Nationalgalerie Tag 3

Kraftwerk schwelgt in retro-futuristischer Nostalgie

Ist das überhaupt ein Konzert, was Kraftwerk da in der Berliner Nationalgalerie macht? Gründungsmitglied Ralf Hütter betreibt seit Jahren konsequent die eigene Klassiker-Werdung.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Verdammt – man schreibt das Jahr 2015, und noch immer braucht man Augen und Ohren, Hände und Münder. Noch immer können einem Kraftwerk-Shows nicht direkt in die Synapsen gejagt werden. Und noch immer will man jauchzen und klatschen, wenn sie einem gefallen. Ordentliche Zukunftsfans, wie Kraftwerk es sind, können darüber vermutlich schon mal verzweifeln. Was macht man also? Man verteilt 3D-Brillen und fährt ultra-ambitionierte Visuals und Surround-Sounds auf, wenn man ein Konzert spielt. Aber, halt: Ist es überhaupt ein Konzert? Waren Kraftwerk nicht seit je eher ein Kunstprojekt als eine Band? Und spielen sie heute nicht zum dritten Mal in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie, einem dieser Horte der Höchstkultur? Ja. Und: nein.

Zwar betreibt Ralf Hütter, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, seit Jahren konsequent die eigene Klassiker-Werdung: Immer neue, besser klingende, einheitlicher verpackte Editionen des Werks kommen auf den Markt, immer handverlesener werden die Auftritte. Andererseits: Was passiert, sobald Kraftwerk auf der Bühne durch ihre eigene Geschichte fliegen, ist sehr wohl ein Ereignis, das nicht einfach technisch reproduziert werden könnte. Paradoxerweise trotz des Versuchs der Musiker, sich so roboterhaft wie möglich zu geben.

Serielle Musik in seriellem Design

Ein musikalisches Gesamtkunstwerk also: Das fängt an bei der Nationalgalerie selbst, ihrem reduzierten, seriellen Design, einem Raum, den man grundsätzlich in jede Richtung erweitern könnte. So funktioniert auch die Musik von Kraftwerk, gespeist aus der Romantik, ihrem Ideal einer unendlichen Melodie als Gegenstück zur sich pausenlos transformierenden Natur. Klingt erst mal abwegig, doch ein Stück auf dem Album „Trans Europa Express“ heißt nicht umsonst „Franz Schubert“.

Dessen 8. Symphonie muss immer wieder herhalten als Beispiel für Melodiebögen, die sich im Prinzip unendlich lang fortspinnen könnten. „Musique non stop“ eben. Oder: „Endlos endlos“. Das war es wiederum, was Juan Atkins, Derrick May und Co. in Detroit an Kraftwerk begeisterte. Was da Anfang der 80er-Jahre aus dem komischen Deutschland zu ihnen rüber funkte, kam ihrer eigenen Idee von Maschinenmusik ziemlich nahe. In Reihe geschaltete, sich unterhaltende Geräte. Die endlose Schönheit der Wiederholung. Sie nannten es: Techno.

Und so spielen Kraftwerk ihre Musik an diesem Abend in Berlin auch: „Industrial Rhythms“, die ebenso gut im Berghain laufen könnten. Es beginnt mit dem Material des Albums „Trans Europa Express“ von 1977, einer Platte, die aufreizend schwebt zwischen den krautrockigen Anfängen der Band und ihrer Stilisierung zum knappen Elektropop. Schnell jedoch biegen sie ab zu anderen Klassikern: „Computerwelt“, „Tour de France“, „Autobahn“, „Techno Pop“. Am besten klingen die Tracks, die sich am weitesten von Songstrukturen entfernen: „Nummern“ etwa, oder „Radioaktivität“ mit fetten Subbässen, und das Titelstück des Albums. Die grooven, puckern und zecken mit zeitloser Eleganz.

Dazwischen stehen Stücke wie „Spiegelsaal“, mit expressionistischer Romantik, oder „Ätherwellen“, dessen Intro klingt, als hätte es Robert Schumann auf dem Mars geschrieben. Da singt Hütter plötzlich voll Inbrunst in sein Headset und sieht für ein paar Sekunden aus wie Dietrich Fischer-Dieskau. Abgefahren.

Retro-futuristischer Charme

Einen Großteil des Charmes machen die teils analog-nostalgischen, teils retro-futuristischen Projektionen aus. Da werden mit viel Kunst und Rechnerleistung die Designwelten der Plattencover und Videos animiert. Bei „Autobahn“ schwelgen sie in alten VW- und Mercedes-Modellen, die durch eine leere Hügel-Landschaft fahren, wie man sie auch auf einem Commodore 64 hätte programmieren können. Zu „Das Model“ wird Schwarz-Weiß-Material von Nachkriegs-Modenschauen gezeigt, eine angenehm unterkühlte Erotik.

Und zu „Spacelab“ gibt es 2001-Planeten und Raumschiffe, in denen sich ganze Schränke voll analoger Bandmaschinen drehen. Dann löst sich ein UFO, direkt aus einem billigen 50er-Jahre-Film entflogen, und landet vor der Nationalgalerie. Natürlich nur auf der Leinwand. Und da ist sie wieder, diese Nostalgie für die Zukunft, wie sie uns ausgemalt wurde von Jules Verne bis zu „Back to the Future“, und wie sie noch immer nicht eingetreten ist.

Einmal stecken Kraftwerk selbstironisch mitten in diesen Bilderhagel einen roten Google-Maps-Marker auf einen Globus. Sie wissen, dass sie mit Welten spielen, an denen sie selbst mitgebaut haben, und deren Geschichtlichkeit auch an ihnen nicht vorbei geht. Das macht das Ganze ebenso sympathisch wie die erfolglosen Versuche der Band, mit ihren Neopren-Anzügen in der eigenen Inszenierung zu verschwinden. Egal wie tief sie träumen von „Mensch-Maschinen“, sie bleiben doch Musiker, die nicht anders können, als im Takt zu wippen und sich hin und wieder anzugrinsen.

Erst bei der Zugabe „Die Roboter“ werden sie durch Puppen ersetzt, die, leicht verjüngt, den Bandmitgliedern nachgebildet sind. Wie sie sich so drehen im flackernden Licht hat man kurz das Gefühl, sie schauten einen an. Und draußen, vor den hohen Glaswänden der Nationalgalerie, leuchtet der Potsdamer Platz, als hätte Kraftwerk ihn sich ausgedacht.