Senatsbaudirektorin

Regula Lüscher diskutiert viel - und entscheidet wenig

Seit sieben Jahren ist Regula Lüscher Senatsbaudirektorin - ohne sonderlich aufzufallen. Nun präsentierte sie Mehrkosten bei der Sanierung der Staatsoper - ganz unerschrocken und ohne Schuldbewusstsein.

Foto: Amin Akhtar

Ausgesprochen vergnügt war sie am vergangenen Mittwoch. „Ich bin froh, dass wir diesen Termin nennen können“, sagte Regula Lüscher beim Gang über die Baustelle der Staatsoper. Man hätte auch etwas erschrocken oder gar schuldbewusst sein können über die 93 Millionen Euro, die die Staatsoper nun voraussichtlich mehr kosten wird. Und die dem Land Berlin fehlen werden.

Aber die Senatsbaudirektorin ist mit sich im Reinen. Sie hatte im Sommer versprochen, dass sie im Dezember den Termin für die Fertigstellung nennen wird. Und sie hat geliefert. Anders gesagt: Wer seine eigenen Ziele bescheiden setzt, der scheitert auch nicht so schnell.

Ähnlich unbekümmert trat sie vergangene Woche auf, als es vordergründig um die Sanierung der Neuen Nationalgalerie ging und natürlich auch um das Kulturforum. Über keinen Platz ist in der Stadt so oft, so lange, so kontrovers diskutiert worden, wahrscheinlich auch, weil man nicht begreifen kann, dass ein Gelände mit Scharouns Philharmonie und van der Rohes Nationalgalerie derartig trostlos sein kann.

Bei der Frage, wo das künftige Museum der Moderne nun hinkommen soll, zeigte sie sich gegenüber beiden potenziellen Standorten – direkt an der Potsdamer Straße oder an der Sigismundstraße – aufgeschlossen. Man könnte auch sagen indifferent. „Beides ist vorstellbar“, sagt sie.

Und das beschreibt auch ihr größtes Manko: In ihrer Welt ist alles möglich, alles vorstellbar, alles diskutierbar. Entschieden oder gar umgesetzt wird wenig. Seit 2007 ist die Schweizerin im Amt und wird im Jahr 2014 in Interviews noch immer gefragt, wofür ihre Amtszeit eines Tages stehen wird. Wenn es die Welt außerhalb der Senatsbaudirektion nach gut sieben Jahren nicht verstanden hat, dann wäre eine späte Erkenntnis überraschend.

Schön, dass wir geredet haben

Eine „andere Planungs- und Diskussionskultur“ möchte sie hinterlassen, hat sie gesagt. Und das macht sie in der Tat: Sie wünscht sich „Dialog- und Partizipationsverfahren“, immer und überall. Im kommenden Jahr soll es ein „Dialogprozess“ zur Zukunft des Rathausforums geben. Hochhaus am Hardenbergplatz? Im Prinzip ja, aber es „müsse diskutiert werden“. Wie geht es weiter am Alexanderplatz? Schwierig, die Alt-Eigentümer wollen nicht die Klötze abreißen lassen. Aber man bleibe im Dialog. Warum habe sie sich nicht für den Bau der Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld eingesetzt? Hätte sie wohl, sagt sie, nur leider ist sie nicht wahrgenommen worden.

Recht hat sie, wenn sie den schweren Stand der Architektur beklagt. Es ist eine alte Beobachtung: Alle Welt kann sich relativ schnell darauf einigen, was ein missratendes Gebäude ist. Wenn es um das Gelungene geht, fängt es an, schwierig zu werden. Und ja, es muss moderiert werden, gerade in Berlin, wo das Gründen von Bürgerschaftsinitiativen ein typisch urbanes Hobby ist. Aber Politik muss sagen, was sie für wünschenswert findet. Sie muss eine Haltung haben. Ein Sowohl-als-auch ist ein Drücken vor der Verantwortung. Regula Lüscher ist nicht als Moderatorin in die Stadt geholt worden.

Gut möglich, dass sie am Anfang ihre Aufgabe als Schlichterin verstanden hat: Denn nach dem entscheidungsstarken und ideologisch gefestigten Senatsbaudirektor Hans Stimmann gab es eine Sehnsucht in der Stadt nach einer pragmatischen Nachfolgerin. Der Bedarf an Visionären war vorerst gedeckt. Und es ist auch gut möglich, dass ihre erste öffentliche Niederlage sie nachhaltig verunsichert hat. Bei dem Streit um die Sanierung des Zuschauersaals der Staatsoper Unter den Linden im Jahr 2008 unterstützte sie die Jury-Entscheidung für den modernen Entwurf des Architekten Klaus Roth.

Gegenwind gab es erst in der Öffentlichkeit, da sich einflussreiche Berliner für den Erhalt des von Richard Paulick geschaffenen Saals einsetzten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wollte keinen Streit riskieren, bei dem es für ihn nichts zu gewinnen gab. Er ließ neu ausschreiben und demütigte Lüscher damit. Sie sei „überfordert“, „mache zu viel Fehler“ und falle durch „unbedachte Äußerungen“ auf, musste sie 2008 in den Zeitungen über sich lesen. Die Berichterstattung hatte zudem den leicht überheblichen Tonfall: Was will diese Schweizerin eigentlich hier in unserer schönen Hauptstadt?

Lehren aus dem Debakel

Regula Lüscher hat ihre Lehren aus dem Debakel gezogen und sich für Unsichtbarkeit, Unschärfe, Unentschiedenheit entschieden. Sie profitiert von einer gewissen Müdigkeit in der Stadt, die eine reiche Historie an Bauskandalen hat. So regt sich dann auch keiner mehr darüber auf, wenn eine Senatsbaudirektorin trotz mehrerer Verzögerung und exorbitanten Überschreitung der geplanten Kosten bei der Staatsoper keine Fehler bei sich sieht. Klar, der Plan war halt sehr ehrgeizig, aber das hätten „alle“ gewusst, und überhaupt: Hinterher sei man immer schlauer.

Sie hat – und das ist bemerkenswert – geschafft, keine städtebaulichen Akzente in einer Stadt zu setzen, die einen Baumboom erlebt, wie er zuletzt nach der Wiedervereinigung zu beobachten war. Wenn das Land Berlin und der Bund in der Hauptstadt bauen, wird man das Gefühl nicht los, dass die Wiedergeburt Preußens unmittelbar bevorsteht. Alle Kraft in die Rekonstruktion.

Neue Ideen sind nicht zu erwarten. Dafür hat der Senat schon selbst gesorgt, indem er handstreichartig 50 Millionen für die geplante Internationale Bauausstellung strich. Lüscher hat es geschehen lassen. Und selbst wenn so etwas Aufregendes wie der Bau eines Museums der Moderne bevorsteht, verlässt sie den Kurs der charmanten Indifferenz nicht. Als sie 2007 in der Stadt anfing, war über ihre Züricher Zeit zu lesen: „Gewagte Hochhäuser, schnittige Gebäude, futuristische Planungen für das neue Fußballstadion ließ sie entwerfen.“ Diese Frau würde man gern einmal kennenlernen.