Philharmonie

Simon Rattles Sonderkonzert mit Schweigeminute für Weizsäcker

Der Moment schweißt das Publikum zusammen: Simon Rattle bittet um eine Schweigeminute für Richard von Weizsäcker. Die Interpretation der Zweiten Sinfonie von Gustav Mahler danach begeistert.

Foto: Jakub Kaminski / dpa

Es könnte auch das schiere Zusammengehörigkeitsgefühl sein: Am Ende erhebt sich das gesamte Publikum im ausverkauften Saal der Philharmonie, um Simon Rattle und sein Orchester frenetisch zu bejubeln für ihre Interpretation der Zweiten Sinfonie von Gustav Mahler. Zusammengeschweißt wird das Publikum von Rattle bereits ganz zu Beginn, als er mit dem Mikrofon ans Podium tritt und um eine Schweigeminute für den verstorbenen Richard von Weizsäcker bittet, der als einstiger Regierender Bürgermeister West-Berlins und engagierter Kulturbürger den Berliner Philharmonikern verbunden war. In dieser Verbundenheit fällt das Jubeln am Ende leichter.

Es gibt wohl kaum ein Stück, welches der mit allen Wassern der europäischen Orchesterliteratur gewaschene Simon Rattle in seinem Musikerleben intensiver kennengelernt hat als Mahlers frühes, vielgesichtiges Mammutwerk mit dem großen Chorfinale. 1973 überredete der Dirigierstudent in London seine Musik-Komilitonen, sich von ihm dirigieren zu lassen – und zwar mit diesem ausladenden Mahler-Werk. Auch in Rattles legendärer Zeit in Birmingham spielte Mahlers Zweite eine Schlüsselrolle. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass der Dirigent in dem jetzigen Sonderkonzert dem Stück das zwölfminütige „Tableau“ von Helmut Lachenmann voranstellt. Lachenmann ist der Komponist, der Musiker und Publikum gnadenlos zum Andershören anhält, in einer Zeit, in der alle Klänge, ja alle Klang- und Motivkombinationen schon dagewesen scheinen, in der die ganze Orchesterklangwelt von Assoziationen an schon gewesene Musik kontaminiert scheint.

Rätselhafte Poetik

Mahler, soweit kann man gehen, tut es in seiner ganzen Subtilität, seiner immer noch rätselhaften Poetik und der Subversivität seiner Orchesterbehandlung tatsächlich nicht gut, dass er heute in Abokonzerten rauf und runter gespielt wird. Und in dieser Hinsicht tut Lachenmann hier seinen Dienst. Die zerfahrene Oberfläche, die in Geräusch sich auflösenden vielstimmigen, mal sonoren, mal heiseren Akkorde sorgen für Orientierungslosigkeit, machen danach auch Gustav Mahlers Zweite Sinfonie zu jenem unerhörten Werk, das es einmal war und lassen selbst noch das finale „Aufersteh’n wirst du“ des rundum weich und transparent klingenden Rundfunkchors (präzise einstudiert vom scheidenden Chorleiter Simon Halsey) ungewohnt erscheinen.

Unerhört war die Zweite damals wohl nicht zuletzt aufgrund der apathischen Starrheit, mit welcher der junge Komponist im ersten Satz eine finstere Totenfeier heraufbeschwört. Rattle ist es so sehr um diese Starrheit zu tun, dass er sich kaum bewegt, manchmal, wie am Ende des Satzes, kaum atmet. Rattle lässt das Orchester in Freiheit spielen und schreibt ihnen doch die großen Mahlerschen Steigerungen und Entwicklungen so vor, wie es ein Dirigent mit weniger Erfahrung nicht könnte. Star des Konzerts wird der Solotrompeter Gabór Tarkövi, der zwischen den dramatisch aufwirbelnden Streichern, den infernalischen Fernorchestern sowie den Chorälen des schweren Blechs diesseits und jenseits der Bühne mit wunderbar sicherem, flexiblem Spiel vermittelt.