Frühkritik

Ennio Morricone dirigiert „My Life in Music“ in Berlin

Großes Kino für die Ohren: Morricone kennt man vor allem durch seine Musik zu „Spiel mir das Lied vom Tod“. Doch der Meister der Filmmusik hat eine enorme Bandbreite anzubieten - auch in der o2 World.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Er hat erfunden, wie der Wilde Westen klingt: die Weite, die Leere, die Schönheit und die Brutalität der Prärie. Selbst wenn – oder gerade weil – „Spiel mir das Lied vom Tod“ eine späte italienische Adaption des US-Genres ist, hat kein Soundtrack die Gegensätze dieser Kunstwelt so auf den Punkt gebracht wie Ennio Morricones Kompositionen. Das berühmte Mundharmonika-Stück etwa entwickelt sich aus dem Ein- und Ausatmen des jungen Charles Bronson durch eine Harmonika, die ihm zwischen die Zähne geklemmt wird, während er seinen Vater auf den Schultern tragen muss. Bis er zusammenbricht, der Vater sich dadurch erhängt. Das ist der Stoff, aus dem Western gemacht sind. Dieser Klassiker von Sergio Leone hat es uns in seiner fast opernhaften Überzeichnung klar gezeigt: Western sind eigentlich griechische Tragödien. Plus Pferde, Hüte und Colts.

Obwohl es Morricone ärgert, immer wieder mit den Italowestern seines Schulfreunds Leone assoziiert zu werden, wo er doch über 500 sehr unterschiedliche Filme vertont hat, kann man an kaum einem so gut ablesen, dass Filmmusik mehr sein kann als die Doppelung von Bildern. In „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist sie ein ganz eigenes Element, das zusätzliche Räume öffnet, die Abstände zwischen Menschen und Dingen vermisst, die Zeit staucht und dehnt. Bei einem Meister wie Morricone ist die Musik im Kino genau so wichtig wie Schauspieler und Dialoge, wie Licht und Schatten. Sie erzählt eine Geschichte über der Geschichte, kreiert Ebenen, die man nicht sehen kann. Leone hat Morricone daher immer seinen musikalischen Drehbuchautor genannt.

Funktioniert diese Musik auch ohne die Bilder, für die sie geschrieben wurde? Morricone, schwer zu glaubende 86 Jahre alt, geht zum 50. Schaffensjubiläum auf Welttournee. 160 Musiker sind dabei, das tschechische National-Symphonieorchester mit integrierter Rockband und der Kodaly-Chor aus Ungarn. Fünf Minuten dauert es, bis alle auf der Bühne der O2 World angekommen sind. Morricone schlängelt sich durch die Orchesterreihen, zackig und elegant. In seinem schwarzen Anzug mit Rollkragenpullover sieht er aus wie ein linker Philosoph auf dem Weg zum Rednerpult, vielleicht um über die Krise des Kinos zu dozieren.

Die Coolness Jean-Paul Belmondos spielerisch vertont

Nach einer knappen Verbeugung geht es in ein Programm, das in Best-of-Manier die große Bandbreite von Morricones Arbeit fürs Kino vorstellt. Von den treibenden Staccati zu Brian de Palmas „The Untouchables“ über den stylischen Lounge-Jazz aus Henri Verneuils „Clan der Sizilianer“ bis zum Disco Funk aus „Maddalena“, einem Film, an den man sich nur noch des Soundtracks wegen erinnert. Morricone vertont die Coolness Jean-Paul Belmondos im Actionthriller „Der Profi“ genau so spielerisch und intensiv wie die tragisch unerfüllte Jugendliebe Robert de Niros in „Es war einmal in Amerika“. Aus diesem dritten Teil von Leones Amerika-Trilogie hat Morricone eine Suite zusammengestellt, und sie ist so herzzerreißend sehnsüchtig, wie es sonst nur ein Adagio von Gustav Mahler sein kann.

Da kann man die Apotheose aller Liebesthemen hören, wie sie durchs Hollywoodkino der letzten Jahrzehnte geistern. Aber ohne diesen Streicherteppich, den irgendwer mal mit dem Etikett „Romantik“ versehen haben muss, und der seither jede Pärchenszene verkleistert. Immer wieder bewegt sich die Musik bei Morricone dagegen knapp über der Hörschwelle. Auf stehenden, monochromen Bläserflächen dreht sich ein Klarinettensolo. Für ein paar Sekunden wird Jazz eingeflochten, als käme er von einer Straßenecke in der Lower East Side herübergeweht, die es schon nicht mehr gibt.

Morricone ist ein architektonischer Komponist. Seine Stücke sind, bei aller Komplexität, klar, streng und transparent. Dabei bindet er immer wieder ungewöhnliche Instrumente ein, entwickelt einen verblüffenden Reichtum an Klangfarben. Anders als die Herren der Ringe in den Cineplexen dieser Welt, deren Soundtracks aus den immer gleichen vier, fünf Geschmacksverstärkern zu bestehen scheint. In sehr vielen Blockbustern gibt es zudem so gut wie nie etwas zu hören, das die Voraussetzung ist für jede Form von Musik: Stille.

Mal leise, mal polyphoner Breitwandsound

Neben leisen, beinahe löchrigen Stücken gibt es natürlich auch bei Morricone den vollen polyphonen Breitwandsound, für Roland Joffés „The Mission“ zum Beispiel. Einen fast schon sakralen Belcanto, in dem der Chor und die Sopranistin Susanna Rigacci im roten Kleid Vocals ohne Text beisteuern. Diese flirrenden Stimmen korrespondieren mit den ewig jungen Gesichtern von Schauspielern auf der Leinwand – vom Körper gelöste, eingefrorene Schatten, zugleich noch nach Jahrzehnten völlig präsent. Sie tauchen ganz ohne Bilder sogar die seelenlose O2 World in so etwas wie Atmosphäre. So hat man sich Filmmusik vorgestellt: Cinemascope für die Ohren. Und dass man das tun kann, hat viel damit zu tun, dass es Ennio Morricone gibt.

Dafür bekommt er am Ende des zweistündigen Konzerts nicht nur stehende Ovationen, sondern auch einen „Cinema for Peace“-Ehrenpreis. Nelson Mandelas Enkel Kweku überreicht ihn gemeinsam mit Nastassja Kinski – dem „besten Filmkomponisten des Jahrhunderts“. Das sei vielleicht etwas übertrieben, murmelt Morricone. Er sei einfach jemand, der immer viel gearbeitet habe. Eine Weile schaut er vor sich auf den Boden, offenbar doch ein wenig gerührt. Dann packt er seine Partituren zusammen, klemmt sie sich unter den Arm und geht.