Oper mit Leib und Seele

„In meinem Beruf braucht man eine Portion Schamlosigkeit“

Der Bariton Markus Brück gehört zu den profiliertesten Ensemble-Sängern der Deutschen Oper Berlin. Sein Prinzip: Jede Rolle zu hundert Prozent ausschöpfen. Auch wenn es manchmal schwerfällt.

Foto: Matthias Horn / Deutsche Oper Berlin

Berliner Morgenpost: Herr Brück, Sie haben die Haare ab! Was sagt uns das?

Markus Brück: Das sagt uns, dass ich im „Barbier von Sevilla“ kurze Haare brauche und sie deswegen abgeschnitten habe. Denn in dieser Inszenierung sitzt über der Perücke, die ich tragen müsste, noch eine Kappe, und die wird ständig auf und wieder abgesetzt. Da fliegt sie weg, wenn man einen Augenblick nicht aufpasst. Als Sänger hat man ständig mit Haar-Fragen zu kämpfen.

Sie sind einer der prominentesten Sänger im Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Bloß: Eine Premiere haben Sie lange nicht gehabt?

Das lag an mir, weil ich mehrere Produktionen absagen musste. Bei „Falstaff“, wo der Regisseur Christof Loy die Hauptrolle sogar stark auf mich ausgerichtet hatte, bekam ich während der ersten Probenwochen eine Stimmbandentzündung. Eine Grippe kam hinterher. Bei der Wiederaufnahme hatte ich dann eine Bronchitis. So etwas abzusagen, tut schon weh. Beim „Tannhäuser“ kann man sich noch damit trösten, dass man sagt: Der Wolfram läuft einem nicht davon. Bei „Falstaff“, der nicht oft gemacht wird, ist das anders.

Läuft bei mehreren Absagen am Theater sofort die Gerüchte-Küche heiß?

Natürlich, das kann gar nicht ausbleiben. Man fragt dann vielleicht: Hat er die Rolle nicht gelernt? Kann er es nicht singen? Bloß: Dass ich belastbar bin, weiß ich selber. Und das wissen die Kollegen auch. Ich muss da nichts beweisen.

Schon in Philipp Stölzls Neuproduktion des „Parsifal“ waren Sie ursprünglich vorgesehen, oder?

Die Produktion hatte ich geprobt, bis sich zehn Tage vor der Premiere mein älterer Bruder das Leben nahm. Auch diese Rolle habe ich bislang nicht nachholen können.

Hatten Sie ein enges Verhältnis zu Ihrem Bruder?

Wir waren drei Brüder. Mein etwas älterer Bruder Jochen Schmeckenbecher ist gleichfalls Bariton. Jener dritte Bruder, der sich umgebracht hat, war indes 20 Jahre älter als ich. Er war Fotograf. Unser Verhältnis war durchaus eng. So groß der Altersunterschied auch war, so stark wächst man doch zusammen.

In einem Interview für die Zeitschrift „Opernwelt“, das wir vor drei Jahren geführt haben, bezeichneten Sie sich selber als „robust“. Sind Sie es noch?

Ja, das wird man nicht so schnell los. Die Erfahrung wächst und damit auch die Übung, mit der man Krisen und auch gesundheitliche Einschränkungen bewältigt. Als Amfortas von Todessehnsucht zu singen, das wäre in der damaligen Situation allerdings nicht gegangen. Noch als Don Pizzarro beim Finale von „Fidelio“ habe ich schwer schlucken müssen bei der Stelle: „Es sucht der Bruder seine Brüder...“ Übrigens glaube ich, dass man in jeder Rolle eine Verletzlichkeit suchen muss. Selbst bei Jago und bei Macbeth. Sonst wird’s grob.

Sie selbst wie auch ihr Bruder Jochen Schmeckenbecher entsprechen nicht unbedingt dem schöngeistigen Klischee eines Sängers. Wie kamen Sie zum Gesang?

Das fragen wir uns auch. Wir kommen aus Mannheim und sind, das kann ich sagen, damals viel ins Theater gegangen. Es war die große Zeit von Jean Cox als Tristan und Franz Mazura als Don Pizzarro und Klingsor. Ich kann Ihnen sagen, wie gigantisch das Gefühl war, als ich kürzlich erstmals an der Seite von Franz Mazura auf der Bühne stand. Er sang den Haushofmeister in „Ariadne auf Naxos“ in der Philharmonie – mit über 90 Jahren. Freilich, ich stamme nicht aus einem unmusikalischen Haus. Mein Bruder Jochen und ich haben Klavierunterricht gehabt und Blockflöte gespielt. Mein Vater war Betriebsleiter bei der „Rheinpfalz“-Zeitung. Das musikalische Interesse kommt eher von unserer Mutter.

Hatten Sie ein musikalisches Schlüsselerlebnis?

(Lacht.) Mit etwa elf Jahren habe ich in der Musikschule „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ gesungen – und durchaus Erfolg damit gehabt. Danach griff einiges ineinander. Mein Bruder Jochen war damals schon vom „Ring des Nibelungen“ infiziert und hatte ihn in der Schule durchgenommen. Er hat dann irgendwann einen Tag lang die ganze „Ring“-Gesamtaufnahme von Georg Solti durchgehört. Das waren Schallplatten, die mussten oft umgedreht werden. Das Essen wurde ihm ins Zimmer gebracht. Mit der Folge, dass er unter der Dusche „Wotans Abschied“ und alles mögliche sang. Wir haben dann unseren Klavierlehrer angesprochen, der einen Opernsänger aus Hagen kannte. Dieser Tenor, Reinhard Leisenheimer, wurde unser Lehrer.

Sie verfügen über eine erhebliche Bühnenpräsenz und sind, um es vorsichtig auszudrücken: ein Bühnentier. Richtig?

Ich gelte dafür. Und würde es nicht bestreiten. Der Grund liegt wohl darin, dass ich mich immer voll reinhänge. Auch bei Proben. Man zieht damit vielleicht auch die Kollegen mit. Heute höre ich bisweilen, es wäre wichtig, dass ich in „La Bohème“ zum x-ten Male den Marcello singe. Und ich tue es auch.

Könnte man sagen, dass Sie das sind, was man in Theaterkreisen eine „Rampensau“ nennt?

Definitiv! Natürlich im schönsten Sinne des Wortes. Als Darsteller, der relativ schamlos, ja hemmungslos mit allen Mitteln seine Rolle zu verkörpern sucht. Und der dabei bis zum Letzten geht. Sowohl stimmlich wie physisch.

„Relativ schamlos“, das bedeutet: absolut schamlos!

Wissen Sie, zum Beruf des Sängers gehört eine Portion Schamlosigkeit einfach dazu. Fast alle Rollen, die wir singen, verstoßen gegen die Grenzen des Anstands. Ob ich nun als Falstaff den Grapscher gebe oder als Amfortas meine Wunden zeige: Wir verkörpern keine Durchschnittsmenschen. Ich kann nur sagen: Ich werde immer versuchen, meine Rollen hundertprozentig zu interpretieren. Wenn ich spiele, ist nicht meine Meinung zur jeweiligen Inszenierung gefragt. Sondern meine Interpretation der Rolle. Die liefere ich.

Hat man als „Rampensau“ im Theater einen guten Ruf?

Es ist eher etwas Positives. Denn es ist etwas, an dem sich auch die Kollegen szenisch abarbeiten können.

Wie kommt es, dass Sie nicht unbedingt an Hauptrollen kleben?

Das liegt daran, dass man sich als Bariton ohnehin daran gewöhnen muss, nicht ständig Hauptrollen zu singen. Ich könnte den Beruf nicht ausüben, wenn ich nur Titelrollen singen wollte. Hinzu kommt, mir liegen die „grumpy old men“, also die griesgrämigen alten Säcke. Sie sind gutes Komödiantenfutter. Dazu würde ich sogar den „Figaro“-Grafen rechnen. Der ist eigentlich saukomisch, weil er in jedes aufgestellte Fettnäpfchen bereitwillig hineintappt.

Langjährige Rollen wie etwa Papageno in der „Zauberflöte“ singen Sie nicht mehr. Warum nicht?

Ich finde, das können auch jüngere Kollegen singen. John Chest etwa, der als Billy Budd einen großen Erfolg hatte. Ebenso Simon Pauly, der in dieser Rolle nach wie vor aktiv ist. Ich kann gönnen – und das meine ich nicht gönnerisch. Ich bin jetzt 14 Jahre am Haus, wir haben so viele Opern hier... Wenn ich alles singen würde, was ich singen möchte, würde ich das nur genau zwei Spielzeiten lang durchhalten. Dann wäre ich fertig.

Warum gastieren Sie nicht viel mehr an anderen Häusern?

Es stehen aufregende Aufgaben an, unter anderem mein Debüt als Macbeth und eine Premiere als Faninal im „Rosenkavalier“ – beide an Top-Häusern. Mehr sei noch nicht verraten. Aber ich bin gern in Berlin und kriege hier interessante Sachen zu singen. Demnächst etwa Rigoletto, den ich zuvor mit Katharina Thalbach in Köln erarbeitet hatte. Ich bin kein Auftrittsjunkie.

Wann werden Sie ehrgeizig?

Bei richtig neuen Sachen. Mit Unterrichten, was mir viel Spaß macht, habe ich erst kürzlich angefangen. Unser Beruf hat sich verändert, auch die Ansprüche, die an ihn gestellt werden. Das zu vermitteln ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme.

Wagners Wolfram im „Tannhäuser“, den Sie jetzt erneut singen, wird meist von noblen Herren verkörpert. Und bei Ihnen?

Ich könnte es, aber ich will es nicht. Dafür geht es zu tief bei dieser Rolle – zumindest in dieser Inszenierung (von Kirsten Harms, Anm.). Wenn Wolfram am Ende an der Leiche der Elisabeth steht und ein kleines bisschen handgreiflich wird, so können Sie das nicht mehr mit dem Impetus eines soignierten Herrn darstellen. Ich mach’s auf meine Art.

Eine Ihrer größten Rollen an der Deutschen Oper Berlin war der „Barbier von Sevilla“ – der jetzt wieder aufgenommen wird. Warum singen Sie nun den Bartolo, nicht mehr den Barbier?

Die Arbeit am „Barbier“, wiederum mit Katharina Thalbach, war fantastisch; egal, wie die Aufführung später aufgenommen wurde. Sie begegnet den Sängern mit so viel Respekt und zugleich auf Augenhöhe, dass ich mich sechs Wochen lang ganz herrlich aufgehoben gefühlt habe. Dennoch war es nicht die hundertprozentig richtige Rolle für mich. Heute würde ich außerdem zwei, drei Tage brauchen, um mich auf die musikalische Leichtgängigkeit der Partie wieder einzustellen. Ich singe inzwischen schwerere Sachen wie den Oberpriester in „Samson und Dalila“. Die Stimme entwickelt sich mehr ins Kavalierfach, und dem will ich auch folgen.

Von welchen Rollen träumen Sie nachts?

Nicht an erster Stelle von Wotan, den man mir schon angeboten hat. Auch an Kurwenal, eine eher undankbare Rolle, habe ich wenig Interesse. Telramund? Nur ohne Münsterszene! Und auch beim „Holländer“ stelle ich mir eigentlich eine andere Stimme vor: einen richtigen Bassbariton. Nicht nur einen Bariton mit Tiefe wie ich es bin. Nein, Traumpartien wären vielmehr die Bösewichte in „Hoffmanns Erzählungen“.

Wie steht’s mit Wozzeck?

Gerne, und ich schaue mich gelegentlich auch danach um. Ebenso Scarpia in „Tosca“. Da ist Musik drin! Und da ist es auch nicht so wie immer im „Tannhäuser“, wo mir Kollegen, wenn ich den Wolfram singe, in der zweiten Pause ein leutseliges „Und tschüss!“ zurufen. Ich will auch mal im zweiten Akt umgebracht werden.

Foto: Â©Bettina Stöß

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