Bogdan Sikora

Der Mann, der Shakira in die Philharmonie holt

Bogdan Sikora ist Chef der Konzertagentur „Prof. Victor Hohenfels“. Sein Ziel ist, Klassik populärer zu machen. Damit hat er Erfolg - auch bei populären Konzertgängern.

Foto: Amin Akhtar

Bogdan Sikora bekam kürzlich einen Anruf aus dem Hotel Adlon. Popstar Shakira war zwei Tage privat in der Stadt, ihr Partner stand irgendwo in Spanien auf dem Fußballplatz, sie wollte in die Philharmonie. Sie mag Tschaikowsky, sagte sie dann abends im Konzert. Sie kam allein, ohne Bodyguards. „Keiner hat sie fotografiert oder angebaggert“, sagt Sikora, „bei uns konnte sie ein normaler Mensch sein.“

Er zeigt auf sein Smartphone, auf dem er einige Videos von ihr abgespeichert hat. Was man bei einem Klassikmanager kaum vermuten würde. Die ganze Geschichte von Shakira hätte er allerdings nie erzählt, wenn sie nicht selbst ein Foto aus der Philharmonie auf Facebook gepostet hätte. Denn Sikora ist die Diskretion in Person. Das gehört zum Geschäft eines Impresario. „Prof. Victor Hohenfels“ heißt die Konzertdirektion, die er seit 2009 leitet. Sie veranstaltet die „Populären Konzerte“ in der Philharmonie. „Unsere Konzerte sollen Freude vermitteln“, sagt Sikora: „Wir spielen die bekanntesten und beliebtesten Werke der Welt.“ Damit ist bereits das Firmenmotto umschrieben.

Im neogotischen Stil

Wer den Impresario besuchen möchte, muss an den Kurfürstendamm gehen und dort den Eingang in die Astor Film Lounge nehmen. In dem einstmals herrschaftlichen Haus haben heute vor allem Filmfirmen ihre Büros. Auf einem Klingelschild steht „Prof. Hohenfels/Sikora“. Ein alter Fahrstuhl führt hinauf in den vierten Stock, wo Bogdan Sikora in Anzug und Krawatte empfängt. Gleich im ersten Raum hängt ein riesiges Foto aus der Philharmonie: ein Orchester beim Schlussapplaus. Es ist ein Gedenkfoto und zugleich das Foto von Bogdan Sikoras Amtsübernahme. Im August 2009 war Eva-Maria Hohenfels, die das Unternehmen nach dem Tod ihres Mannes weitergeführt hatte, im Alter von 87 Jahren gestorben. Ihr Platz Block A, Reihe 2, Sitz 9, ist auf dem Foto leer. Bogdan Sikora hatte gelbe Rosen darauf gelegt. „Sie war eine sehr starke, geradlinige Frau“, sagt der langjährige Assistent. Andere nannten die frühere Sopranistin auch die „Königin der Nacht“.

Die im neogotischen Stil gehaltene „Prof. Hohenfels“-Wohnung“ ist Sikoras Büro und Lebensraum zugleich. Er lebt in prächtigen Räumen zwischen Spitzbogentüren und mit einem Kamin nebst riesigem Ritterwappen. Es ist die vergangene Welt des umtriebigen Victor Hohenfels (1897–1988). Der entstammte dem österreichischen Adel, war früh Waise geworden und wuchs im Burgtheater-Milieu auf. Er studierte Musik, ging zum Militär, tourte nach dem Ersten Weltkrieg mit eigenem Schauorchester umher. 1927 zog er nach Berlin, dirigierte Revuen in der „Scala“ und im „Wintergarten“. Mit den Nazis krachte er schon früh zusammen, wurde mehrfach verhaftet wegen Beschäftigung von Juden und Fluchthilfe.

1956 gründete er die Konzertdirektion

Bereits am 10. Mai 1945 meldete sich Hohenfels beim Berliner Rundfunk in der Masurenallee und wurde als politisch Unbelasteter kurzerhand zum Aufnahmeleiter und Leiter der Gesamtproduktion. 1947 wechselte er von der russischen zur britischen Seite. 1956 gründete er seine Konzertdirektion, ein Jahr später das „sinfonie orchester berlin“. Mehr als drei Millionen Besucher hatten die Hohenfels-Konzerte seither.

„Hinter dem Erfolgsmodell verbirgt sich harte Arbeit“, sagt Bogdan Sikora. „Die beiden Hohenfels’ waren Workaholics.“ Auch Sikora lebt für die rund 30 Konzerte pro Saison. Der gebürtige Pole, der in Katowice Horn studierte und zwei Jahre im Krakauer Radio-Sinfonieorchester spielte, ist 1982 nach West-Berlin gekommen und bei den Hohenfels’ gelandet. Hier lernte er, der mit Musikern vertraut umgehen kann, auch das Handwerk eines Konzertagenten. „Wenn Konzertbesucher und Abonnenten anrufen“, sagt Sikora, „dann ist das Chefsache. Es geht um das Erlebnis, und das beginnt bereits am Telefon.“ Es gehe schließlich darum, meint er, „alle Fragen zu beantworten und auch spezielle Wünsche zu erfüllen“. Dazu gehört etwa auch, wo jemand am besten sitzt, wenn er Beinprobleme hat. Sikora ist immer am Telefon zu erreichen, aber um 23 Uhr, sagt er, da schaue er schon mal, welche Nummer auf dem Display angezeigt wird.

Ein Heimspiel

Drei alteingesessene Konzertagenturen hatten sich einst West-Berlin aufgeteilt. Otfried Laur bediente gerne das Unterhaltsame, was man heute Crossover oder Party nennt, die Adlers führten stets die Klassikstars in der Stadt vor. Groß steht etwa der Name Anne-Sophie Mutter auf ihren Plakaten, darunter klein, was die Geigerin eigentlich spielt. Hohenfels warb dagegen mit der „Schicksalssymphonie“ von Beethoven, der „Pathétique“ von Tschaikowsky, der „Jupiter“ von Mozart und nur beiläufig fand sich der Name des „sinfonie orchesters berlin“, was eine Art Projektorchester nach angelsächsischem Vorbild ist, die Musiker sind Freelancer. Aber mit Sikoras’ Antritt hat sich bei den „Populären Konzerten“ etwas Grundlegendes verändert. So ist auf Shakiras Facebook-Foto aus Berlin der Popstar gemeinsam mit dem Dirigenten Stanley Dodds zu sehen. Der gehört eigentlich zu den Berliner Philharmonikern, ist dort Geiger und Medienvorstand.

Die beachtliche Tradition der „Prof. Hohenfels“-Konzerte in der Philharmonie nennt Sikora ein Gentlemen’s Agreement. Es reiche noch in Zeiten zurück, als viele West-Berliner die im Krieg zerstörte Philharmonie lieber in Kudamm-Nähe aufbauen wollten. Der Senat umwarb die Berliner Konzertveranstalter, sich doch in der Philharmonie anzusiedeln. Ohne Subventionen zwar, aber mit attraktiven Absprachen.

Wer sich die Programme genauer anschaut, wird darin jede Menge Berliner Philharmoniker als Solisten oder Dirigenten entdecken. Dass die Philharmoniker sich seit einigen Jahren für die „Populären Konzerte“ interessieren, erklärt Sikora damit, „dass sie mal in einer anderen Eigenschaft in dem Haus auftreten können, das ihnen vertraut ist und wohin sie ihre Familien und Freunde einladen können“. Für die viel reisenden Philharmoniker ist es ein Heimspiel.