Oper

Wie Regisseur Hermanis auf Russlands „Schwarze Liste“ kam

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Blech

Foto: Krauthoefer

Das Wochenende wird der lettische Theatermann Alvis Hermanis nicht vergessen: An der Staatsoper in Berlin gab er sein Regiedebüt mit Puccinis „Tosca“, und Russland erklärte ihn zur Persona non grata.

Eigentlich ist Alvis Hermanis auf seinen großen Premierentag in Berlin eingestellt. Die Staatsoper hat zur Saisoneröffnung Puccinis „Tosca“ mit Daniel Barenboim am Pult angekündigt. Es ist das Regiedebüt von Hermanis am Haus. Um 10 Uhr vormittags erhält der lettische Theatermann einen Anruf vom Außenministerium. „Sie sagten mir, dass das Außenministerium Russlands das Außenministerium Lettlands darüber informiert hat, dass ich jetzt eine Persona non grata in Russland bin“, sagt Hermanis. Es gehöre zu den diplomatischen Gepflogenheiten, das mündlich mitzuteilen.

Bereits am Freitagnachmittag wird sein Name in den russischen Nachrichtenmeldungen rauf und runter genannt, er muss den Tag erklärend am Telefon verbringen. Insgesamt drei Namen landen auf der schwarzen Liste. Die anderen beiden in Russland „unerwünschten Personen“ sind Lettlands Geheimdienstchef Janis Majzitis und der Parlamentsabgeordnete Andrei Judin von der regierenden „Einheits“-Partei. Letzterer hatte einen Gesetzentwurf eingebracht, wonach kommunistische Propaganda wie auch Nazi-Propaganda bestraft werden kann.

Buhs nach dem Staatsoperndebüt

Aber Hermanis ist kein Politiker, sondern ein Künstler. Im Schillertheater offenbart er sich am Abend als ein Opernregisseur des modernen Konservativismus. Er ist kein Provokateur, kein Zertrümmerer. Puccini bleibt Puccini, auch wenn Hermanis oben auf der Bühne parallel einen Comicstrip zur Handlung abspielen lässt. Am Ende der „Tosca“-Premiere wird er dafür einige Buhs einstecken müssen. Sie werden ihn empfindlicher getroffen haben als üblich.

Der eigentlich so charismatische Regisseur wirkt schon etwas bedrückt, als er gemeinsam mit dem Stardirigenten Daniel Barenboim, den Orchestermusikern und den Sängern auf der Bühne zum Schlussapplaus erscheint. Die Buhs für seine verspielte „Tosca“-Deutung machen beiläufig deutlich, wie belanglos manche unserer Theaterrituale eigentlich geworden sind. Die existenziellen Dinge, die gerne im hiesigen Kulturbetrieb beschworen werden, finden anderswo statt.

Probt wieder in seinem Theater in Riga

Bereits am Tag nach der Premiere reist Hermanis in seine Heimatstadt Riga zurück. Dort ist er künstlerischer Leiter des Neuen Theaters. Seit Montag probt er bereits wieder im Theater. Ein russisches Stück Literatur, wie er sagt. In unserem Telefongespräch wirkt er inzwischen fast ein wenig beleidigt. Nein, man habe ihm keine Erklärung dafür gegeben, sagt er. Aber er kann es sich zusammenreimen. Man habe ihn als symbolische Figur ausgewählt, sagt Hermanis. „Mitte März, als die Krim offiziell besetzt wurde, habe ich meine Produktion im Bolschoi-Theater, die für die nächste Spielzeit angekündigt war, abgesagt.“

Darüber hinaus hatte sein Neues Theater Riga die vorgesehenen Auftritte bei Theaterfestivals in den russischen Städten Sankt Petersburg und Omsk verworfen. „Russlands militärische Aggression gegen die Ukraine hat eine Situation geschaffen, in der es keinem lettischen Bürger mehr möglich ist, eine neutrale Haltung einzunehmen“, ließ das Theater damals mitteilen. Und lud alle ein, ihre Haltung nicht nur mit Worten, sondern durch konkrete Maßnahmen zum Ausdruck zu bringen. Der russischen Gesellschaft solle verdeutlicht werden, dass Putins aggressive Führung sie in die internationale Isolation führe.

Russische Autoren an der Berliner Schaubühne

Jetzt steht Alvis Hermanis auf der schwarzen Liste. Und er fühlt sich irgendwie missverstanden, weil er doch der russischen Kultur verpflichtet ist. „Ich bin vermutlich der Künstler, der im Ausland mehr russische Werke als irgend jemand anderes aufgeführt und inszeniert hat“, sagt er. In Lettland, der Schweiz oder in Deutschland. An der Berliner Schaubühne hat er 2011 „Eugen Onegin“ und im Jahr darauf „Sommergäste“ gemacht. Insgesamt seien es 20 bis 30 Inszenierungen von Dostojewski, Tschechow und auch modernen Autoren. „Mich als russophoben Künstler zu bezeichnen“, so Hermanis, „ist deshalb nicht so einfach“. Von Kollegen aus Russland bekäme er jetzt auch sehr viele unterstützende Briefe.

Dass einem Theatermann die gleiche Bedeutung zugemessen wird wie einem Geheimdienstchef oder einem Spitzenpolitiker, das ist das eigentlich Verblüffende. Das ist in der deutschen, ja mitteleuropäischen Kulturszene undenkbar. Hier ringen gerade die Theater seit Jahrzehnten um ihre Deutungshoheit und haben diese überwiegend in Stückzertrümmerungen, Skandalen und ausgestellten Selbstbefindlichkeiten geopfert. Der Fall Hermanis zeigt, dass Künstler immer noch einflussreicher sind, als es viele glauben. Sie können moralische Instanzen sein. Und gefährlich, wenn sie auf der anderen Seite stehen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Letten bereits im Juli drei russische Künstler auf ihre schwarze Liste gesetzt haben. Es traf etwa den Jazzsänger Joseph Kobzon aus der Ukraine. Er wurde mit dem Bann belegt, weil er zur „Untergrabung der ukrainischen Souveränität und territorialen Integrität“ beigetragen habe. Auch die populären Sänger Oleg Gazmanov und Valeria kamen auf die schwarze Liste.

Nach dem Schock einen Grappa

Hermanis’ Ächtung ist gewissermaßen die russische Antwort darauf. „Für mich ist das keine große Tragödie“, sagt der Regisseur. Vor vier Jahren war er das letzte Mal in Russland, um den höchsten Theaterpreis des Landes in Empfang zu nehmen. „Wenn sie konsequent wären, müssten sie eine meiner Aufführungen verbieten“, sagt er: „Vor fünf Jahren inszenierte ich eine Theaterproduktion, die immer noch jeden Monat aufgeführt wird, in verschiedenen Städten. Diese Aufführung spiegelt genau meine Haltung zu Russland wider. Es braucht also meine physische Anwesenheit gar nicht. Die Absetzung des Stückes wäre eine wirkliche Sanktion. Aber dann würde es vermutlich große Proteste geben.“

Einen bitteren Scherz kann sich Hermanis, 49, nicht verkneifen. „25 Jahre meines Lebens habe ich in der Sowjetunion verbracht, ohne die Chance, herauszukommen. Und jetzt habe ich die Situation, dass ich nicht mehr in die Sowjetunion einreisen kann.“ Russland sei für ihn immer noch die Sowjetunion.

Seine nächste Opernproduktion, Zimmermanns „Soldaten“, wird er mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher an der Mailänder Scala machen. An sein Berliner Staatsoperndebüt wird er sich wohl zeitlebens erinnern. Als Intendant Jürgen Flimm ihn bei der Premierenfeier nach vorn rief, brachte Alvis Hermanis eine Flasche Grappa mit und erklärte, dass er die Flasche heute austrinken werde. Anschließend erzählte er von dem Anruf. Gleich danach setzte er sich in einen Sessel und nahm den ersten Schluck.