Nationalgalerie Tag 4

Kraftwerk - hemmungslos gestrig und unverwüstbar modern

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter E. Müller

Foto: Jens Kalaene / dpa

Am vierten Abend in der Nationalgalerie rücken Kraftwerk „Die Mensch-Maschine“ in den Mittelpunkt. Und bei aller Elektro-Akkuratesse greift auch einer mal daneben und macht die Roboter-Show menschlich.

Acht Tage, acht Auftritte, acht Alben. Die Düsseldorfer Elektro-Pioniere Kraftwerk breiten in Berlin ihr Lebenswerk aus. Sie inszenieren sich vor lange im Voraus ausverkauftem Haus in dem mit 3D-Technik inszenierten Programm „Der Katalog 1 2 3 4 5 6 7 8“ in der Neuen Nationalgalerie. An jedem Abend steht ein anderes Album am Anfang der Show. Abend Nummer vier beginnt am Freitag Punkt 20 Uhr mit der Kernaussage der introvertierten Musikarbeiter, mit dem im Mai 1978 erschienenen Album „Die Mensch-Maschine“.

„Meine Damen und Herren“, knarzt eine Computerstimme ins Dunkel. „Ladies and Gentlemen. Heute Abend. Die Mensch-Maschine. Kraftwerk.“ Der Vorhang fällt. Applaus brandet auf. Und mit „Man Machine/Mensch-Maschine“ eröffnen die Väter von House, Industrial und Techno ihre Show. Die Versuchsanordnung ist bekannt. Vier Männer in futuristischer Garderobe stehen relativ reglos an vier Pulten mit Laptop, Tablet, Tasten und Mischpulten.

Jede menschliche Regung, jedes Mienenspiel, jedes Schulterzucken wird vom Publikum aufmerksam registriert. Und sie leben doch, diese Musikanten, die von sich behaupten: „Wir sind die Roboter“. Wobei auch die 1700 Besucher seltsam entrückt wirken mit den Papp-3D-Brillen auf der Nase, die aus diesem Auftritt endgültig ein Event, eine Performance, eine Kunst-Installation machen. Die dreidimensionalen Projektionen geraten zu einem imponierenden Erlebnis.

Historischer Abend

Ein historischer Abend. Wenn diese Tour de force durch 30 Jahre synthetisch erzeugter Pop-Avantgarde mit Kapitel acht beendet ist, wird die Neue Nationalgalerie geschlossen und für mindestens vier Jahre von Grund auf saniert. Und der 68jährige Ralf Hütter, der letzte der Kraftwerk-Gründer, war dann auch der letzte, der sich und seine Kunst vor der Schließung in dem Mies-van-der-Rohe-Bau ausgestellt hat. Man fühlt sich hier in der Tat nicht wie einem Konzert, sondern bei einem Museumsbesuch.

Das ist nur konsequent. Ihre Anfänge hatte die Band in den späten 60er-Jahren in der Düsseldorfer Kunstszene. Sie spielten in Galerien und Atelierräumen einen avantgardistischen Krautrock, der sich dem etablierten Musikbetrieb verweigerte. Sie nutzten auf ihren ersten drei Platten noch konventionelle Instrumente. Wohl deshalb verweigern sich Kraftwerk heute ihren frühen Jahren und beginnen die Rechnung ihres Gesamtwerks 1974 mit dem vierten Album „Autobahn“, bei dem sie erstmals nur noch elektronisches Gerät nutzten. „Der Katalog“ mit allen acht Platten erschien im Jahre 2009 als Vermächtnis in einer Box.

Fehlgriffe machen die Roboter-Show menschlich

In der Neuen Nationalgalerie sieht man nun großflächige, körperhafte Bilder von nostalgischer Anmutung. Die dreidimensionalen Illustrationen schleppen trotz ihrer modernen Aufbereitung eine dicke Patina mit sich herum. Was fasziniert ist, dass diese Musik aus einem vergangenen Jahrhundert auch heute noch bestehen kann. Die mit digitaler Grandezza aufpolierten Stücke, die raumgreifend und in klanglicher Perfektion durchs Museum blubbern, surren und pumpen, wirkt überraschend frisch.

Hütters Stimme klingt, ist sie mal nicht elektronisch verfremdet, leicht brüchig. Und bei aller roboterhafter Akkuratesse greift auch einer mal daneben. Der „human factor“ bleibt bei diesem Gesamtkunstwerk auf charmante Weise gewahrt. Die sechs Titel des Album mit dem romantischen Wunsch, eins zu werden mit der Maschine, gehörten zu ihrer Zeit zum Poppigsten, was man je von Kraftwerk gehört hatte: die zackig marschierenden „Roboter“, das ambienthafte „Spacelab“, das ambitionierte „Metropolis“ auf der ersten Seite des Vinylalbums, der Pophit „Das Model“, das geradezu schlagerhafte „Neonlicht“ und das titelgebende „Die Mensch-Maschine“ auf Seite zwei. Ganze 36 Minuten und 18 Sekunden Laufzeit waren das damals. Das Album landete in den deutschen Charts auf Platz 12, in Groß-Britannien auf Platz 9.

Sie spielen sie nun als Ouvertüre, bis auf „Die Roboter“, die heben sie sich für den Schluss auf. Die sparsamen Texte sind von kluger Schlichtheit und meist nicht viel länger als eine Twitter-Botschaft. Mitunter sogar kürzer. Inspiration fanden sie in Fritz Langs Stummfilm-Meisterwerk „Metropolis“ mit der Mensch-Maschine Maria ebenso wie beim russischen Konstruktivisten El Lissitzky, der explizit auch auf dem Albumcover Erwähnung fand. Die die seriellen Arbeiten der Düsseldorfer Fotokünstler Bernd und Hilla Becher hatten einen großen Einfluss auf Kraftwerk. Auch Gilbert & George, die großen britischen Selbstdarsteller, oder Piet Mondrian kommen in den Sinn.

„Ich bin dein Sklave. Ich bin dein Arbeiter“

Dabei bleibt die jeweilige Attraktion der Abende, wie nun „Die Mensch-Maschine“, das kürzere Vergnügen. Keine halbe Stunde brauchen sie dafür. Den Rest der zwei pausenlosen Stunden füllen Kraftwerk unter wiederkehrendem Jubel mit einer Best-of-Auswahl, zu der Klassiker wie „Autobahn“, „Nummern“, Computerwelt“, „Tour de France“ oder „Trans Europa Express“ gehören. Man könnte sogar dazu tanzen, wenn die 3D-Brillen-Bilderflut nicht immer wieder von den sparsamen Synkopenläufen, minimalistischen Melodien und perkussiven Klangschleifen ablenken würde.

Diese Musik ist hemmungslos gestrig und gleichzeitig unverwüstbar modern. Im Gegensatz zu anderen Synthesizerstrategen und Elektropop-Jüngern haben es Kraftwerk verstanden, ihr elektronisches Klangwerkzeug rationell und sparsam einzusetzen. „Wir laden unsere Batterie / jetzt sind wir voller Energie“ heißt es in „Die Roboter“, während sich vier roboterhafte Abbilder der Musiker auf der Bühne im takt bewegen. Nicht die Musiker dienen den Maschinen. Die Maschinen dienen den Musikern, die sie lenken. Das untermauern auch die russischen Zeilen, die in den Song eingestreut sind: „Ja tvoi sluga“ und „Ja tvoi rabotnik“ - „Ich bin dein Sklave. Ich bin dein Arbeiter“.

Der optische Reiz ist atemberaubend. Ein Spacelab steht mitten im Raum, eine fliegende Untertasse nimmt Kurs auf die Erde, dann wieder ist der Käfer aus „Autobahn“ zum Greifen nah und immer wieder flirren Zahlen, Buchstaben und Noten durch die Halle. Zum Finale machen Kraftwerk mit „Boing Boom Tschak“, „Techno Pop“ und „Music Non Stop“ noch einmal klar, wer’s erfunden hat, den Euro-House, den Detroit-Techno, den Elektro-Pop. Endlich kommt ein bisschen Bewegung ins Publikum, aber da verneigen sich die Musiker auch schon einer nach dem anderen. Und treten ab.