Interview

„Oper kann immer auch gutes Entertainment sein“

Donald Runnicles, Chefdirigent der Deutschen Oper, über seine Premiere mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ in Berlin und die Nachfolge bei den Philharmonikern.

Foto: Bettina Stoess

In der Deutschen Oper ist es die erste große Premiere, seit die Bühnenmaschinerie komplett erneuert wurde. Monatelang war das Haus geschlossen. Noch würde es ein wenig knirschen, sagt Donald Runnicles, alles müsse sich erst einspielen. Am heutigen Sonntag soll sich der Vorhang für Dmitrij Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ heben. Bereits in seinen jungen Kapellmeisterjahren in Mannheim hat sich Runnicles mit dem einst von Stalin geächteten und erst spät wieder entdeckten Meisterwerk des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Der Generalmusikdirektor nennt es sein Wunschstück.

Berliner Morgenpost: Dass an den drei Berliner Opernhäusern manche Stücke doppelt, gar dreifach zu sehen waren, wurde früher immer bemängelt. Zum gängigen Repertoire gehören rund 50 Opern, diese Quotenbringer wollte jedes Haus haben. Inzwischen hat man den Eindruck, dass unbekanntere Werke die Spielpläne prägen.

Donald Runnicles: Es ist doch eine erfreuliche Entwicklung: Die Häuser reden miteinander. Es wird vieles abgesprochen. Und die „Lady Macbeth von Mzensk“ war mein Wunschstück.

Aber das gängige Repertoire galt immer als Garant für volle Häuser, Schostakowitsch dagegen nicht. Gibt es keinen Zwang mehr, die ganzen Verdis, Mozarts, Puccinis rauf und runter zu spielen?

Den Wunsch, das Repertoire zu zeigen, gibt es natürlich. Berlin ist ähnlich wie Wien oder Paris eine Touristenstadt. Es gibt also Gäste, die wollen abends in eines der Opernhäuser gehen, und es ist wahrscheinlicher, dass sie in eine „Tosca“, „Madame Butterfly“ oder „Zauberflöte“ gehen. Darüber hinaus spielt das Internationale bis in die Besetzungen hinein. Das Publikum will die Stars sehen, sie wollen auch mal eine Sopranistin wie Anna Netrebko oder einen Tenor wie Marcelo Alvarez erleben.

Heute Schostakowitsch, dann Puccinis „La Rondine“, Berlioz’ „Romeo und Juliette“ und Gounods „Faust“: In der Deutschen Oper gibt es in dieser Saison keine einzige Premiere, die das Repertoire bedient.

Diese Spielzeit ist eine Ausnahme, weil sie so spät begann. Für die Sanierung der Obermaschinerie war das große Haus über Monate geschlossen. Ansonsten hätten wir noch zwei, drei Premieren mehr gemacht. Da wäre auch ein bekannter Verdi oder Puccini dabei gewesen.

Schon seit Jahren ist zu beobachten, dass die Opernhäuser ganz selbstverständlich des 20. Jahrhunderts mit einbeziehen. Was glauben Sie, wird dafür aus dem klassischen Repertoire verschwinden?

Auf Anhieb würde ich behaupten das Belcanto, einfach, weil es zunehmend schwieriger ist, diese Opern zu besetzen. Bellinis „Norma“ ist fast unmöglich zu besetzen, es gibt zwei, drei Sängerinnen auf der Welt, die das auf dem entsprechenden Niveau singen können. Aber wie viele Opernhäuser gibt es weltweit? Und fast verschwunden war bis vor kurzem die Operette. Ich freue mich auf den Tag, wenn wir zu Silvester „Die Fledermaus“ spielen können. Die Operette würde ich wahnsinnig gerne an der Deutschen Oper dirigieren. Das Problem der Operette ist ja nicht die Sängerbesetzung, sondern wie man sie in unserer Zeit inszeniert. Früher hat man in der Operette immer aktuelle, auch politische Witze gemacht. Und das Publikum wusste genau, worum es ging. Als junger Kapellmeister habe ich Lortzings „Zar und Zimmermann“ dirigiert. Wo steht die komische Oper noch auf dem Spielplan?

Vielleicht ist der Opernwelt der Humor abhanden gekommen?

Nein, die Leute lachen immer gerne in der Oper. Im Finale des ersten Aktes von Mozarts „Cosi fan tutte“ haben manche vor Lachen Tränen in den Augen. Auch in „Lady Macbeth von Mzensk“ gibt es schwarzen Humor. Oper kann immer auch gutes Entertainment sein. Schließlich soll die Oper auch aus dem Alltag entführen können, ob mit Lachen oder Weinen.

Das setzt voraus, dass das Publikum die Anspielungen in den Texten verstehen kann. Aber gerade auch wegen der umherreisenden Sänger werden Opern zunehmend wieder in Originalsprache gezeigt.

Das ist auch eine Entwicklung, die ich nicht verstehen kann. Wenn ein deutsches Publikum den „Figaro“ auf Italienisch hört und dabei immer auf die Übertitelung nach oben schauen muss, um zu erfahren, dass es jetzt gerade lustig zugeht, dann funktioniert das eigentlich nicht. Ich weiß nicht, was Mozart davon gehalten hätte. Mein Landsmann Benjamin Britten hat bei „Peter Grimes“ gleich eine Übersetzung ins Deutsche veranlasst. Das Publikum sollte möglichst jedes Wort verstehen.

Bei Schostakowitsch spielen Sie jetzt nicht die Zweitfassung „Katerina Ismailova“ von 1963, sondern die Urfassung unter dem Titel „Lady Macbeth von Mzensk“ von 1934. Weil da mehr Sexszenen drin sind?

Weil es die echte Fassung ist. Es ist die Fassung, nach der sich der Komponist zeitlebens gesehnt hat, wenn endlich die Zensur unter Stalin und dessen Nachfolgern vorbei ist. Aber Schostakowitsch ist 1975 in Moskau gestorben und hat die Urfassung nicht mehr gesehen. Es ging damals nicht nur um die Sexszenen, die sadistische Polizeiszene war für Stalin viel schockierender. Er fühlte sich durch die Satire persönlich angegriffen. Und obwohl das Stück bereits ein internationaler Erfolg war, verschwand es nach einem von Stalin gesteuerten Verriss in der „Prawda“ 1936 rigoros von den Bühnen. Schostakowitsch lebte in Todesangst. Erst Ende der 70er-Jahre wurde die Oper wieder entdeckt. In Mannheim, wo ich als Kapellmeister begann, waren wir eines der ersten Häuser, das die Urfassung auf die Bühne brachte. Das war dort 1986 meine letzte große Produktion.

Von einer turtelnden Taube ist in der zensierten Zweitfassung die Rede, in der Urfassung von einer brünstigen Stute. Es geht um eine frustrierte Ehefrau, die sich mit einem Arbeiter einlässt, den Schwiegervater vergiftet, dann ihren Mann, eine Nebenbuhlerin und am Ende sich selbst umbringt. Was ist das Berührende daran?

Der Oper merkt man an, wie es in dem 28-jährigen Schostakowitsch gekocht haben muss, wie die Emotionen nur so heraus sprudeln aus der Musik. Und so hat man unendlich viel Mitleid mit seiner Katerina Ismailova. Obwohl sie eigentlich eine Mörderin ist. Die ganze Geschichte ist bei aller Satire sehr bedrückend. Am Ende des Stücks ist man fix und fertig.

Als Dirigent?

Nein, obwohl ich kein Marathonläufer bin, könnte ich danach noch weiter machen. Man kann die Partiturseiten nicht schnell genug umblättern. Das Stück ist so kurzweilig und spannend wie ein guter Roman, den man nicht aus der Hand legen kann.

Eine große Harmonie ist seit einigen Jahren in der Berliner Konzert- und Opernwelt festzustellen. Alle Chefdirigenten und Intendanten bezeichnen sich gegenseitig als Freunde oder liebe Kollegen. Wo bleibt das Konkurrenzdenken?

Zurzeit herrscht wirklich Frieden. In Konkurrenz tritt man vor allem mit sich selber. Jeder will künstlerisch immer besser sein. Und was die Freundschaften angeht: Ich kenne Daniel Barenboim und Simon Rattle schon lange. Berlin ist groß und international genug, dass wir alle gut miteinander koexistieren können. Die Deutsche Oper konkurriert nicht mit der Staatsoper. Und Simon dirigiert bei uns an der Oper und ich regelmäßig bei den Philharmonikern. Ich finde das Miteinander viel gesünder.

Die Philharmoniker wählen demnächst einen Nachfolger für Simon Rattle. Es ist außergewöhnlich, dass sich die Musiker auf demokratische Weise ihren Chefdirigenten wählen können. Am Opernhaus gelten hierarchische Gesetze. Welches Modell ist heutzutage vernünftiger und erfolgversprechender?

Es gibt logische Gründe, warum bei den Philharmonikern so gewählt wird. Und es gibt ebenso gute Gründe dafür, warum in einem Opernhaus, in dem mehrere Sparten am Gesamtkunstwerk Oper beteiligt sind, ein anderes System vertreten wird.

Sie haben die Philharmoniker öfter dirigiert. Was braucht das Orchester für einen Chefdirigenten?

Es gilt das Gleiche wie in anderen Orchestern oder in Opernhäusern: Der Chefdirigent darf nie stehen bleiben. Es gibt immer etwas Neues im Repertoire zu entdecken. Das hat Simon getan, er hat sich auch um die Schulkinder bemüht und Educationprogramme in Gang gesetzt. Er hat die klassische Musik nicht nur in der Philharmonie präsentiert, sondern sie auch in andere Räume gebracht. Dirigenten müssen immer stärker versuchen, die klassische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Es wird nicht leicht sein, auf einen Simon Rattle zu folgen.