Wie viel Neues steckt in Nacho Duatos „Dornröschen“, und was bleibt konventionell? Die Antwort des Choreografen und Regisseurs überrascht: „Alles ist traditionell, und alles ist neu!“ Die Geschichte mit ihren Figuren bleibt genauso wie in Marius Petipas Urversion von 1890. Auch Tschaikowskys Musik tastet er kaum an. Doch die Schritte und Bewegungen hat der neue Intendant des Staatsballetts Berlin erfunden. „Die Schritte orientieren sich am klassischen Stil, aber der Oberkörper ist viel mehr im Einsatz, und die Arme machen ungewohnte Bewegungen“, erklärt Nacho Duato. „Es bleibt ein klassisches Stück, aber es passt doch in unsere Zeit. Es ist ein dramatisches Märchen, in dem viel passiert und das frisch und lebendig aussieht.“

Mit „Dornröschen“ feiert Nacho Duato (58) am 13. Februar in der Deutschen Oper seine erste Premiere mit seiner Berliner Compagnie. Die Choreografie und Inszenierung hat er vor vier Jahren für das Mikhailovsky Theater in St. Petersburg entworfen. Es war damals sein erstes Tschaikowsky-Ballett. „Die Inszenierung des Märchens war nicht schwieriger als sonst, aber die Logistik. Immerhin hat man 80 Tänzer auf der Bühne, die alle auf- und abtreten und genügend Zeit haben müssen, um ihre Kostüme zu wechseln.“

Die Hauptrolle spielt die Musik

Die Geschichten in den klassischen Balletten findet er meist nicht besonders anregend. „Eigentlich geht es doch immer um die unmögliche Liebe und darum, den Geliebten in einer anderen Welt zu treffen.“ Der spanische Choreograf möchte die alten Märchen aber auch nicht wie sein schwedischer Kollege Mats Ek modernisieren und politische Statements damit abgeben. Für Nacho Duato spielt die Handlung in klassischen Balletten nicht die Hauptrolle, sondern die Musik. Er würde niemals die Choreografie zu einem Stück machen, dessen Musik ihm nicht gefällt. „Don Quichotte“ käme aus diesem Grund für ihn nicht in Frage. Tschaikowsky und Prokofjew bewundert der Intendant. „Cinderella“ zu inszenieren, könnte er sich durchaus vorstellen.

Duato, der mit 18 Jahren seine Heimat Valencia Richtung London verließ, um Tänzer zu werden, gehört seit drei Jahrzehnten zu den weltweit gefragten Choreografen. Seine Musikalität ist legendär, und auch Humor ist ihm wichtig. Beides prägt seine Version von „Dornröschen“. Viel Spaß hat ihm die Inszenierung der Hochzeit im dritten Akt gemacht, an der all die Figuren aus den anderen Märchen teilnehmen: Rotkäppchen und der Wolf, der Froschkönig, Cinderella und Belle mit ihrer Bestie. „Man muss nichts mehr erzählen, die Geschichte ist eigentlich zu Ende. Der ganze Akt ist wie ein schönes Divertissement, bei dem man sich entspannen und einfach tanzen kann.“

Kostüme wie Haute Couture

Vom effektvollen Bühnenbild schwärmt der Neu-Charlottenburger, und vor allem von den klassischen Kostümen seiner Ausstatterin Angelina Atlagic: „Ich habe noch nie Ballettkostüme gesehen, die so detailliert und edel gearbeitet sind – wie Haute Couture.“ Er möchte sein „Dornröschen“, bis auf ein paar Kleinigkeiten, in Berlin genauso auf die Bühne bringen wie in St. Petersburg. Iana Salenko (Prinzessin Aurora), Leonid Sarafanov (Prinz Desiré) vom Mikhailovsky Theater und Rishat Yulbarisov (Carabosse) übernehmen die Hauptrollen bei der Premiere.

Nicht nur für „Dornröschen“ sollen sich die Berliner Tänzer an seinen Stil und seine Philosophie des Tanzes gewöhnen: „Im Ballett liegt der Fokus meist auf der Technik. Wie hoch geht das Bein? Wie weit springt der Tänzer? Ich möchte, dass die Tänzer wirklich die Musik mit dem Körper ausdrücken“, erklärt der neue Intendant. Ihm ist nicht wichtig, wie viele Pirouetten die Tänzerin dreht, sondern wie die Drehung zur Musik passt. Er erzählt von großen Stars aus Russland, die ihre stupende Technik vorführen, aber dabei vergessen, dass es um den Ausdruck des Körpers geht. Gute Technik ist für ihn nur eine Grundlage. „In den 50er und 60er Jahren haben große Tänzer nicht so sehr auf ihre Beine geachtet, sondern die Musik mit Bewegung interpretiert. Da ist viel verloren gegangen.“

Mehr Gewicht soll auf die Bühne

Er wünscht sich größere, stärkere Bewegungen von den Tänzern. Vor allem in den zeitgenössischen Stücken, aber auch in den klassischen Balletten sollen sie mit mehr Gewicht auf der Bühne stehen. Der Wunsch nach Erdung klingt wie eine Gegenbewegung zu der schwebenden Leichtigkeit ohne Bodenhaftung, für die sein Vorgänger stand: der „fliegende Vladimir“ Malakhov.

„In meinem Herzen bin ich zuerst Tänzer, dann Choreograf und dann erst Ballettdirektor. Im wirklichen Leben ist es allerdings umgekehrt“, sagt Nacho Duato und lacht. Drei Mal wollte Berlin ihn als Ballettdirektor engagieren, das letzte Mal war der Zeitpunkt richtig. Als Chef des Mikhailovsky Balletts in St. Petersburg hat er viel gelernt und mit „Dornröschen“, „Romeo und Julia“ und „Der Nussknacker“ seine ersten drei klassischen Ballette inszeniert. Vor allem hatte er ein Publikum voller Ballettenthusiasten wie nirgendwo sonst auf der Welt. Trotzdem hat er sich als bekennender Homosexueller in dem homophoben Land und als Spanier in den eisigen Wintern nicht ganz am rechten Platz gefühlt. „Ich habe in der Zeit zehn Ballette geschaffen. Wie ein Mönch habe ich mich nur auf die Arbeit konzentriert. Ich will aber auch leben, hinausgehen und mich mit Leuten treffen.“

Mit Vorbehalten empfangen

Viel Kritik schlug ihm in Berlin entgegen, noch ehe er überhaupt seinen Fuß in die Stadt gesetzt hatte. Er ging gelassen damit um, er war Schlimmeres gewohnt. Schließlich hatte er Drohbriefe bekommen, bevor er die Compañía Nacional de Danza in Madrid übernahm und dann in zwei Jahrzehnten zu einer führenden Compagnie machte. In St. Petersburg hatte er Gegner, weil er der erste Ausländer an der Spitze des russischen Ensembles war.

In Berlin fühlt er sich wohl. Duato lässt sich Zeit, um die Tänzer und all die anderen Mitarbeiter kennenzulernen. Er spricht mit jedem, die Tür zu seinem Büro steht immer offen. Als ersten Coup holte er die Star-Tänzerin Polina Semionova für elf Vorstellungen nach Berlin zurück. Drei Premieren hat er für seine erste Saison angesetzt. Auf „Dornröschen“ folgt am 14. März Duatos ältere Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach: „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“. Für die Mai-Premiere kreiert er dann sein erstes neues Stück für das Staatsballett Berlin. Klassische Ballette werden im Repertoire neben modernen Choreografien stehen, die sich z.B. mit Drogensucht beschäftigen. Es soll noch mehr jüngeres Publikum angezogen werden. Die Zusammenarbeit mit der Staatlichen Ballettschule wird enger, und irgendwann möchte Duato wie in Madrid eine „Junior Company“ als eigene Nachwuchsschmiede gründen. Elf neue Tänzer hat er schon engagiert, weitere sollen folgen. Er ist mit Jiří Kylián, William Forsythe und der Balanchine Foundation im Gespräch.

Nacho Duato kommt langsam an und hat viel vor in Berlin. „Wir sind das Aschenputtel der Künste. Musik, Oper und Schauspiel spielen hier eine größere Rolle als Ballett“, sagt er leise und fügt dann kämpferisch hinzu: „Natürlich soll sich das ändern!“

Premiere am 13. Februar in der Deutschen Oper Berlin