Möglicherweise strahlt die Neue Nationalgalerie noch viel stärker aus, als man gemeinhin denkt. Wie eine Skulptur wirkt die verbogene Bushaltestelle nahe dem Museum an der Potsdamer Straße. War aber wohl doch ein unachtsamer Autofahrer, die BVG dürfte für solche unfreiwilligen Kunstaktionen wenig Verständnis haben, lässt die doch die Fahrgäste im Schnee oder im Regen stehen.

An dieser Stelle freilich kann man getrost unter das schützende Vordach der Neuen Nationalgalerie flüchten. Und einen Blick auf die 144 entrindeten Baumstämme werfen, die Stararchitekt David Chipperfield zum Abschied in die obere Ausstellungshalle des Mies-van-der-Rohe-Baus gestellt hat. 1968 wurde das Museum eröffnet, die Zeit für eine Generalsanierung ist gekommen. Am Silvestertag schließt das Haus erst um 18 Uhr – die Werke können dann die nächsten vier, fünf oder mehr Jahre dort nicht mehr angeschaut werden.

„Wo kommen die Bilder denn hin?“, fragt ein Gast den Kartenkontrolleur, der in der unteren Halle am Eingang steht, dort, wo im ersten Raum 20 Werke der Sammlung Pietzsch präsentiert werden. „Wahrscheinlich ins Depot der Gemäldegalerie“, antwortet der Museumswärter freundlich. Die Stimmung ist entspannt, obwohl sich an diesem Dienstag, dem vorletzten Öffnungstag, gegen Mittag bereits drei Warteschlangen gebildet haben: eine in der oberen Halle, die den Blick auf Chipperfields Bäume etwas verstellt, eine zweite unten vor der Kasse und schließlich die letzte vor der Garderobe. Die Passierdauer beträgt so 20 Minuten, das ist offensichtlich noch kein Grund zum Aufregen, nicht in der stressfreieren Nachweihnachtszeit.

1600 Kunstwerke ziehen um

Und trocken ist es hier ja auch, zumindest im Empfinden der Besucher. Die Baufachleute beurteilen das naturgemäß anders. Kondenswasser bildet sich an den großen Fensterscheiben, die Metallrahmen rosten, die Dachdämmung ist feucht. In welchem Zustand die Fundamente sind, weiß noch niemand so genau, sie sollen im Rahmen der Sanierung freigelegt werden. Und ja, auch die Haustechnik ist in die Jahre gekommen.

Natürlich rücken nicht gleich am 2. Januar die Bagger an – zumal die Gruppe Kraftwerk noch ein paar Konzerte gibt. Rund 1600 Kunstwerke und mehrere große Skulpturen müssen in Depots gebracht werden. Außerdem sollen Experten die gesamte auf Mies zurückgehende Innenausstattung bergen – vom Lichtschalter bis zu Holzpaneelen, um sie später wieder im Originalzustand einbauen zu können. Schließlich ist die Neue Nationalgalerie ein Denkmal. Rund ein Jahr veranschlagt Museen-Generaldirektor Michael Eissenhauer für die sogenannte Baufreimachung. Die anschließende Sanierung soll dann drei bis vier Jahre dauern, die Kosten liegen „im hohen zweistelligen Millionenbereich“, so genau möchte das bei Berliner Bauprojekten niemand mehr sagen, der Großflughafen und die Staatsoper sind mahnende Beispiele.

Keine leichten Zeiten für Museumsgänger

Es sind keine leichten Zeiten für Museumsgänger: Der Pergamonaltar ist wegen Sanierungsarbeiten wohl bis 2019 nicht mehr zu besichtigen. Auch die Berlinische Galerie ist deswegen geschlossen, ebenso der Erweiterungsbau des Museums Berggruen in Charlottenburg, dort werden wegen einer juristischen Auseinandersetzung um Baumängel und Haftungsfragen Beweise gesichert.

Solche Details dürften den meisten Besuchern egal sein, sie sind gekommen, um Abschied zu nehmen. „Wer weiß, ob ich noch lebe, wenn die Neue Nationalgalerie wieder eröffnet wird“, sagt eine ältere Frau. Dass einige Werke in den kommenden Jahren in anderen Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz präsentiert werden sollen, ist für sie kein Trost, ihr geht es nicht nur um den Inhalt, sondern auch um die Verpackung.

Wan Qiao ist eigens aus München angereist, um die Neue Nationalgalerie zu besuchen. Sie wusste vorher gar nicht, dass das Haus geschlossen wird, und freut sich jetzt umso mehr, dass sie es noch sehen kann.

Einen deutlichen Anstieg der Besucherzahlen in den letzten Tagen bestätigt ein Museumswärter: „Es ist wie immer: Alle kommen auf den letzten Drücker.“