Wenn „Computerwelt“ nach Berlin kommt, dann ist das wie Hertha im Olympiastadion, Lars Eidinger in der Schaubühne, Franziska van Almsick in der Sportschwimmhalle Schöneberg: Heimspiel. Hier gehört dieses Album hin, denn durch diesen Sound wurde Berlin nach der Wende zum Club- und Ausgehmittelpunkt der Erde. Mehr Techno waren Kraftwerk nie wieder. Könnte diese Musik sprechen, sie würde sagen: „Ich bin ein Berliner."
Am fünften Tag des Kraftwerk-Gastspiels steht das Album „Computerwelt“ auf dem Programm. Eine Schar Fans Mitte Vierzig lässt vor der Neuen Nationalgalerie eine Flasche Jägermeister kreisen. Das Wirtshaus-Getränk hatten Techno-Anhänger einst zu ihrem Leib- und Magen(!)-Drink gemacht. Dies ist unzweifelhaft der Abend der Raver. So viele zackige Frisuren von einst wie in dieser Halle hat man in vergleichbarer Dichte seit den Nachwende-Jahren nicht mehr gesehen.
Über die Lautsprecher perlen eingangs die putzigen Pieps- und Blubbertöne der empfehlenswerten App „Kling Klang Machine“, mit der man selbst Kraftwerkmusik machen kann. Dann stehen Kraftwerk auf der Bühne und es ist Schluss mit putzig. Das Album beginnen sie mit „Nummern“, einem Albtraum aus Zahlen, die dem Zuschauer hinter seiner 3D-Brille wie Projektile entgegen schießen. Volle Deckung.
Mit völlig neuartigen Synthesizern und Maschinen aufgenommen, war „Computerwelt“ 1981 ein Quantensprung. Die Beats und Töne waren noch fester miteinander verlötet, das Uhrwerk tickte noch makelloser. Früheres Band-Material wirkte gegen dieses chromblitzende Zukunftsprodukt wie eine Jam-Session nach Feierabend.
Es ist bedrohliche Musik. „Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da“, heißt es im damals visionären Text. Ein Glück singt Band-Chef Ralf Hütter das live jetzt eine Oktave höher, da klingt es alles etwas entschärfter. „Lauter“, ruft es prompt aus dem Publikum.
Bewegung! Jetzt!
„Heimcomputer“ ist noch kompromissloser. Wie die Techno-Dancefloors von einst: leergeräumt, alles altmodische fortgeworfen, Form folgt Funktion. Bewegung! Jetzt! Eine Frau mit hochgesteckten Haaren macht vor uns den Techno-Tanz: Kopf links, Kopf rechts, als verfolge man eine Tennisaufzeichnung im Schnellvorlauf, dazu zappeln wie nach sieben Bechern Doppel-Latte.
Durchatmen dann bei „Computerliebe“, einem Stück über den Kontakt einsamer Herzen über den Heimcomputer. Wie konnten Kraftwerk Anfang der 80er wissen, dass es irgendwann Internet-Dating geben würde? Der Song ist elektronischer Reggae. Düsseldorf, NRW, trifft Kingston, Jamaica. In 3D zuckt lieblich dazu die Klangkurve im Dub-Rhythmus.
Das Lied hat eine Keyboard-Melodie, die hinreißend melancholisch klingt. Sogar der üblicherweise inspirationsfreien Band Coldplay fiel dies auf. Also fügten die Briten 2005 „Talk“, einem ihrer wie immer aus den Zutaten einer durchschnittlichen U2-Nummer geprägten Songs, die Tonfolge hinzu und mogelten sich ins Herz manches Kraftwerk-Puristen.
„Taschenrechner“ auf Japanisch
Zum Abschluss des Albums: „Taschenrechner“. „Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand“ singt Hütter. Die revolutionären Soundmaschinen, an denen kaum zehn Jahre später die Produzenten von Acid House und Techno ihre Hymnen herstellen sollten, waren gerade doppelt so groß wie ein Kalkulator. Als Hütter den Track jetzt auf Japanisch singt, zeigt auch die Animation japanische Schriftzeichen und einen Rechner aus Fernost. Dann lacht der Saal, denn plötzlich präsentiert die Animation einen gemütlicher VW-Käfer. Schön langweilig, wahrlich nicht fernöstlich, altmodisch. Also rauf auf die „Autobahn“, rein ins Titelstück des Albums von 1974.
Kraftwerks Songauswahl ist an diesem Abend ein Diskurs über Techno und die Clubkultur. Da ist „Autobahn“ jetzt Musik für den Chill-Out-Room. Der durfte in keinem Berliner Untergrund-Laden fehlen, da wurde zu The Orb, KLF und Brian Eno entspannt. „Mensch-Maschine“ liefert anschließend Proto-TripHop. „Tour de France“ die Bass-Kapriolen des Funk. Und „Radio-Aktivität“ macht hier, am Rand des Tiergartens, dann wieder „Bumm“ wie seit der Love Parade nichts mehr.
Am Ende drängt sich alles durch die schmalen Ausgangsschlitze links und an der Front der Neuen Nationalgalerie. Die meisten schweigen nachdenklich, die meisten wirken schwer beeindruckt. Ein Techno-Veteran mit Basecap aber ohne komplette Zahnreihe unten ist dagegen bereits tief im Nach-Konzert-Dialog und fährt seinen Begleiter an: „Wenn ick Karaoke sehen will, muss ick nich in die Nationalgalerie.“ Man kann es eben nicht jedem Fan Recht machen.





