Nach zwei Stunden voller Tango-Musik steht Daniel Barenboim an der Rampe und beginnt, mit seinem Publikum zu scherzen. In den vorderen Reihen muss der in Buenos Aires gebürtige Künstler einige Landsleute ausgemacht haben. Ob sie seine argentinische Aussprache auch so gut fänden?, fragt Barenboim und zeigt auf Rolando Villazón.
Der Sänger zieht passend dazu eine fröhliche Grimasse. „Ein Mexikaner“, fügt Barenboim noch hinzu und dreht sich wieder zum Klavier um. Dann gibt es die Zugabe von Carlos Gardel in der Besetzung Klavier, Kontrabass und Startenor, der dafür das Mikro beiseite gelegt hat. Es wird einer der bezauberndsten Momente im Schiller-Theater. Einfach, weil er intimer, authentisch wirkt.
Barenboim wollte an diesem Jahreswechsel auf Beethovens Neunte verzichten. Schwerlastige, moralisierende Klassiker kommen sowieso aus der Mode. Einzig Marek Janowski und seine Rundfunk-Sinfoniker setzen noch auf die Neunte. Die Philharmoniker präsentierten diesmal ein Klassiker-Potpourri, das Deutsche Symphonie-Orchester hat sich schon vor Jahren in den Zirkus Roncalli verabschiedet, das Konzerthaus ging in Sachen Oper und Operette fremd.
Mit seiner Berliner Staatskapelle wagt Barenboim jetzt also Tango. Es ist zuerst sein Programm, er dirigiert, spielt Klavier, spielt mit einer Hand Klavier und dirigiert. Irgendwann macht der Klassikstar sogar ein Tanzschrittchen am Pult. Der 1942 in Buenos Aires Geborene war immer wieder in die Welt des Tangos eingetaucht. Bei Besuchen in seiner Geburtsstadt trat er mit Tango-Größen auf, wie jüngst mit dem Pianisten Horacio Salgán. Die witzig sprühende Musik von Salgán ist an diesem Abend mehrfach zu hören. Zum Auftakt sind es „A fuego lento“ (Auf kleiner Flamme) und „Aquellos tangos camperos“ (Jene ländlichen Tangos), womit Barenboim seine Staatskapelle in ihrer ganzen Brillanz vorführen kann. Die virtuose Verspieltheit kommt vor allem in Mariano Mores’ „El Firulete“ (Die Verzierung) zum Tragen.
Tango, das war einst die Musik der europäischen Einwanderer, voller Einsamkeit, Heimweh und Sehnsüchte aller Art. Vor Jahren besuchte ich einmal mit Orchestermusikern eine kleine Tango-Kneipe in Buenos Aires. Irgendwann erschien, Pardon, eine selten unattraktive Sängerin. Nach einigen Stunden voller Singen, Stampfen, Leiden, Girren, Verführen waren alle in sie kopflos verliebt. Sie nahm es mit stolzer Gelassenheit.
Solcherart Gefühlsaufwallungen sind im Schiller-Theater kaum möglich, wenn auf der einen Seite brav ein großes Orchester sitzt und auf der anderen ebenso brav das Publikum. Dabei schmeißt sich Rolando Villazón wieder mit viel Gestik, Mimik und Leidenschaft zwischen die Linien. Er singt ein halbes Dutzend zu Herzen gehender Lieder von Gardel, dem Tango-Idol neben Astor Piazzolla. Villazón führt die Schmerzen und das große Schmachten vor. Es ist schon schade, dass man die Textübersetzungen nicht im Programmheft vor sich hat. Aber Villazon ist ein Bühnenmagier, man folgt ihm gern durch „Por una cabeza“ (Um eine Kopflänge) oder „El dia que me quieras“ (Der Tag, an dem Du mich lieben wirst). Mag sein, dass sich Villazón bei „Lejana tierra mia“ (Mein fernes Land) schon fast wieder in der italienischen Oper wähnte.
Am Ende sehen sich Barenboim, Villazón und die Staatskapelle bejubelt. Barenboim zerpflückt seinen Dankesstrauß und verschenkt, ganz Tango-Macho, die einzelnen Blumen an die Musikerinnen und Damen in der ersten Reihe. Villazón, ganz Tenor-Komödiant, tut es ihm nach und überreicht dem Konzertmeister ein großes grünes Blatt. Das Publikum lacht. So hat jeder seinen Spaß.





