Ganz offiziell gibt es den Titel „Theaterhauptstadt“ gar nicht. Zumindest nicht als behördlich beglaubigte Benennung wie etwa „Kulturhauptstadt Europas“. Schwer begehrt ist er trotzdem. Die Kriterien sind streng subjektiv. Man könnte Auslastungszahlen oder Premieren pro Spielzeit zugrunde legen. Doch mit schnöden Zahlen kam man bei Kunst noch nie weit, und also ist es kein Zufall, dass die Diskussion jedes Jahr Anfang Februar neu entflammt.

Wenn nämlich am kommenden Montag im Haus der Berliner Festspiele die siebenköpfige Jury jene zehn Inszenierungen des deutschsprachigen Raums verkündet, die zum diesjährigen Theatertreffen im Mai eingeladen werden, dann geht’s außer um Ruhm und Ehr auch um kulturellen Lokalpatriotismus. Wer sahnt die meisten Einladungen ab? Berlin gelang das zuletzt 2012. Gibt es dieses Jahr Hoffnung auf den Punktsieg? Ziemlich unwahrscheinlich.

Aktueller Theaterhauptstadt-Titelträger ist München, vier von zehn Einladungen gingen 2014 in die bayerische Landeshauptstadt. Aus Berlin war mit Herbert Fritschs Oper „Ohne Titel Nr. 1“ an der Volksbühne nur ein einziges Theater geladen, das Hebbel am Ufer war in einem Fall immerhin noch Mitproduzent. Auch dieses Mal wird es wahrscheinlich nicht zum großen Berliner Triumph reichen. Nur eine Produktion wird in den Foyergesprächen dieser Tage fast einstimmig als heißer Favorit gehandelt: Yael Ronens berührendes Balkan-Biografie-Stück „Common Ground“ am Maxim Gorki Theater, weil es das schwammige, aber einzige Jury-Kriterium „bemerkenswert“ sowohl in der Konzeption als auch in der Umsetzung voll erfüllt.

Solide Arbeiten, wenig wirklich Herausragendes

Das war’s dann aber auch, außer dem Gorki gibt es ein paar „Du bist es vielleicht“-Kandidaten, durchaus solide Arbeiten, aber wenig wirklich Herausragendes, noch nicht einmal echte Aufreger. Was war da los im letzten Berliner Theaterjahr? Die Hauptstadt-Bühnen zeigten sich wenig mutig und setzten sehr auf das, womit sie naturgemäß besser ausgestattet sind als kleinere Häuser: die großen Schauspieler.

So war das letzte Jahr eins der starken Frauen: Nina Hoss in „Die kleinen Füchse“ an der Schaubühne, Corinna Harfouch als „Wassa Schelesnowa“ am Deutschen Theater, Susanne Wolff als „Ismene“, das waren glanzvolle Abende der Schauspielkunst, aber sie waren relativ konventionell inszeniert, ob das für das Gesamtkunstwerksiegel „bemerkenswert“ reicht, ist fraglich.

Am Montag sind wir schlauer

Bessere Chancen haben da noch die Herren Samuel Finzi und Wolfram Koch als famose Zeittotschläger in „Warten auf Godot“, denen Regisseur Ivan Panteleev mit dieser Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Deutschen Theaters eine heitere Leerstellen-Revue spendiert. Zwei weitere Produktionen tragen zumindest starke Regiehandschriften: Leander Haußmanns Anti-Kriegs-„Woyzeck“ am Berliner Ensemble und David Martons Musik-Schauspiel „Pelléas und Mélisande“ an der Volksbühne. Doch für alle Genannten gilt: Sollten sie nicht eingeladen werden, wäre das nicht gerade ein Skandal, außer bei „Common Ground“, das käme einem Affront schon sehr nahe.

Bleiben zur Rettung der hauptstädtischen Theaterehre noch die freien Produktionen. Der erste Joker könnte Thorsten Lensings minimalistischer „Karamasow“-Abend sein, an dem die Sophiensäle zumindest koproduzierend beteiligt sind. Ein zweiter Dirk Cieslaks Gastfreundschafts-Performance-Reihe „Ausnahmezustand“ im Kreuzberger Künstlerraum „Vierte Welt“, die schon für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost nominiert ist. Oder doch „Prinzip Gonzo“ mit seinem Schicksals-Monopoly „Spiel des Lebens“? Das sind Möglichkeiten, aber mit eher niedrigen Wahrscheinlichkeiten und sowieso ist all das natürlich pure Orakelei, nur selten hat die Jury den Erwartungen entsprochen. Die Spekulation vor der Verkündung gehört zum Theatertreffen wie die Mäkelei danach. Montag sind wir schlauer, bis dahin bleibt als schwacher Trost: Werden tatsächlich nur wenige Berliner Inszenierungen eingeladen, dann sind im Mai umso mehr weit angereiste dabei, die zu sehen wir ansonsten vielleicht nie die Gelegenheit gehabt hätten.