägt zum Fleckendirndl eine Eutertasche, die Milch gibt; das Schwein kleidet ein rosa Anzug, bedruckt mit Metzgerterminologie. Das junge Publikum beobachtet in 75 Minuten konzentrierter Stille, wie das Geschehen auch musikalisch immer wieder ins Absurde kippt: Mit einer anspruchsvollen Koloraturarie begleitet die Sopranistin Paula Rummel die Jagd auf das schlaue Schwein. In Hans’ Bettkasten findet die „arme Sau“ (Tommaso Marchignoli von der Staatlichen Ballettschule) das Hackbeil, tötet und verschlingt den Schlachter. Ein Triumph der Tierwelt.

Am Ende ist auch Hans märchenhaft glücklich, ganz ohne Besitz. In der merkantilen Logik des Meisters ist das unverständlich: „Verrückt! Verrückt! Wie dumm kann man nur sein“. „Beglückt! Beglückt! Was hab ich für ein Schwein“, entgegnet ihm Hans.

Deutsche Oper Berlin: „Gold“, 9. bis 12.12., 11 Uhr;

Staatsoper Schiller Theater-Werkstatt: „Hans im Glück“, 9.12. bis 12.12., 11 Uhr