Berliner Staatsoper

„Jede Vorstellung soll wirken wie die Premiere“

Abendspielleiterin Katharina Lang von der Staatsoper betreut ältere Stücke, bei Neuproduktionen arbeitet sie als Assistentin mit. Im Notfall übernimmt sie auch mal einen Schauspielpart.

Foto: Christian Kielmann

Sie sind die guten Geister des Repertoires. An Opernhäusern und Theatern sorgen die Spielleiter dafür, dass die Stücke immer frisch und lebendig bleiben, auch wenn sie schon seit vielen Jahren auf dem Spielplan stehen. „Jede Vorstellung soll wirken wie die Premiere“, erklärt Katharina Lang, die seit 1988 als Abendspielleiterin und Regieassistentin an der Staatsoper arbeitet.

Das älteste Stück, das sie betreut, ist „Der Barbier von Sevilla“; die Rossini-Oper hat ihre Lehrerin Ruth Berghaus 1968 inszeniert. Da müssen immer wieder Kostüme und Bühnenbildteile erneuert werden, und Katharina Lang hat eine ganze Generation von Sängern in die Ideenwelt der Inszenierung eingearbeitet. Auch „Tristan und Isolde“, „Macbeth“, „Don Giovanni“, „Le nozze di Figaro“ und „Die Zauberflöte“ gehören zu „ihren“ Produktionen.

Spielleiterin erstellt das Regiebuch

Bei Neuproduktionen arbeitet sie als Assistentin. „Manche Regisseure binden einen schon in die Entwicklungsphase ein, wenn sie das Stück analysieren und Ideen entwickeln. Das war bei Ruth Berghaus und Peter Mussbach so“, erzählt sie. Andere Regisseure wie Harry Kupfer machen ihre Vorbereitungen lieber allein. Spätestens bei den Proben ist die Assistentin dann aber im Einsatz, begleitet und unterstützt den Regisseur. Sie hilft dabei, die Inszenierung zu erschaffen und lernt sie in den sechs Probenwochen auswendig.

In der Zeit erstellt sie auch das Regiebuch für die Produktion. Das ist ein Klavierauszug, in dem zwischen zwei Notenseiten immer eine leere Seite eingeklebt wird, auf der die Assistentin wichtige Gedanken des Regisseurs, Auf- und Abgänge, Blickrichtungen, technische Ereignisse und vieles mehr festhält. Später müssen sie und auch ihre drei Kollegen daraus genau erkennen können, wann die Versenkung losfährt oder wann die Beleuchtung wechselt.

Neue Sänger werden präzise eingearbeitet

Eine Inszenierung, die Katharina Lang von Anfang an begleitet hat, betreut sie in der Regel auch später. Bei einer Wiederaufnahme kümmert sie sich darum, die neuen Sänger präzise einzuarbeiten. Manchmal kommt man dabei um Änderungen nicht herum. Eine Sängerin kann an der Schaukel abwärts hängend die Koloratur-Arie noch singen, die nächste schafft das nicht – also muss man eine andere Lösung finden, die dem Geist der Inszenierung entspricht. „Bei den Produktionen von Ruth Berghaus weiß ich immer recht genau, welche Änderung in ihrem Sinne wäre und welche nicht, weil ich viele Jahre mit ihr zusammengearbeitet habe und auch ihre Meisterschülerin war“, erzählt die Spielleiterin.

Die Produktionen während der Sanierungsphase der Staatsoper Unter den Linden für die Ausweichspielstätte im Schiller-Theater anzupassen, ist auch nicht immer einfach. Die Bühne selbst hat dieselben Maße, aber rechts gibt es so gut wie keine Seitenbühne. Bei „Aida“ musste Katharina Lang schon sehr genau arbeiten, um die großen Menschenmassen hinter der Bühne so zu platzieren, dass alle Umzüge, Auf- und Abgänge reibungslos funktionieren.

Da geht man dann Kompromisse ein, wie sie auch bei Gastspielen nötig sind. In den japanischen Mehrzweckhallen zum Beispiel gibt es keine Drehbühnen. Die Staatsoper behilft sich mit der „Reisescheibe“, die auf dem eigentlichen Boden angebracht wird. Sie ist allerdings kleiner und dreht sich langsamer, was bei manchen Inszenierungen zu seltsamen Verzögerungen führen könnte, wenn die Spielleiter das nicht wüssten.

Bei einem Gastspieler muss es schnell gehen

Schwierig wird es immer, wenn ein Sänger ganz kurzfristig einspringen muss. Dann fragt sich die Spielleiterin, was sie für den Gast vereinfachen kann, ohne den Geist der Aufführung zu stören. Der Sänger braucht die wesentlichen Informationen, aber nicht zu viele. „Das muss sehr schnell gehen. Ein Kollege hat einen Sänger mit dem Taxi vom Flughafen abgeholt und ihm dabei die Inszenierung erklärt. Ich habe eine Brünnhilde eingewiesen, während die Vorstellung schon lief.“

Während der Vorstellung steht sie dann auf der Seitenbühne oder in verschiedenen Gassen im Bühnenbild, um mit kleinen Zeichen zu helfen. Auch die anderen Sänger, Inspizienten und Techniker sind an solchen Abenden hellwach. „Danach ist man um Jahre gealtert – und glücklich“, meint die Spielleiterin. Eine einspringende Königin der Nacht darf keine Höhenangst haben. Sie steigt in einen silbernen Mond ein, wird festgeschnallt und dann im schaukelnden Wagen aus dem Bühnenhimmel herabgelassen. Das findet jeder aufregend, der es vorher nicht geübt hat.

Im Notfall springt die Spielleiterin selbst ein. Bei einer Aufführung des „Fliegenden Holländer“ saß die kurzfristig gefundene Sängerin mit den Noten auf der Bühne. Katharina Lang übernahm den Schauspielpart. „Die Senta musste in der Inszenierung die ganze Zeit auf einer schräg gestellten Wendeltreppe spielen. Für eine nicht eingearbeitete Sängerin wäre die Unfallgefahr einfach zu groß gewesen.“

Die Begegnung mit Ausnahmekünstlern ist ein Glück

Als Kind sang Katharina Lang im Rundfunk-Kinderchor und sie besuchte die musikalisch geprägte Georg-Friedrich-Händel-Oberschule. Als Jugendliche hatte sie schon die Idee, Opernregie zu studieren. An der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ lernte sie bei Meistern des Fachs wie Peter Konwitschny, machte Praktika bei Ruth Berghaus und Harry Kupfer. Nach dem Studium bekam sie direkt das Angebot, an der Berliner Staatsoper anzufangen.

Ein paar eigene Inszenierungen hat Katharina Lang realisiert, etwa „La Perichole“ in Annaberg-Buchholz und „Elektra“ in Sydney. Freiberuflich als Regisseurin zu arbeiten, ist aber schon lange nicht mehr ihr Ziel. Manchmal betreut sie zwei Wiederaufnahmen gleichzeitig und arbeitet praktisch rund um die Uhr. Trotzdem findet sie ihre Arbeit an der Staatsoper absolut erfüllend. „Die Zusammenarbeit mit Ausnahmekünstlern wie Berghaus, Kupfer, Barenboim und Gielen ist ein großes Glück“, sagt sie. „Ich würde mein Haus nicht verlassen.“