Konzert

Ein unvergleichbarer Abend - Kraftwerk im Museum

Acht Mal in Folge spielt die Band Kraftwerk in der Berliner Nationalgalerie. Zum Auftakt präsentieren sie ihr Album „Autobahn“ und reisen in 3D durch eine vertraute und doch unbekannte Welt.

Foto: Reto Klar / ZGB

Die Reise beginnt mit dem beigen Käfer, amtliches Kennzeichen D-KR 70. Er gleitet über die Autobahn, rechts und links sind die Felder im grünsten Grün, in Quadrate aufgeteilt. Der Himmel ist blau, der Verkehr ist gemäßigt, ein Käfer überholt einen Fiat und einen VW-Bus. Ein schwarzer Mercedes, amtliches Kennzeichen D-KR 74 erscheint im Rückspiegel. Beide halten ihr Tempo. Er überholt den Käfer. Im Horizont sieht man als Silhouette die rauchenden Schornsteine der Fabriken. Sie sind freundlich, sie zeigen, dass hier gearbeitet wird, während wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn. Als das Stück „Autobahn“ zu Ende ist, nimmt der Käfer die Ausfahrt.

Die Zeichnungen der Autobahn sind Auftakt des ersten Konzertes von Kraftwerk in der Berliner Neuen Nationalgalerie. Acht Mal wird die Düsseldorfer Band in Folge hier spielen. Acht Mal werden die vier Männer acht ihrer Alben und im Anschluss einen Mix aus jeweils anderen Veröffentlichungen aufführen. Acht Mal zeigen sie das Bild einer Zukunft, die heute vergangen erscheint und Verheißung und Albtraum zugleich ist.

Ausverkauft waren die Konzerte, als sie im vergangenen November angekündigt wurden, binnen Stunden. 1700 Karten wurden verkauft, es ist aber genug Platz für jeden, selten konnte man bei einem Konzert so bequem in vorderster Reihe stehen.

Frotzeln über das Museum der Moderne

Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin (CDU), ist gekommen. Als sie Tim Renner, Berlins Kulturstaatsekretär (SPD), erblickt, frotzeln die beiden kurz miteinander. Denn die eine will das geplante Museum der Moderne zwischen Nationalgalerie und Philharmonie errichten, der andere lieber hinter der Nationalgalerie an der Sigismundstraße. Was genau die beiden miteinander bereden, kann man nicht bezeugen. Dass am Ende der Unterhaltung aber Monika Grütters ihm kurz die Zunge entgegen streckt, könnte man beeiden.

Tim Renner erzählt, dass „Trans Europa Express“ seine erste gekaufte LP war. Mit neuen Liedern von Kraftwerk, die Mitte der 80er-Jahre ihre Produktion nahezu eingestellt haben, rechnet er nicht. Ralf Hütter, einziges verbliebenes Gründungsmitglied aus dem Jahr 1970, macht zwar immer wieder Andeutungen und hat im Sommer 2013 dem „Guardian“ in einem seltenen Interviews erzählt, dass definitiv ein neues Album kommen werde. Aber eigentlich geht es darum eine Legende zu bewahren. Und Legenden brauchen keine neuen Werke.

Musik und Video sind perfekt aufeinander abgestimmt

Vor ihren Synthesizern stehen Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen, so die Reihenfolge vom Publikum aus gesehen von links nach rechts. Sie schauen auf ihre Instrumente. Keine Ahnung, was sie da genau machen in einer komplett choreografierten Show, in der Musik und Video perfekt miteinander abgestimmt sind und keinerlei Platz für Improvisation lassen. Sie schauen fast den gesamten Abend nur auf ihre Keyboards. Wenn sie aufblicken würden, könnten sie ein anfangs andächtig lauschendes, später dann doch mehr tanzendes Publikum, das mit seinen 3D-Brillen auf den Nasen fast maskenhaft wirkt, sehen.

Seit 2012 reist Kraftwerk durch die Museen der Welt, mit dem Museum of Modern Art hatten die Männer begonnen. Mit den Jahren sind die Auftritte, beispielsweise die in Stockholm oder in Düsseldorf, gut auf Youtube nachzuverfolgen. Und doch ist in ihrem Fall ein Live-Konzert doch etwas komplett anders. Nicht nur, dass man sich nicht daran erinnern könnte, dass Ralf Hütter auf einem Konzert für seine Verhältnisse geradezu ekstatisch mitwippen würde. Die 3D-Welt zieht einen stärker und unmittelbarer in den Kraftwerk-Kosmos als auf einem Computerbildschirm möglich ist. Sie nimmt einen mit auf die Reise, mit der Eisenbahn und dem Trans Europa Express, auf dem Fahrrad und der Tour de France und natürlich mit dem kleinen beigen Käfer über die Weiten der deutschen Autobahnen. Sie macht das Konzert unvergleichbar.