Philharmoniker

Diensältester Konzertpianist beim Silvesterkonzert

Menahem Pressler ist mit 91 Jahren der dienstälteste Klaviervirtuose. Bei den Berliner Philharmonikern spielt er im Silvesterkonzert. Das Leben begreift er als ein Wunder.

Foto: Roland Magunia

„Das war der Höhepunkt meiner Karriere“, sagt Menahem Pressler. Bei den Berliner Philharmonikern hat der Pianist im Januar sein Debüt gegeben, damals stand Semyon Bychkov am Pult. Es gab am Ende stehende Ovationen. Am zweiten Abend fing ihn Chefdirigent Sir Simon Rattle nach dem Schlussapplaus ab und zog ihn in sein Zimmer. Er sei ganz neidisch, sagte er, weil Bychkov ihn als Solisten bekommen habe. „Wieso?“, sagte Pressler daraufhin, „Du kannst mich auch haben.“ Und so wird der Pianist in den am Montag beginnenden drei Konzerten zum Jahreswechsel unter Rattles Leitung mit Mozarts Klavierkonzert A-Dur auftreten. Das Silvesterkonzert der Philharmoniker gehört zu den Höhepunkten, auch, weil es live in der ARD um 17.25 Uhr übertragen wird.

Viele werden verwundert sein. Menahem Pressler hat keine flinken Füße mehr, aber immer noch ziemlich flinke Finger. Mit 91 Jahren ist er der dienstälteste Konzertpianist, der durch die Klassikwelt reist. Gerade ist er aus Moskau zurückgekehrt, wo er im Puschkin-Museum zu Ehren von Swjatoslaw Richter spielte. Der sowjetische Starpianist hatte ihn einst kritisiert, weil er beim Spielen immer zu viele Grimassen schneiden würde. Später erfuhr Pressler, dass ihn Richter um seine Musikalität beneidete und ihn hinterm Rücken lobte. So sind die Virtuosen.

„Er ist so lieb zu mir.“ Den Satz sagt Menahem Pressler mehrfach in unserem Gespräch, das nach einer Probe mit den Philharmonikern stattfindet. Zunächst meint er Simon Rattle, zwischendurch mal Kurt Masur, dann den amtierenden Magdeburger Oberbürgermeister. Pressler gehört zu den Menschen, die das Leben als ein Wunder begreifen. Er will nur das Gute entdecken, das Böse verdrängen. Als ein Wunder empfindet er seine lange Musikerkarriere, ein Wunder ist es auch, dass er im Gegensatz zu anderen seiner Familie die Nazi-Zeit überlebt hat.

Familie flieht 1939 nach Palästina

Menahem Pressler wurde 1923 in Magdeburg in eine jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Er war ein Teenager, als am 9. November 1938 das Bekleidungsgeschäft seiner Eltern zerstört wurde. Er erinnert sich an eingeschlagene Scheiben, an herausgerissene Sachen. Er erinnert sich an die Angst, als sie im Zimmer saßen und warteten. Sein Bruder habe ihm später erzählt, sagt er plötzlich im Gespräch, dass sein bester Freund bei der SA gelandet sei. Und dass dieser beste Freund an jenem Tag schützend vor ihrem Haus stand. Pressler will daran glauben, dass es so und nicht anders war. Die Familie schaffte es 1939 über die Grenze nach Italien. Angeblich nur für einen Urlaub. Von Triest aus ging es weiter nach Palästina.

Nach wie vor spricht Pressler ein fließendes, ja fast singendes Deutsch. Wenn er sich wohl fühlt im Gespräch oder einen Scherz macht, dann wechselt er mit leiser Stimme hinüber ins Englische. In den Jahrzehnten haben sich allerlei Anekdoten angesammelt. Pressler ist so ziemlich allen Großen der Musikwelt begegnet. Viele sind längst vergessen. Aber Pressler spricht sowieso nur über jene, die ihm irgendetwas bedeuten. Der Leipziger Gewandhauskapellmeister Kurt Masur war lieb zu ihm, auch wenn er in den Proben etwas Unerbittliches hatte. Den Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim hält er für ein Genie. Aber auch Genies müssen üben. Lang Lang habe wunderbare Hände, auch wenn sie ihn nicht in die Tiefe der Werke führen. Die Berliner Philharmoniker hält er für das beste Orchester der Welt. „Und wer nicht selbstbewusst ist, kann nicht der Beste sein“, fügt er hinzu.

Karrierestart mit Debussy-Preis im Jahr 1946

Manchmal muss Pressler einige Sekunden überlegen, in welchem Jahrzehnt etwas stattgefunden hat. Presslers internationale Karriere begann bereits 1946, als er in San Francisco den Ersten Preis beim Debussy-Klavierwettbewerb gewann. Der Weg dorthin war damals allein schon reisetechnisch mühsam: von Tel Aviv nach Kairo, per Flugzeug nach Athen und mit einem Zwischenstopp in New York. Der Preis von San Francisco öffnete dem jungen Pianisten Stück für Stück die Türen.

Wir erleben gerade so etwas wie die Spätkarriere des Menahem Pressler. Er sieht sich als Solist gefeiert. Eigentlich ist er als Kammermusiker eine Legende. 1955 hatte er das Beaux Arts Trio gegründet, das war bis zu seiner Auflösung 2008 eine Institution. Als sein junger Geiger Daniel Hope aussteigen wollte, um eine Solokarriere voran zu treiben, war Schluss mit dem Klaviertrio. Ob er es nicht vermissen würde? Pressler zögert. Sein Herz will ja sagen. „Ja und nein“, sagt er schließlich. „Aber ich wollte keine neuen Musiker mehr einarbeiten. Das hätte zu lange gedauert“. Kammermusik lebt von Vertrautheit. Pressler hat neben seinen 60 Schallplattenaufnahmen mit dem Beaux Arts Trio auch mehr als 30 Soloaufnahmen mit Werken von Bach bis Ben-Haim eingespielt. Über Jahrzehnte hinweg hat er jährlich rund 100 Konzerte gespielt. Und er ist auch jetzt noch erstaunlich viel unterwegs. Der Weg von einem Terminal zum anderen sei sein Fitness-Programm, sagte er einmal.

Geködert mit einem Parkplatz in Indiana

Seit Mitte der 50er-Jahre lehrt er auch an der Musikhochschule von Indiana in Bloomington, wo er seither auch lebt. An der amerikanischen Hochschule unterrichtet er immer noch leidenschaftlich gern. Außerdem hat man ihn mit einem Parkplatz geködert. Es sei leichter, dort Präsident zu werden als einen Parkplatz für sein Auto zu bekommen, scherzt Pressler.

Für das Silvesterkonzert hat er sich Mozarts A-Dur-Konzert KV 488 ausgesucht. Genau genommen wegen des langsamen Satzes. „Es ist einer der schönsten Sätze, die es überhaupt gibt“, sagt Pressler. Und in einer für Mozart ungewöhnlichen Tonart, nämlich fis-Moll. „Der Ausdruck ist so tief, er geht so ins Herz.“ Möglicherweise wird der Mozart diesmal noch tiefer, melancholischer klingen. Vor wenigen Tagen ist Presslers Frau nach längerer Krankheit verstorben. Er spricht voller Dankbarkeit über ihre gemeinsamen Jahrzehnte. Später im Gespräch wird er einen Witz erzählen, dessen Doppelbödigkeit man nur verstehen kann, wenn man weiß, dass es in jüdischen Familien ein altes Heilmittel gegen alle Krankheiten und Sorgen gibt. Der Witz, den Pressler lächelnd erzählt, ist kurz. Jemand ist gestorben, alle wehklagen. Plötzlich ertönt von oben eine Stimme: Gib ihm Hühnersuppe!