Tag sechs. Wieder pilgern knapp zweitausend Menschen zur Neuen Nationalgalerie. Der halbe Freundeskreis war in der letzten Woche schon hier, ich habe jede Form von Begeisterung gehört, mir auf Smartphones die wirklich hübschen Fotos zeigen lassen und überall Berichte gelesen.
Ein Konzert von Kraftwerk fühlt sich an diesem Sonntag also an wie ein ziemlich alter Hut. Obwohl ich jetzt am Einlass warte, glaube ich, Kraftwerk schon wieder zu verpassen. Ich komme immer erst dann, wenn alle anderen es schon abgefeiert haben. Mit den Platten war es damals genauso.
Ich weiß längst, was mich erwartet. Sie werden an diesem sechsten Abend das Album „Techno Pop“ spielen, Laufzeit: 35 Minuten. Dazu gibt es ein Best Of, dieser Teil ist bei jedem Konzert derselbe. Überraschungen gehören nicht zum Programm.
Es kursiert inzwischen ein Konzertkritik-Bingo für Kraftwerk, die immergleichen Worte, die es zu vermeiden gilt: Visionär, Elektro-Pioniere, Elektropop-Veteranen, spektakuläre Konzertreihe, Musealisierung von Popmusik.
„Techno Pop“ erschien 1986 ursprünglich unter dem Namen „Electric Café“, im Rahmen einer Gesamtveröffentlichung 2009 wurde es neu bearbeitet und umbenannt in „Techno Pop“. Es war für Kraftwerk keine leichte Arbeit. Ralf Hütter erlitt in dieser Zeit einen schweren Fahrradunfall, das Projekt pausierte, zudem seien die Bandmitglieder mit der Qualität lange nicht zu zufrieden gewesen, heißt es. Als Visionäre zu gelten, ist kein leichter Stand, Visionen können einem schnell ausgehen. Doch auch hier gelang ihnen mit dem Song „Musique Non-Stop“ ein Klassiker.
Wir sind hier nicht zum Spaß
Am Eingang hängt ein Schild, auf dem steht: Kein Ausschank von Getränken während des Konzerts. Man ist nicht zum Spaß hier, das ist damit gleich mal klar. Drinnen herrscht dann auch ungewohnte Stille. Bloß einer schimpft in sein Telefon: Nur langweilige Leute hier, alle über 50, nichts ist mit Techno, alles ganz schlimm. Die ersten setzen die 3D-Brillen auf. Das hat eine verjüngende Wirkung und die anderen sieht man auch nur noch verschwommen.
Punkt acht Uhr öffnet sich der schwarze Vorhang und es steht der Mythos auf der Bühne. Ältere Herren in Ganzkörperanzügen, über die sich Datennetze ziehen. Sie sehen darin unsterblich aus. „Electric Café“ erklingt, „Der Telefon-Anruf“, „Autobahn.“ Die 3D-Animationen muss man niedlich nennen. Sie entstammen einer Zeit, in der man sich noch fragte, was 3D eigentlich soll. Manchmal schwebt einem etwas entgegen, Noten oder Ufos, das ist dann für einen Moment fast aufregend.
Das Publikum mit dem Rücken zur Band
Es ist ein überragend fotogenes Konzert, ein Bildband-Konzert. Überall leuchten die Handys auf. Und wann immer es langweilig wird, machen Menschen ein Selfie, im Hintergrund die Legende vor den Videoprojektionen. Leider wird es oft öde und so ist etwas sehr seltenes zu bestaunen: Ein Publikum, das mit dem Rücken zur Band posiert.
Es entsteht der Eindruck, viele der Gäste wollen gar nicht dieses Kraftwerk-Konzert sehen, sondern in ihrem Leben irgend eines gesehen haben. Die wenigen, die tanzen, könnten die Enkel von Kraftwerk sein. Der Rest steht starr. Das hat auch eine kunstvolle Komik. Herren um die 70, die seit Jahrzehnten so tun, als seien sie Roboter, fliegende Untertassen über grauen Köpfen, jeder mit einem Pappgestell auf der Nase, ein rhythmisches Kopfnicken zu „Radioaktivität“, Schildkrötentanz im Museum.
Vergessene Worte kommen aus den Boxen: Telespiel und Bildschirmtext. Eine große, gemeinsame Zeitreise. Aber niemand lächelt. Es ist eine todernste Sache, und ein bewegungsloses, seltsam unbewegendes Konzert. Die Maschine läuft reibungslos, der Mythos wird poliert.
Als die Musiker für den Song „Roboter“ von tatsächlichen Robotern ersetzt werden, wirken die im Vergleich menschlich. Sie bewegen sich, breiten die Arme aus. Es bleibt die einzige Geste Richtung Publikum an diesem Abend, nach dem sich sagen lässt: Ja, wir sind alle brav bei Kraftwerk gewesen.





