Theaterberufe

Wenn ein Tänzer alle Hände voll zu tun bekommt

25 Jahre war Oliver Wulff beim Staatsballett Berlin auf der Bühne zu erleben. Heute arbeitet er in der Compagnie als Ballett-Inspektor und ist die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Abteilungen.

Foto: Christian Kielmann

Die Jalousie in der Garderobe spielt verrückt. Kostüme für „Don Juan“ müssen in die Komische Oper, Plakate sollen in die Marketingabteilung, und die Dramaturgin möchte zurückgerufen werden. Was ist zuerst an der Reihe? Ballettinspektor Oliver Wulff (45) hat immer alle Hände voll zu tun. „Denkst du noch an die DVD, die ich ausleihen möchte?“ ruft ein Tänzer, während er durch den Ballettsaal eilt.

Da klingelt schon wieder das Telefon, und die Tischlerei meldet sich wegen der Renovierung des Büros für den neuen Intendanten Nacho Duato. Oliver Wulff ist für alles zuständig. Er bildet die Schnittstelle zwischen den verschiedenen Abteilungen des Staatsballetts Berlin.

Seit anderthalb Jahren leistet sich die Compagnie einen hauptamtlichen Ballettinspektor. Der Beruf ist in Deutschland selten geworden. „Ich habe von Kollegen gehört, dass es in Russland, Serbien und Kroatien aber noch Ballettinspektoren gibt“, erklärt Oliver Wulff. 25 Jahre lang war er als Tänzer beim Staatsballett engagiert. Noch immer steht er in kleineren Rollen auf der Bühne, etwa als Komtur im „Don Juan“. Doch der Tanz nimmt nur noch zehn Prozent seiner Berufszeit in Anspruch.

Eigens geschaffene Stelle

Tänzerkarrieren sind kurz, spätestens mit vierzig denkt man über ein Ende der Bühnenlaufbahn oder einen Wechsel zum „Darsteller kleines Fach“ nach. Manche werden Choreografen oder Ballettmeister, andere Ärzte oder Juristen. Oliver Wulff hat sich viele Jahre lang als Ballettsprecher und Personalrat profiliert. Er kann gut organisieren und Menschen anleiten. Deshalb schuf die Ballettdirektion die Stelle des Ballettinspektors für ihn. „Der genaue Aufgabenkatalog stand am Anfang noch nicht fest“, erzählt Wulff. „Ich habe den Job mit kreiert, indem ich die Augen offen hielt und erkannte, wo Hilfe nötig ist.“

Nun ist er zum Beispiel Herr über die Videothek des Hauses. Er verwaltet 700 bis 800 DVDs mit Aufnahmen von den Produktionen des Staatsballetts und seiner Vorgänger-Ensembles. Bis 1980 reicht das Videoarchiv zurück. „Wenn der Dirigent wechselt oder ein neuer Tänzer kommt, kopiere ich die DVD und leihe sie aus. Ich habe ein Buch, in das ich einschreibe, um welche Produktion mit welchem Vorstellungsdatum es sich handelt und wer sich die DVD wann ausgeliehen hat“, erzählt der Ballettinspektor. In den Ballettsälen gibt es große Bildschirme und DVD-Player. In Zukunft sollen die ganzen Aufnahmen direkt vom Server in die Säle eingespielt werden.

Wichtigstes Requisit: das Telefon

Ein zweites Aufgabengebiet des Ballettinspektors ist die Haustechnik. Wenn es hereinregnet und die Böden in den Sälen nass und glatt sind, nimmt er sein Telefon in die Hand und sorgt für Abhilfe. Dasselbe gilt, wenn ein Computer, die Klimaanlage, Waschmaschine oder Sauna nicht richtig funktionieren.

Der kaufmännische Teil seines Berufs umfasst den Einkauf des Bürobedarfs, aber auch von Stühlen und Konferenztischen. Wenn die Terrasse vor dem neuen Intendantenbüro saniert werden muss, holt er Kostenvoranschläge bei Handwerkern ein. Am Anfang hat er eine kurze Fortbildungsveranstaltung besucht und die Vergabevorschriften gelernt. Er muss wissen, dass Aufträge ab 10.000 Euro öffentlich ausgeschrieben werden müssen, sonst bekommt er Ärger mit dem Rechnungshof.

„Aus allen möglichen Abteilungen habe ich mir Aufgaben gesucht. Ich weiß gar nicht, wer das alles vorher gemacht hat“, überlegt er. Nach 15 Uhr, wenn die Sekretärin nicht mehr im Haus ist, übernimmt Oliver Wulff auch die Anrufe von außen auf seinem Handy. „Wenn ich mal vergesse, die Umschaltung wieder auszustellen, klingelt es noch bis Mitternacht.“

Besonders viel Freude machen ihm große Projekte mit den Kooperationspartnern des Staatsballetts. Gemeinsam mit dem Hotel Brandenburger Hof hat er einen ganzen Weihnachtsmarkt mit einem riesigen Tannenbaum im Foyer de la Danse entstehen lassen. „Da habe ich drei Tage und drei Nächte durchgearbeitet“, erinnert er sich fröhlich.

Bisweilen noch als Tänzer aktiv

Oliver Wulff spricht schnell und konzentriert. Man kann sich gut vorstellen, dass er viele verschiedene Aufgaben in kurzer Zeit erledigt. Sobald er im Haus ist, kommen alle mit Fragen und Wünschen auf ihn zu. Seine Tänzer-Kondition kommt ihm immer wieder zu Hilfe. Von 9 bis 18 Uhr ist die Kernarbeitszeit des Ballettinspektors. Er findet es gut, dass er seine Termine selbst bestimmt und sich seine Arbeitszeit flexibel einteilen kann. Wenn er heute zwölf Stunden lang im Haus ist, kann er morgen entsprechend später kommen.

Er müsste nicht mehr tanzen, aber ganz kann er sich noch nicht von der Bühne trennen. Er liebt seine Charakterrollen wie den Herzog in „Romeo und Julia“, Dorothys Vater in „Oz – The Wonderful Wizard“ oder den Vater in „Schneewittchen“. Eine Neuproduktion erfordert viel Probenzeit, da muss er sich seine Kräfte gut einteilen. „Mein Leben ist straff“, sagt der Vater dreier Söhne, der trotz des Pensums im Beruf keineswegs unglücklich wirkt. Für ihn war die Entscheidung für die Arbeit als Ballettinspektor genau richtig.

Ein Ziel hat er sich auch schon gesteckt. Irgendwann möchte er in der Produktionsleitung arbeiten, mit seinem Organisationstalent und seinem Erfahrungsschatz aus 27 Jahren die großen Produktionen des Staatsballetts begleiten.