Operette

Barrie Kosky plant eine Operette auf Jiddisch in Berlin

Als Intendant der Komischen Oper will Barrie Kosky auch an die jüdische Tradition des Metropol-Theaters erinnern. Vor der Operetten-Premiere werden vorm Opernhaus drei Stolpersteine verlegt.

Foto: POP-EYE / Sini / POP-EYE/sinissey

Der Erfolg gäbe der Komischen Oper Sicherheit für andere mutige Projekte, sagt Intendant Barrie Kosky. Im vergangenen Jahr erreichte das Opernhaus eine Rekordauslastung von fast 88 Prozent. Es sind gerade auch die drei großen Operetten im Spielplan, die ständig ausverkauft sind. Am heutigen Freitag hat „Eine Frau, die weiß, was sie will!“ Premiere. Die Operette ist bei Kosky Chefsache, er hat sie selber inszeniert. Und er spricht gerne darüber.

Berliner Morgenpost: Operette stellen wir uns groß und bunt vor. Sie kündigen im großen Haus eine Premiere an mit nur zwei singenden Schauspielern, die durch 30 Rollen springen.

Barrie Kosky: Es sind nur 22 Rollen, wir haben 8 eliminiert in der Probenzeit. Ebenso sehr viel Text. Interessanter ist, wie ich zu dem Stück kam. Ich hatte in der Vergangenheit nur 4 oder 5 Lieder der Fritzi Massary aus den 30er-Jahren gehört. Was wir heute spielen, war von Oscar Straus nie als Operette, sondern nur als musikalische Komödie gedacht. Kein Chor, nur 30 Rollen. Es gibt eine Stunde Musik, zwei Stunden Text. Ich habe immer gesagt, als Opernhaus machen wir das nicht. Dann haben Dagmar Manzel und ich nach einem Projekt gesucht. Hinzu kommt, dass ich immer Lust habe, mit Max Hopp zu arbeiten. Das ist ein fantastischer Schauspieler, er kann so charmant böse sein. Es wird also ein Abend der großen Darstellerkunst.

Sie suchen Ihre Stücke nach den Darstellern aus?

Ich entscheide mich hier für kein Stück, wenn ich nicht weiß, wer die Hauptrollen spielen wird. Früher waren Premieren für große Stars gedacht. Daran knüpfe ich an. „Ball im Savoy“ war von Anfang an für Dagmar Manzel, Helmut Baumann und Katharine Mehrling gedacht, „Clivia“ für die Geschwister Pfister, „Die schöne Helena“ für Nicole Chevalier aus unserem Ensemble. Und glauben Sie mir, es gibt mehr interessante Darsteller in Deutschland, als ich Stücke am Haus anbieten könnte.

Die letzten Auslastungszahlen Ihres Opernhauses waren überraschend gut. Sind die 85 Prozent nicht der Operette geschuldet?

Fast 88 Prozent! 217.000 Besucher kamen im letzten Jahr zu unseren 232 Vorstellungen. Es gibt Leute, die sagen, ja, der Kosky macht Operette und dann stimmen die Zahlen. Sicherlich sind unsere drei großen Operetten ständig ausverkauft, aber auch unser Rameau hatte über 95 Prozent. Und selbst Zimmermanns zeitgenössische Oper „Die Soldaten“ lag bei beinahe 90 Prozent. Außerdem habe ich kein Problem damit, dass wir die großen Musicals spielen. Nächstes Jahr kommt „Kiss me, Kate“ zurück. Der Erfolg gibt uns die Sicherheit für andere mutige Projekte. Es gibt dann keinen Auslastungsdruck aufs Haus.

Kaum einer glaubte, als Sie bei Ihrem Amtsantritt 2012 die Wiederaufnahme der Operettenlinie ankündigten, dass es derart erfolgreich werden würde.

Ich auch nicht. Wir sind mit Paul Abrahams „Ball im Savoy“ schon ein großes Risiko eingegangen. Ein unbekanntes Stück, ein relativ unbekannter Komponist – das hätte ein Flop werden können.

Mit den Operetten-Premieren knüpfen Sie an die Geschichte des alten Metropol-Theaters an, aus dem 1947 die Komische Oper hervor ging. Sie wollen damit auch an die von den Nazis vertriebenen jüdischen Komponisten erinnern. Wissen Sie inzwischen, was in Berlin verloren gegangen ist?

Ja und nein, es ist schon ein subtiles Thema. Einiges kann man faktisch benennen. Die Mehrheit der großen Komponisten und fast alle Autoren waren Juden. Fast alle mussten ins Exil oder in den Tod gehen. Fast alle großen Darsteller, denken wir nur an Richard Tauber oder Fritzi Massary, waren Juden. Im Berlin der 20er- und beginnenden 30er-Jahre wurden die Operettentheater von jüdischen Produzenten geleitet. Das war der Broadway von Berlin. In den 30er-Jahren wurde die Operette dann etwas schäbig. Die ganzen mittelmäßigen Komponisten dachten, jetzt käme ihre Zeit. Verloren gegangen ist der Operette etwas anderes. Wer drei Stunden lang nur blöden Quatsch macht, der langweilt sein Publikum. Es funktioniert auch nicht, Operetten als tiefgründiges Regietheater anzulegen. Es braucht den Mittelweg aus Glaubwürdigkeit und Ironie. Entweder, jemand kann das oder nicht.

Gibt es im Vergleich zur Wiener oder ungarischen Form eine eigene jüdische Operette?

Das glaube ich nicht. Die erste jüdische Oper „Sulamith oder Tochter Jerusalems“ stammt von Abraham Goldfaden. Es war eigentlich eine große melodramatische Form mit Folkelementen, mit Fantasie, mit Klezmer und Zigeunermusik, mit Synagogalmusik und Operettenklängen zwischen Budapest, Wien und Berlin. Und alles auf Jiddisch. Bei der Uraufführung 1889 in Lemberg waren alle begeistert, Kafka schrieb darüber. Diese Mischform hatte aber mehr in Osteuropa Erfolg, die meisten großen Komponisten waren im späten 19. Jahrhundert nach New York ausgewandert. Deren Musik hat wiederum Komponisten wie Georg Gershwin oder Irwin Berlin beeinflusst. Eines meiner Projekte in den nächsten Jahren wird sein, eine jiddische Operette vom Ende des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Wir werden sie in der Komischen Oper Berlin komplett auf Jiddisch aufführen.

Wonach wählen Sie eigentlich die Operetten aus?

Auf keinen Fall will ich die Wiener Operette ans Haus holen. Darüber hinaus gibt es hunderte furchtbare Stücke. Für mich gibt es zwei Regeln. Erstens muss die Partitur fantastisch sein, jede Nummer muss stimmen. Es ist heute wie bei den Popsongs. Damals haben die Leute die Lieder auf der Straße gepfiffen. Zweitens muss man die richtigen Darsteller finden. Man kann ja in andere Opernhäuser gehen und sich die so genannte Operetten-Renaissance der Opernsänger anhören. So funktioniert das aber nicht. Ich bin ein großer Fan von Jonas Kaufmann, er ist ein grandioser Opernsänger. Aber für die Operette hat er nicht die nötige Ironie in der Stimme. Wenn Christian Thielemann Wagner und Strauss dirigiert, dann kniee ich nieder. Aber seine Ausflüge ins leichtere Fach sind stilistisch komplett falsch.

„Eine Frau, die weiß, was sie will!“ ist auch eine symbolische Premiere. Nach der Uraufführung 1932 mit Fritzi Massary wurden die Aufführungen von den Nazis gestört. Haben Sie diese Geschichte am Haus inzwischen aufgearbeitet?

Wir wissen schon, wer hier gesungen und gespielt hat. Ich möchte aber keine Liste mit Namen erstellen nach dem Motto, schaut mal, der war Jude und der auch. Wir verlegen heute kurz vor der Premiere stellvertretend an der Komischen Oper drei Stolpersteine, die an den Schauspieler und Sänger Fritz Spira, der im KZ Ruma ermordet wurde, den Konzertmeister Kuba Reichmann, dem die Flucht ins Exil gelang, und an den Theaterdiener Hans Walter Schapira erinnern. Er wurde ein Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis. Die beste Möglichkeit der Erinnerung bleibt für mich die künstlerische Arbeit. Hitler hat nicht gewonnen. Punkt.

Sie entdecken die alten Operetten neu. Fühlen Sie sich eigentlich in Nachfolge des Metropol-Theaters?

Nein, das Metropol-Theater war etwas anderes als die Komische Oper Berlin. Wir sind kein Operettentheater. Aber natürlich gab es hier eine große jüdische Geschichte. Ich mache die Stücke aber nicht, weil sie von Juden stammen, sondern weil sie zur deutschen Kultur gehören und grandios sind. Die Programme zur „Entarteten Musik“ in der 80er-Jahren waren sehr wichtig, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber ich möchte nicht, dass jemand in die Komische Oper Berlin kommt und denkt, er gehe jetzt in einen Abend mit „entarteter Musik“. Er kommt, um sich wichtige Musiktheaterstücke anzuschauen.

Die Oper wird immer wieder für tot erklärt, aber es entstehen immer wieder neue Werke. Die Operette gilt als bereits ausgestorben?

Wer sagt denn, dass die Oper tot ist? Vielleicht Peter Gelb in New York. Ich sehe fantastische Projekte rund um die Welt.

Glauben Sie, dass auch wieder neue Operetten entstehen können?

Wir haben am Haus eine Liste mit Namen, die vielleicht eine Operette schreiben können. Ich glaube nicht, dass es ein klassischer Komponist sein wird, eher ein Jazzkomponist. Ich fürchte, wir werden komplett anders denken müssen. Operette ist eine Kombination aus Boulevardkomödie und verschiedenen Musikstilen. Das muss organisch wachsen. Ich versuche bis spätestens 2022, so lange geht mein Vertrag, eine Uraufführung zu machen.