Spaziergang

Gabriele Quandt, die Mäzenatin in einer klammen Stadt

Gabriele Quandt ist die neue Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie. Sie hat eine schwere Zeit vor sich – bald schließt die Neue Nationalgalerie für vier Jahre. Was tun? Ein Spaziergang.

Foto: Krauthoefer

Die Neue Nationalgalerie ist leer. Keine Ausstellung oben. Diese Leere ist ein Bild, an das man sich leider bald gewöhnen muss, denn zum 31. Dezember dieses Jahres schließt das Haus an der Potsdamer Straße für vier Jahre und wird wieder instand gesetzt. Es ist zwar modern, aber doch in die Jahre gekommen.

Aber hinter der Nationalgalerie, auf der großen Terrasse, die Richtung Maritim-Hotel und Bendlerblock blickt, tut sich was. Rohe Baumstämme werden abgeladen, stapeln sich auf den Fliesen. Vorbereitung zur letzten großen Ausstellung, bevor Schluss ist: Der Architekt David Chipperfield, der auch die Instandsetzung und den sanften Umbau verantwortet, stellt seine Pläne vor. „Sticks and Stones“ wird die Ausstellung heißen und wohl ihren ganz eigenen Charme entwickeln. Denn in der von Mies van der Rohe entworfenen oberen Halle mit der freischwebenden Decke – diesem riesigen Raum, der ohne Träger auskommt – werden plötzlich rund hundert rohe Stämme aufragen. An jedem Kreuzpunkt der Deckenträger einer.

„Wie ein geschälter, sehr sortierter natürlicher Wald“, sagt Gabriele Quandt und freut sich sichtlich zu beobachten, wie die dicken Baumstämme mit dem Kran abgeladen und gestapelt werden. Woher kommen die Bäume? Sie überlegt kurz. „Ich weiß nur, dass irgendjemand ganz glücklich war, weil er ein ganzes Wäldchen roden konnte, das er sowieso roden wollte.“ Allerdings seien die Bäume Fichten, was die Pläne, hinterher womöglich aus dem Holz noch ein bisschen Geld zu machen, leider zunichte gemacht hat. „Die Dinger werden sich am Ende biegen“, sagt sie lachend. Nasses, junges Holz ist nicht viel wert.

Dieser Moment scheint charakteristisch für Gabriele Quandt. Seit April ist sie die Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie – eine einflussreiche Institution in Berlin. Die Freunde der Nationalgalerie helfen der klammen Stadt, große Kunst nach Berlin zu bringen. Sei es, dass sie eine prominente Ausstellung möglich machen – man erinnere sich nur an die spektakuläre MoMA-Ausstellung von 2004 oder unlängst an Gerhard Richter –, sei es, dass sie ein neues Kunstwerk für die Museen ankaufen. Wer Mitglied bei den Freunden ist, ist im wahrsten Sinne ein Mäzen. Er spendet Geld, damit Kunst für alle zugänglich wird.

Namhafte Vorgänger

Wer ein Mäzen ist, muss natürlich ein bisschen Geld übrig haben, das er hergeben kann. Kurz und gut – ein Mäzen ist wohlhabend, ja manchmal sogar reich. Und mit Wohlhabenden und Reichen tut sich gerade diese Stadt schwer. Gabriele Quandt wusste das alles, als sie ihre Wahl annahm. Sie kennt die Stadt ziemlich gut.

Aber zurück zu den Baumstämmen. Was ist denn nun an der Situation so charakteristisch? Erst mal ihr Humor und ihre Geerdetheit. Chipperfield, Mies van der Rohe, große Köpfe, große Kunst hin- und her – Gabriele Quandt kann sich für Kunst-Projekte begeistern, aber sie hebt nicht ab. Der eine will seinen Wald roden, der andere will Kunst machen, da gibt es nichts zu überhöhen, das passt doch prima. Und dass sie darüber nachdenkt, ob man danach die Stämme noch nachverwerten kann, ist ganz kaufmännisch gedacht. Ganz im Sinne der Freunde. Das Geld ist knapp, überall wird mehr gebraucht. Da sollte man nichts unversucht lassen. In dem Moment allerdings, als sie die abgeholzten Bäume endlich vor sich sieht und merkt, dass ihre tollen Nachnutzungs-Pläne gerade quasi zu Sägemehl zerschreddert werden, muss sie lachen. Gabriele Quandt lacht gerne, das merkt man ihr an.

„Ich wirke gelassen, aber ich bin innerlich schon auch manchmal unsicher. Vor einem Publikum zu stehen und Reden zu halten, fällt mir noch schwer.“

Nein, sie hat sich nach diesem Posten wohl nicht gedrängelt. Ihre Vorgänger waren namhaft. Peter Raue hat unglaubliche 31 Jahre die Freunde der Nationalgalerie geleitet und dauerhaft geprägt. Er war Motor, Unterhalter, Netzwerker, Mäzen in einem. Danach kam ab 2008 Christina Weiss, die ehemalige Kulturstaatsministerin, die einen ganz anderen Stil einbrachte. In ihrer Zeit wurde das Programm der Freunde intellektueller, interdisziplinärer. „Bei Christina konnte ich sehen, man kann es auch ganz anders machen, und das hat mir die Entscheidung erleichtert“, sagt Gabriele Quandt.

Ein Blick für Berlin

Gabriele Quandt hat beide Vorgänger intensiv erlebt, denn sie ist seit 1979 Mitglied bei den Freunden. Damals hat sie Bernd Schultz, Chef des Auktionshauses Villa Grisebach und ein ähnlich hochtouriger Motivator wie Peter Raue, gefragt, ob sie nicht beitreten wolle. Sie ist also schon fast seit Beginn dabei, die Freunde der Nationalgalerie wurden im Jahr 1977 gegründet. 1400 Mitglieder gibt es heute – „und wir brauchen noch mehr“, sagt Gabriele Quandt. Noch mehr als 1400 Mitglieder? Andere exklusive Fördervereine von Kunstmuseen haben ein paar hundert Mitglieder, fünfhundert höchstens.

„Berlin ist anders als andere Städte“, sagt sie. Das fängt schon beim jährlichen Mitgliedsbeitrag für die Freunde an. 600 Euro sind es. „Möglicherweise würde man in München 2000 Euro pro Nase kriegen können. Aber hier geht das nicht. Hier ist 600 Euro scharf an der Grenze.“ Denn diese 600 Euro sind kein Geld, für die man eine direkte Gegenleistung erhält. Nicht wie der Jahresbeitrag beim Golf-Club oder im exklusiven Fitness-Center.

Gut, es gibt einige Vorteile. Vorbesichtigungen der Ausstellungen, Einladungen zu Veranstaltungen und Reisen oder die berühmten Essen der Freunde in der säulenlosen Halle der Neuen Nationalgalerie. Aber auch da muss man oft noch kleinere Summen zahlen. Denn die 600 Euro sind im wahrsten Sinne eine Spende. Man gibt das Geld für die Sache, für die Kunst. „Ich versuche immer wieder klarzumachen, hier geht es um Unterstützung. Es geht nicht darum, die 600 Euro abzufuttern, in Wein umzusetzen oder in Eintrittskarten. Man gibt etwas, weil man es will und weil man es kann. Weil man damit etwas unterstützt, was einem am Herzen liegt.“

Und weil diese Stadt deutlich weniger reich ist als andere deutsche, meist west-deutsche Großstädte, ist hier die Breite wichtig: viele Mitglieder, die dann aber deutlich weniger Jahresbeitrag bezahlen als beispielsweise in Hamburg, München oder Frankfurt am Main. „Ich will keinen Glaskasten bauen – wie: hier sind die Wohlhabenden unter sich. Das ist nicht die Stadt dafür. Und das hat seinen Charme.“

Studium in Berlin

Aber auch seine Härten, und auch die kennt Gabriele Quandt. 1971 zog sie vom behüteten Bad Homburg zum Studium nach West-Berlin, ging an die Freie Universität. Bei der Immatrikulation, als sie ihren Namen nannte, schaute die Uni-Angestellte hoch: „Quandt wie Flick?“ Was für eine Begrüßung. Aber es sind die 70er, die Wut auf den Kapitalismus schäumt durch die Uni-Flure. Gabriele Quandt reagierte damals ganz gelassen, „schön wär’s“, murmelte sie, schließlich hatte allein das Berliner Telefonbuch zwei Seiten Quandt-Einträge. Aber die Wahrheit war: Die Uni-Angestellte lag ganz richtig.

Gabriele Quandts Großvater war Günther Quandt, ein sehr erfolgreicher Industrieller, der in der Weimarer Republik durchstartete, in der NS-Zeit weiterhin – auch dank Zwangsarbeit – gute Geschäfte machte und später in der Bundesrepublik einfach weitermachte. Bis Kriegsende lebte er in Berlin, hier kam auch sein Sohn Harald 1921 zur Welt, den ihm seine zweite Frau Magda gebar. Harald Quandt ist der Vater von Gabriele Quandt. Dessen Mutter Magda ließ sich 1929 von Günther Quandt scheiden, man blieb aber freundschaftlich verbunden. Sie heiratete einen neuen Mann: Joseph Goebbels, mit dem sie noch sechs Kinder bekam. Die Geschichte ist bekannt, Magda Goebbels brachte zusammen mit ihrem Mann die Kinder und sich 1945 im Führerbunker um.

„Damit hat man schon sein Päckchen zu tragen“, hat Gabriele Quandt vor einigen Jahren im Interview mit der „Zeit“ gesagt. Und: „Man fühlt sich grauenvoll und schämt sich.“ Dort hat sie alles gesagt, jetzt will sie sich dazu nicht mehr äußern. „Ich habe inzwischen akzeptiert, dass das Leben extrem unvorhersehbare Wege geht“, meinte sie anfangs auf unserem Spaziergang. Verschlungene Wege.

Buletten und Gurkengemüse

Denn der Familienpatriarch, der Großvater Günther Quandt, glaubte nach dem Krieg nicht mehr an Berlin. Da war er ganz Geschäftsmann. Er setzte auf Frankfurt am Main, glaubte anfangs noch, hier werde die neue Hauptstadt entstehen. Adenauer machte ihm ein Strich durch die Rechnung, aber zumindest Banken und Börsen zogen an den Main. Doch die Eltern von Gabriele Quandt hingen immer noch an Berlin, auch ihre Mutter war Berlinerin, die Großeltern lebten weiterhin in Frohnau. Die Enkeltochter Gabriele liebte die Besuche dort, liebte die Buletten und das Gurkengemüse der Oma. Das Abiturzeugnis ist kaum geschrieben, da verlässt sie West-Deutschland und macht sich auf den Weg nach Berlin.

Hier kann sie alles hinter sich lassen – ihren Namen, ihre Familie, auch den Reichtum. Sie lebt bescheiden im Hinterhof in Kreuzberg, fährt einen gebrauchten R4, ruckelt damit wie alle anderen über die Transitstrecke. Bis 1978 hat sie hier studiert, und man merkte ihr an, es waren prägende, schöne Jahre. Die eingemauerte Stadt hat ihr etwas Kostbares geschenkt: Freiheit. Und nun schenkt sie der Stadt mit ihrem Ehrenamt bei den Freunden der Nationalgalerie etwas zurück.

Allerdings hätte man sich wirklich eine leichtere Zeit als Vorstand vorstellen können. Die Neue Nationalgalerie ist das Haupthaus der Freunde, das Herzstück. Wie will man 1400 oder noch mehr Mitglieder bei Laune halten, wenn man keinen Ort hat? Es ist schwer, in Berlin überhaupt den Gedanken des Mäzenatentums zu verankern. Aber Mäzen einer Dauerbaustelle? Das ist nun wirklich eine freudlose Angelegenheit.

Es fehlt an Geld

„Da habe ich natürlich absolut den schwarzen Peter“, sagt Gabriele Quandt trocken, als sie vom Matthäikirchplatz zur Nationalgalerie zurückläuft. Ja, sie werden sich etwas einfallen lassen. Events funktionieren in Berlin immer, auch schöne Kunst-Reisen, um alle bei Laune zu halten. Und es gibt ja noch andere Häuser, die zur Verfügung stehen: die Alte Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof, das Museum Berggruen, die Sammlung Scharf-Gerstenberg. Die Friedrichswerdersche Kirche allerdings nicht, da fällt gerade der Stuck von der Decke. Und es fehlt das Geld zur Sanierung. „Dafür brauche ich 4000 Mitglieder“, sagt Gabriele Quandt grinsend. Das könnte noch eine Weile dauern.

Aber ähnlich wie bei den Baumstämmen – Gabriele Quandt wird die Aufgaben sicherlich beherzt und doch gelassen angehen. Wir gehen die Treppe hinunter zum Café im Untergeschoss der Nationalgalerie. Alles ist noch wie immer – bald wird hier Baustelle sein. „Das kommt auch raus“, sagt sie und zeigt auf die Metallrahmen der Zwischentüren. So vieles ist hier schon in die Jahre gekommen. Das Verrückte ist: Nach der Sanierung wird es wohl wieder fast genauso aussehen wie jetzt. Nur, dass alles irgendwie neu ist.

Hat sie eigentlich einen Traum? Eine bestimmte Ausstellung, einen bestimmten Künstler? Nein, sagt sie entschieden, da mischt sie sich nicht ein. Sie hört zu, was Direktor Udo Kittelmann ihr vorschlägt. Dann allerdings sagt sie klar ihre Meinung, ganz im Sinne der Freunde. Ihre Devise lautet: „Nichts gegen den Willen des Direktors, aber nicht alles, was er will“.