Berlin-Konzert

Wie sich die Robotergötter von Kraftwerk feiern lassen

Einst war Kraftwerk eine verschrobene, elitäre Gruppe, heute sind sie Ikonen der Popmusik. Ab Dienstag spielen sie in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Karten sind längst ausverkauft.

Foto: Uli Deck / dpa

Für ein paar wenige Konzerte spielt bei Kraftwerk ein Nichtdeutscher. Es ist Fernando Abrantes, und er kommt aus Portugal. Nach den Auftritten in Großbritannien 1991 erhält er die Kündigung. Eine Erklärung der Band gibt es nicht, aber zwei Interpretationen. Die eine Erzählung berichtet, er habe wie ein Live-DJ beim Konzert in Sheffield gemixt, ohne Absprache mit der Band. Der anderen zufolge habe Fernando Abrantes, Gott behüte, auf einem Konzert getanzt, während er Musik macht.

Vorboten der Nerds

Am Ende läuft es auf dasselbe hinaus. Abrantes verstieß gegen den Markenkern Kraftwerks: Kontrolliertheit, Kühle, Distanz. Nicht dazu passte: Ausgelassenheit, freie Interpretation, Individualität. In aller Verkürzung ist Kraftwerk das Werk von Ralf Hütter und Florian Schneider, die die Gruppe 1970 gründeten. Beide stammen aus wohlhabenden Düsseldorfer Verhältnissen, beide sind eigentümlich und begeistern sich für technische Spielereien, sie sind die Vorboten der Nerds. „Wir sprachen dieselbe Sprache“, so Ralf Hütter. „Wir waren Einzelgänger, Eigenbrödler. Zwei Eigenbrödler ergeben einen Doppelgänger.“

45 Jahre später sind die Eigenbrödler gefragter denn je, obwohl mit Ralf Hütter nur ein letzter Original-Kraftwerkler geblieben ist. Ab kommenden Dienstag treten sie in Berlin auf. Die jeweils 1700 Karten für ihre acht Konzerte in der Neuen Nationalgalerie waren nach wenigen Stunden ausverkauft. In New York, in der die Düsseldorfer Band 2012 ihre Retrospektive durch die Museen der Welt starteten, war der Ansturm noch gewaltiger. Dort wurden auf dem Schwarzmarkt 2000 Dollar bezahlt und, so berichtete der „New Yorker“, in einem Fall im Austausch für die Karten ein Abend mit einem „heißen Swinger-Paar“ angeboten. Da nehmen sich die 250 Euro, die bei Ebay für ein Berliner Konzert gefordert werden, bescheiden aus.

Man kann sich fragen, wie es sein konnte, dass eine derart offensiv verschrobene, minimalistische, elitäre Gruppe so erfolgreich werden konnte und dass 45 Jahre nach der Gründung die Heiligsprechung versprochen, nur noch nicht vollzogen ist. Man kann sich aber auch fragen, warum eine Band, die die Popmusik prägte wie nur die Beatles und David Bowie, kommerziell so mau abschneiden konnte.

In keiner Geschichte über Kraftwerk fehlt der Hinweis, dass sie ausgerechnet in Deutschland in den 70er-Jahren missachtet wurden. Das ist nicht ganz falsch. Erst 1975 erzielte Kraftwerk mit „Autobahn“ kommerzielle Aufmerksamkeit. Aber auch „Kraftwerk“ und „Kraftwerk 2” – die ersten beiden geräuschelastigen und experimentellen Alben – erreichten in Deutschland die Top 40. Das Album „Ralf und Florian“ verkaufte sich schlecht, obgleich die Band hier der Dissonanz entsagte und ihre stilbildenden Merkmale vervollkommnete: Perkussivität, Klarheit der Töne und Repetition. Die Tanzbarkeit und der Sprechgesang von Ralf Hütter folgten später.

Bis 1975 verkaufte Kraftwerk in Deutschland 150.000 Alben. In den USA stürmte die Gruppe mit „Autobahn“ in die Charts, danach aber nie wieder. Insbesondere in Frankreich und auch in England verkauften sich die späteren Alben wie „Radio-Aktivität“ (1975), der Klassiker „Trans Europa Express“ (1977) und „Computerwelt“ (1981) gut. Aber auch nicht mehr. Kraftwerk war nie eine Band für die Masse, weltweit. Aber geachtet und verehrt wurde sie im Ausland mehr.

„Industrielle Volksmusik“ befremdete in den 70-ern

Schwer zu erklären ist das nicht. In den politisierten 70er-Jahren erschien es hierzulande befremdlich, wenn eine Band „Industrielle Volksmusik“ (Ralf Hütter) machen wollte. Vom Volk, in welcher Form auch immer, wollte die damalige Jugend nichts wissen. Die Betonung des musikalisch eigenen Weges plus die demonstrative Ablehnung angloamerikanischer Popmusik machte Kraftwerk deutschtümelnd und somit ideologisch verdächtig.

Wer lange Haare und den obligatorischen Parka bevorzugte, der konnte von den Anzügen und Schlipsen der Kraftwerk-Männer – das stilbildende Erscheinungsbild ab Mitte der 70er- Jahre – nur abgestoßen sein. Hätte man zudem gewusst, dass sie am Anfang der Karriere in Düsseldorf mit Mädchen nackt im Pool des Architektensohnes Florian Schneider Joints rauchten und „wundervolle Partys“ (Gründungsmitglied Eberhard Kranemann) feierten, wäre Neid noch obendrauf gekommen.

Für deutsche Kritiker wie Diedrich Diederichsen waren, nachzulesen in seinem Wälzer „Über Pop-Musik“, Ralf Hütter und Florian Schneider „Witzfiguren“. Ein Gedanke, der schon einmal kommen kann, wenn man sich wie Florian Schneider, der die Formation 2009 verließ, für Flötenrückkopplungen begeistert. Es gibt keine Popband in der Geschichte der Musikindustrie, die so wenig Interesse zeigte, Popstars zu sein wie Kraftwerk. Sie verlassen die Bühne, wie sie sie betreten – brav gescheitelt und ohne einen Tropfen Schweiß vergossen zu haben.

Für die englische Musikpresse aber waren sie Helden. So ist es zwangsläufig, dass die wenigen Würdigungen in Buchform von englischen Autoren stammen. David Buckleys „Kraftwerk. Die unautorisierte Biografie“ wurde zuletzt übersetzt und ist gut geeignet zum Warmlesen für die anstehenden Konzerte. Buckley führte Interviews mit den Sängern von Human League, OMD und Ultravox, die in den 80er-Jahren mehr oder minder zum New Wave zählten und Kraftwerk Lorbeerkränze flochten. Und Ralf Hütter erinnerte 1999 in einem Interview, dass David Bowie früher jedem erzählt habe, „dass wir seine Lieblingsgruppe waren“. Wie eng das Verhältnis zwischen Kraftwerk und Bowie war, daran erinnern sich unterschiedliche Menschen unterschiedlich. Fest steht: Sie schätzen sich, sie trafen sich und erforschten, wenn auch auf getrennten Wegen, die elektronische Zukunft der Musik.

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