Konzert 7

Kraftwerk steht für die Unsterblichkeit einer großen Idee

„The Mix“ ist sicher nicht das innovativste Album von Kraftwerk. Es ist eine Hommage an die eigene Musik. Der Abend in der Neuen Nationalgalerie zeigte: das ist sehr vergangen und sehr neu – zugleich.

Foto: Jens Kalaene / AP

Es gibt ja hier eigentlich keinen Ausweg mehr, außer den vielleicht, etwas Persönliches zu erzählen. Ich mache das nicht gern, aber wer außer mir liest eigentlich die siebte Konzertkritik über Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie hintereinander? Eben. Das Risiko ist klein genug.

Meine erste Platte von Kraftwerk kam aus dem Plattenschrank meines Vaters. Er hatte nicht sehr viele Platten. Er mochte Nina Simone, Leonard Cohen, Reinhard Mey und eben Kraftwerk. Ich hab sie mir irgendwann geschnappt, als er schon lange keine Musik mehr hörte. Ich war 12. Ich verstand Nina Simone und ihre Balladen. Leonard Cohen war mir mit seiner Traurigkeit kein Rätsel, und Reinhard Mey musste man eben hören, wenn man in den Siebzigern linksliberal und sentimental war und Berlin mochte. Aber Kraftwerk, das war anders.

Kraftwerk war anders

Kraftwerk war ein funkelnder Eisklotz. Eine Verheißung. Ich erinnere mich an die Platte „Trans Europa Express“, ganz in der minimalistischen Ästhetik der fünfziger Jahre gehalten. Da waren sie: Ralf Hütter und Florian Schneider und die anderen mit ihren scharfen, markanten Gesichtern. Sie orchestrierten das Hohelied des Fortschritts und der Bewegung, sie fassten es in unerhörte Melodien. Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Tour de France. Trans Europa Express. Es ging in dieser Musik immer auf unerhört avangardistische Weise um die Zukunft. Niemals um Vergangenheit. Vielleicht machte auch das ihren Erfolg aus im Deutschland nach dem Krieg.

Und deshalb war es nicht nur für mich, sondern vielleicht auch für viele andere Zuschauer in der Nationalgalerie so schwer, damit klarzukommen, heute, wo das alles so vorbei ist. Vielleicht gab es deshalb im Publikum nur Kopfnicken und keine schwere Begeisterung, sondern nur diszipliertes Lauschen, als würde man in sich reinhorchen auf der Suche nach den Empfindungen von damals. Ein Museum ist ein guter Ort, um diese Musik zu hören: Man muss Archäologie betreiben, um der Begeisterung von damals auf die Spur zu kommen. Von damals, als man jung war.

Abschied von Karl Bartos

Das heißt aber nicht, dass man sie nicht mehr finden könnte. „The Mix“ war der Abend betitelt, benannt nach dem 1991 erschienenen Studioalbum der Gruppe. Damals war der legendäre Karl Bartos schon ausgeschieden, Techno übernahm die Kontrolle über den Zeitgeist, und die selbstgebastelten Computer von Kraftwerk mussten digital erneuert werden. Es ging nicht um die Innovation, sondern um das Sample. Das war keine leichte Übung, wie man vielen der Remixes heute anhören kann – sie wirken wie frisierte Utopien, wie aufgebohrte Wunschgesänge. Das machte es so schwer, sich über sie zu freuen.

Und so wolllte in der Neuen Nationalgalerie auch nur dann wirkliche Begeisteurng aufkommen, wenn die Klassiker unverfälscht vom Geist der frühen Neunziger zu hören waren – wenn also etwa „Das Modell“ erklang oder die wunderbare „Mensch Maschine“ oder „Radioaktivität“. Da merkte man auch den gereiften Herren in ihren etwas straff sitzenden Roboter-Overalls auf der Bühne an, dass es sie packte. Ganz unabhängig von der mal überambitionierten, mal behutsam nostalgischen 3D-Bebilderung ihres Auftritts: In solchen Momenten war er großartig. Für alle.