Nationalgalerie Tag 2

Mit „Radio-Aktivität“ kommt Leben in Kraftwerk

Bei ihrem achttägigen Gastspiel in Berlin haben Kraftwerk ihr wohl nerdigstes Album aufgeführt: Ausgerechnet bei „Radio-Aktivität“ erwachte das Elektro-Pop-Quartett aus seiner Roboter-Starre.

Foto: Jens Kalaene / AP

Dieser Abend verspricht zu werden wie kein anderes Berliner Konzert von Kraftwerk. Auf dem Programm steht die Aufführung von „Radio-Aktivität“. Es ist die Platte, die man heute ihre „nerdigste“ nennen würde. Damals, bei Erscheinen im Jahr 1975 wohl eher: „total ausgeflippt“.

Mit dem am Dienstag vorgetragenen Album „Autobahn“ und „Radio-Aktivität“ taten Kraftwerk Mitte der 70er-Jahre etwas, das spätere Show-Biz-Manager und PR-Experten als „sich-neu-erfinden“ bezeichnen sollten. So wie Phil Collins aus den umständlich-kopflastigen Genesis eine internationale Hitmaschine schuf, so wie David Bowie 1983 plötzlich nicht mehr spröden Art Rock sondern als honiggelb frisierter Popper Unmengen von Geld machte, beschlossen Kraftwerk einen Richtungswechsel.

„Radio-Aktivität“ war die zweite Platte, die im neuen Geist geschaffen wurde. Diesmal noch präziser, diesmal ausschließlich mit elektronischen Instrumenten fabriziert. Man könnte sagen: Mit „Autobahn“ und „Radio-Aktivität“ kehrten bei Kraftwerk Zucht und Ordnung ein.

Frohgemut und oft ohne merkliche Rücksicht darauf, ob denn dieser Rhythmus ein wenig im Tempo schwankte, ob jene Improvisation überhaupt zum Charakter eines Stücks passte und ob der Song nicht eigentlich schon vor 25 Minuten hätte ausgeblendet werden müssen, hatten Ralf Hütter und Florian Schneider seit 1970 mal zu zweit, mal mit Gastmusikern ihre immer spannende aber manchmal etwas störende Musik geflötet, getrötet und auf Tastaturen getippt. Damit war jetzt Schluss.

Liebeserklärung an die Technik

Wie damals im Düsseldorfer Aufnahmestudio steht die Band nun in Berlin zu viert auf der Bühne. Die Synthies quiecken und flimmern als sausten hier Botschaften aus dem All durch die Kunsthalle. Der Gesang klingt fern, schwebend, als lausche man fremden Gedanken. 1700 Zuschauer mit 3D-Brillen sehen gebannt zu wie bei „Ätherwellen“ schwingende Linien zum Greifen nah vor ihren Augen vibrieren. Bei „Radioland“ ist nicht mehr der Volksempfänger vom ursprünglichen Cover zu sehen. Statt dessen dreht eine riesige Hand am Rad eines Tastenradios aus der frühen Bundesrepublik, mit „Rias Berlin“ und „Freies Berlin“ neben „BBC“ und „Paris“ auf der Frequenzanzeige.

Die Album-Songs tragen Titel wie „Transistor“ und „Die Stimme der Energie“. Es sind Liebeserklärung an die Technik. An neue Möglichkeiten, an Erfindungsreichtum. Man darf heute nicht vergessen: In den 70er-Jahren musste man als Keyboarder in der Lage sein, gekonnt den Lötkolben zu führen. Zu wissen, wo im Bausatz der Cinch-Stecker und im Song der Mittelteil hinkommt, war damals gleich wichtig.

Nicht nur Kraftwerk befanden sich vor 40 Jahren in Aufbruchstimmung. Das Gefühl, dass Neues bevorstand, war im Lande allgegenwärtig. Der Wohlstand stieg. Die Mittelschicht wuchs. Das Bildungsniveau ging nach oben. In der postindustriellen Bundesrepublik gab es mehr Dienstleister als Handwerker und Industriearbeiter. Wenders, Boll, Beuys und (Kraftwerk-Super-Fan) Fassbinder standen international für ein neues Deutschland. „Es geht voran“, lautete später eine Textzeile der Band Fehlfarben. „Forschritt durch Technik“, angelehnt an einen Audi-Slogan, sang Jahrzehnte danach der Ire Bono von U2 in deren stark vom Wandel Deutschlands geprägter Phase.

„Radio-Aktivität“ mit aktualisierten Textzeilen zu Fukushima

Die Technologisierung des Alltags war nicht mehr zu übersehen. Atomkraft wurde zum Symbol dieser still surrenden Revolution. Für Woodstock-Fans mit rot-schwarzem Che-Guevara-Plakat in der WG waren Kraftwerk, die wie singende Bürovorsteher aussahen und ihre Musik wie Atom-Ingenieure durch das Betätigen von Tasten und Hebeln erzeugten, da natürlich Dämonen im Designer-Anzug. Dass „Radio-Aktivität“ eine Hommage an die Freuden der sauberen Stromgewinnung sei, war ebenfalls ihr Missverständnis. Vielmehr hatten Kraftwerk bei ihrer „Autobahn“-Tournee durch die USA in einem Musikmagazin die Überschrift „radio activity“ gelesen. Es waren die Charts der meistgespielten Stücke. Die Doppeldeutigkeit des Begiffs nutzten sie, um über über das Beieinander von Kunst und Alltag, hier: von Musik und Lebensgefahr zu erzählen. Pop-Art made in Düsseldorf.

Im 22 Minuten langen Titelstück von „Autobahn“ hatten sie die Grundbausteine ihrer folgenden Musik-Konstruktionen bereits verschraubt. Rhythmus als Treibstoff. Ein allein auf Funktonalität hin komponiertes Gerüst aus Akkorden und Arrangement. Und die Melodie dann so einfach wie ein Sample aus Volksmusik oder Wiegenlied: Singen Sie mal „Das Model“ oder „Die Roboter“! Kinderleicht, nicht wahr?

Das poppige Titelstück von „Radio-Aktivität“ folgt dem gleichen Rezept. Es klingt in der Neuen Nationalgalerie allerdings anders. Die aktuelle Version ist eher Techno und mit aktualisierten Textzeilen zu Fukushima eine Fortführung der Best-Of-CD „The Mix“ von 1991. Kraftwerk verpassten ihren Stücken aus zwei Jahrzehnten einen moderneren Sound. Viele sagten damals, damit sei der kreative Stillstand der einstigen Sound-Scouts besiegelt.

Aus der Roboter-Starre erwacht

Als Multimedia-Erlebnis dagegen macht die Band inzwischen wieder Sinn. Ihr ikonenhaftes Musik-Material – nach dem kompletten „Radio-Aktivität“ folgen Publikums-Lieblinge wie „Autobahn“ und „Nummern“ – umrahmen Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie mit Produkten eines fremden Kunstgenres, mit Video- und Computer-Art, und stellen es als etwas völlig Neues in den Ausstellungshallen der Welt aus, 2012 im New Yorker MoMA, 2013 in der Londoner Tate Modern.

Und es ist plötzlich Leben in der Band. Sonst live als starre Roboter-Imitationen kritisiert, mixt Ralf Hütter bei „Heimcomputer“ die Sounds wie ein abgespaceter Prog-Rocker mit geschlossenen Augen. Kollege Fritz Hilpert fegt über die Tasten seines Instruments und schiebt die Elektroklänge von links nach rechts und quer durch die Halle. Während ein 3D-Spacelab vor einer Projektion der Neuen Nationalgalerie landet, wiegt sich Hütter zunehmend im Beat. Und bei „Music Non Stop“ schließlich – Kraftwerk-Puristen müssen jetzt ganz stark sein – klatscht Ralf Hütter vor Verzückung in die Hände. Mit 68 Jahren hat man wohl irgendwann keine Lust mehr, sich von der Kritik die immer gleichen Vorwürfe anzuhören, auf der Bühne meist nur doof herumzustehen.

Nach den acht Berliner Konzerten wird die Aufführung von „Radio-Aktivität“ also als ein sehr menschlicher, als poetischster, melancholischster Abend in Erinnerung bleiben. Es ist Musik aus den jungen Jahren von Bill Gates und Steve Jobs. Das klingende Versprechen einer harmonischen Zukunft durch den Einklang von Mensch und Technik. Wer nach zwei Stunden hinaus in die Berliner Nacht tritt, weiß: Es wurde nie eingelöst.