Klassik

Chefdirigent Simon Halsey verlässt vorzeitig den Rundfunkchor Berlin

Der Niederländer Gijs Leenaars wird bereits 2015 Chefdirigent des Rundfunkchors. Simon Halsey verlässt Berlin früher, der Nachfolger ist sein Ziehkind. Wie er sich die Zukunft vorstellt.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Wenn der Chef selber an der Nachfolgersuche beteiligt ist, dann offenbaren sich am Ende immer viele Parallelitäten. Was bis ins Äußerliche hinein gehen kann. Bei der Vorstellung des Neuen im Restaurant Borchardt sitzt Simon Halsey, 56, neben Gijs Leenaars, 36. Beide sind schlank, verwenden gleiche Gesten, haben ähnliche Haarschnitte und Brillen und sind unerschütterliche Frohnaturen. Die Übergabe ist bemerkenswert. Ursprünglich wollte Simon Halsey seinen Posten als Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin 2016 aufgeben, um in seine Heimat nach Birmingham zurück zu kehren. Jetzt hört er bereits ein Jahr früher auf und wechselt in die Position eines Ehrendirigenten.

Bereits ab 2015 übernimmt der Niederländer Gijs Leenaars die Chefposition. Er kommt aus Hilversum, wo er den Niederländischen Rundfunkchor leitet. Dorthin hatte ihn Halsey vor zehn Jahren mal als seinen Assistenten verpflichtet. Die Beiden sind offenbar schon lange vertraut. Aber natürlich habe es noch andere Kandidaten für die Nachfolge geben, hieß es am Dienstag bei der Vorstellung.

Gijs Leenaars wird mit seiner Frau und ihrem anderthalbjährigen Sohn nach Berlin ziehen. In der Stadt ist er bislang noch völlig unbekannt. Vorgestellt hat er sich dem Chor in einer Probenwoche. Choristen berichten, dass er gern Kaffee trinke, von mutiger Direktheit sei und sehr viel fordere. Er meint, er wollte mal sehen, was passiert. Es war die Woche, in der sich der Rundfunkchor auf die „Johannespassion“ unter Simon Rattle vorbereitete. Die Philharmoniker sind für den Rundfunkchor sehr wichtig. Simon Rattle und Simon Halsey sind obendrein alte Freunde. Insofern hat Halsey seinen Nachfolger bereits eingeführt. Im Januar wird Gijs Leenaars den Rundfunkchor für ein Philharmoniker-Konzert vorbereiten. Dann dirigiert Christian Thielemann Brahms’ „Deutsches Requiem“.

„Musikalisch bist du mein Vater“

Offiziell tritt Leenaars sein Amt zum Saisonbeginn mit einem A-cappella-Konzert beim Musikfest an. Er will die Tradition des Chores fortführen. Und darüber hinaus? „Ich mache sehr gern Neue Musik“, sagt er. Eine Leidenschaft habe er auch für interdisziplinäre Projekte. Bereits Ende Mai wird er eines mit Werken von David Lang und Ernst Pepping beim Rundfunkchor leitet.

Gijs Leenaars hat selber Klavier, Gesang, Chor- und Orchesterdirigieren in Nijmegen und Amsterdam studiert. Dann ist zu seinem Chor gekommen und hat Konzerte für Stardirigenten wie Mariss Jansons, Nikolaus Harnoncourt oder Valery Gergiev vorbereitet. Was seine eigenen Dirigentenambitionen angeht, sagt er lapidar: Wenn die Philharmoniker anriefen, würde er nicht nein sagen. Dann schießt er noch ein paar fröhliche Bemerkungen hinterher. Diesen öffentlichen Humor wird ihm die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH, zu der der Rundfunkchor gehört, leider bald schon abgewöhnen. Irgendwann wendet sich Leenaars an Halsey und sagt, er wisse, dass Halsey das hasse. „Aber musikalisch bist du mein Vater.“ Der verdreht die Augen und wirkt geschmeichelt.