Mitte

Vom Charme des Internationalen in einem besonderen Kino

Architekt Dietrich Worbs hat sieben Jahre über das Kino an der Karl-Marx-Allee geforscht und darüber ein Buch geschrieben. Es gibt tiefe Einblicke in den einstigen Vorzeigebau der DDR.

Foto: Gebr. Mann Verlag

Bequeme Sitze, eine große Leinwand und vor allem die Großzügigkeit schätzten die Besucher im Kino International schon zu DDR-Zeiten – auch wenn es nicht leicht war, eine Karte zu ergattern. Oft mussten sich die Besucher bei begehrten Filmen erst einmal in die Warteschlange einreihen. Aber schließlich ging es um einen Besuch im Kino International – das war und ist ein ganz besonderes Lichtspielhaus.

Dietrich Worbs, Architekt und Bauhistoriker, hat sich nach seinen Veröffentlichungen zur Berliner Denkmal-Landschaft sowie zur Komödie und dem Theater am Kurfürstendamm in seinem neuesten Buch deshalb auf die Spuren begeben, warum der viel gelobte Bau der DDR-Nachkriegsmoderne auch heute noch sein Publikum findet. Der Gebrüder Mann Verlag und die Yorck Kinogruppe, die das Kino 1992 gepachtet und vier Jahre später erworben hatte, luden jetzt zur Buchveröffentlichung in die Panoramabar des Kinos an der Karl-Marx-Allee 33 in Mitte.

Dietrich Worbs arbeitete von 1985 bis 2004 beim Landesdenkmalamt in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Während dieser Zeit wurden einige Bauten unter Denkmalschutz gestellt, darunter das 400 Meter lange Zentrum am Zoo mit dem Bikinihaus und dem Zoo Palast sowie auch die beiden noch heute existierenden Kudamm-Kinos Cinema Paris und das Astor, dem früheren Filmpalast Berlin. „Das Cinema Paris wurde auf dringende Anforderung des damaligen Stadtentwicklungssenators Hassemer unter Schutz gestellt“, erinnert sich Worbs.

Geheimtipp zur Berlinale

Als Bauhistoriker war Worbs auch als Gutachter bei Gericht gefragt und musste etliche Unterschutzstellungen bei Klagen von Eigentümern vertreten. Das Kino International hat Worbs erst nach dem Mauerfall kennengelernt, als Kinobesucher im Rahmen der Berlinale. „Die Spielstätten in Charlottenburg und am Potsdamer Platz waren überfüllt. Und im International gab es Berlinale-Karten einfacher. Man konnte sie dort sogar noch abends kaufen, so dass ich nicht vorher zum Ticketverkauf extra ins Festspielhaus an die Schaperstraße musste“, erinnert sich Worbs, der in der City West wohnt.

Anfang 2000, bei Worbs ersten privaten Besuchen, hatte das Kino architektonisch großen Eindruck auf ihn gemacht. „Es liegt im ersten Obergeschoss, ist also nicht ebenerdig, so wie die meisten Kinos, unten gibt es eine Garderobe, und das obere Foyer mit Bar ist ebenfalls sehr großzügig geplant. Alles ist sehr repräsentativ“, so Worbs. Das Kino International sei nicht nur als Stadtteilkino, sondern als Uraufführungskino geplant worden, was man dem Bauwerk anmerke.

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Vergleiche mit dem Kino Zoo Palast in der City West oder der Deutschen Oper Berlin an der Bismarckstraße, wie es sie manchmal gebe, wenn es um das Kino International gehe, seien nicht zutreffend. Der Zoo Palast habe zwar auch das Kino im ersten Obergeschoss, dort jedoch kein oberes Foyer wie im International. Und bei der Deutschen Oper, die zwar ein Foyer und Galerien im Obergeschoss habe, lägen die Fenster nicht zur Straße, sondern zur Seite. Vermutlich aus Lärmschutzgründen. Der großzügige Ausblick wie beim Kino International fehle aber infolgedessen.

In seinem Buch beschäftigt sich Worbs detailliert auch mit der Baugeschichte des zweiten Bauabschnitts der ehemaligen Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), der vom Alexanderplatz bis zum Strausberger Platz reichte und im Zuge dessen auch das Kino International ab 1961 errichtet wurde. Der erste Bauabschnitt umfasste die Gebäude vom Strausberger Platz bis zum Frankfurter Tor. Nicht nur die unterschiedliche Baugeschichte des ersten und zweiten Abschnitts der Magistrale beleuchtet Worbs, auch auf die DDR-Filmwirtschaft geht er ein, die im Kino International ihre Erfolge feierte. Immerhin habe die Defa zwölf Spielfilme pro Jahr produziert, deren Uraufführung auf die Kinos Kosmos und International verteilt worden seien.

Übergang zur Plattenbauweise

„Der zweite Bauabschnitt der Stalinallee, die im November 1961 in in Karl-Marx-Allee umbenannt wurde, war der Anfang der Plattenbauweise im Hochhausbau. Fünf Geschosse waren schon in den 20er-Jahren möglich, aber zehngeschossige Hochhäuser wie dort, das war eine Neuentwicklung“, sagt Worbs. Um ausreichend schnell Wohnungen zu schaffen, sei man damals vom traditionellen Mauerwerksbau, bei dem Stein auf Stein wie noch im ersten Abschnitt der Stalinallee gearbeitet worden sei zur Plattenbauweise übergegangen.

Sieben Jahre hat Worbs an dem Buch gearbeitet. Er scheue sich etwas, das zugeben zu müssen, aber die Quellenlage sei hervorragend gewesen, und die Recherchen seien eben immer tiefer geworden. Einer seiner ersten Zeitzeugen, die er befragte, war Bernd-Rüdiger Mann, der das Kino International von 1971 bis 1984 leitete. Über ihn lernte Worbs dann auch die Theaterleiterin Christine Weigand kennen, die von 1986 bis 1998 dafür verantwortlich war. „Die ersten Interviews haben wir im Literaturhaus an der Fasanenstraße geführt. Die langjährigen Theaterleiter haben mir berichtet, welche Filme sie aufgeführt haben, aber auch welche abgesetzt wurden“, sagt Worbs. Auch im Archiv und in der Bibliothek der Filmhochschule Babelsberg „Konrad Wolf“ hat Worbs recherchiert.

Kritik am Sozialismus

Auch das Archiv der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz, wo er in Filmzeitschriften der DDR immer wieder über den Theaterleiter Mann gelesen hatte, bevor er ihn persönlich kennenlernte, brachte Worbs ab 2008 für sein Buch viele Ansatzpunkte, um dem Kinobau zeitgeschichtlich und filmhistorisch gerecht zu werden. Sogar im Archiv des Beauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR hat er recherchiert. Und herausgefunden, dass der Architekt des Kinos, Josef Kaiser (1910–1991), der den zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee leitete, überwacht wurde – wie auch seine Kollegen.

Zudem konnte er sich sogar weigern, in die SED einzutreten und trotzdem im kollektiven Architekturbüro seine Entwürfe bei dem wichtigsten Bauvorhaben der DDR verwirklichen. „Er konnte sogar sagen, dass der Sozialismus keine Zukunft hat, das haben mir drei Kollegen von ihm verbürgt erzählt“, berichtet Worbs. Obwohl Kaiser mit der DDR als sozialem und gerechtem Staat einverstanden gewesen sei, habe er kritisiert, dass es keine Meinungsfreiheit und Eigeninitiative gab. „Er konnte sich das leisten, weil er als bürgerlich technisch-versierter Intelligenzler angesehen war“, resümiert Worbs.

In die Denkmalliste Berlins übernommen

Dass das Kino International die Wendezeit überlebt hat, liegt nach den Recherchen Worbs an zwei Hauptfaktoren: Das Nachbargebäude „Hotel Berolina“, das Restaurant „Moskau“ und das Kino International wurden 1990 als Gesamtanlage in die DDR-Denkmalliste eingetragen und später in die Denkmalliste Berlins übernommen. Außerdem war das Kino durchgängig auch während der Wendezeit betrieben worden, so dass die Kontinuität gegeben war. So sind die Besucherzahlen zwar von 380.000 im Jahr 1984 auf heute jährlich bis zu 150.000 zurückgegangen. Doch das Kino hat laut Worbs mit Tagungen, Events, Festen und Kongressen eine zweite Einnahmequelle.

Nicht nur die Bundesarchitektenkammer weiß den Charme des immer noch authentischen Interieurs im Kino International zu schätzen. Bis auf die Sitze, die ausgetauscht wurden und heute Blau sind, ist alles noch original erhalten. Sogar der champagnerfarbene Paillettenvorhang, der die gekrümmte rund 20 Meter breite Bildwand kunstvoll verhüllt. Er schob sich schon auseinander, als das Kino im Beisein von Walter Ulbricht am 15. November 1963 mit dem sowjetischen Film „Optimistische Tragödie“ eröffnet wurde.

Dietrich Worbs: Das Kino International in Berlin. Ein Bau der Nachkriegsmoderne und der Filmgeschichte der DDR, Gebr. Mann Verlag 2015, 19,95 Euro

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