Sanierung

Staatsoper - „So etwas sollte nicht noch einmal passieren“

Die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden wird 93 Millionen Euro mehr kosten als eingeplant. Für den designierten Bausenator Andreas Geisel soll dies das letzte Berliner Bau-Debakel sein.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

„Wir sind doch froh, dass wir ein Datum haben“, sagt Intendant Jürgen Flimm. Das Staatsopern-Ensemble sitzt seit 2010 in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater. Aus den ursprünglich drei Jahren werden, nach mehreren Verschiebungen, nunmehr sieben Jahre. Die Wiedereröffnung werde im Herbst 2017 sein, versicherte Senatsbaudirektor Regula Lüscher nach einer Baustellenbegehung am Mittwoch.

Die Staatsoper soll das letzte Debakel mit steigenden Baukosten und Verzögerungen bei einem großen Berliner Bauprojekt sein. „So etwas sollte nicht noch einmal passieren“, sagt Andreas Geisel (SPD) am Donnerstag der Berliner Morgenpost.

Der Sozialdemokrat übernimmt am 11. Dezember das Amt des Bausenators. Der zukünftige oberste Bauherr der Stadt konnte sich zwar noch keinen detaillierten Einblick verschaffen, warum die Sanierung 93 Millionen Euro mehr kosten soll als die 296 Millionen, die zuletzt eingeplant waren. Darum hält er sich mit Schuldzuweisungen zurück. Aber Geisel, der bisherige Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, benennt ein einfaches Prinzip, von dem nicht mehr abgewichen werden dürfe: „Wesentliche Planungen müssen erst abgeschlossen sein, bevor angefangen wird zu bauen.“

„Versäumnisse in der Planung“

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hatte die neu aufgetauchten Probleme auf die nicht hinreichenden Untersuchungen des Baugrundes und des Gebäudezustandes zurückgeführt und ebenfalls Besserung gelobt. Nach Einschätzung Geisels zeigen die steigenden Kosten und verschobenen Termine nicht Inkompetenz am Bau, sondern Versäumnisse in den Planungsannahmen und Untersuchungen. Hätte man das ordentlich gemacht, „dann wären die jetzigen Zahlen keine Überraschung“, so der designierte Bausenator. Zumindest wäre es geboten, in der Kommunikation eines Bauprojektes Risiken oder Terminszenarien transparenter zu machen.

Klaus Grewe, Mitglied der Reformkommission Großprojekte des Bundes und Manager der Olympischen Spiele in London, sprach sich kürzlich bei einer Podiumsdiskussion in Berlin dafür aus, lieber länger und sorgfältiger zu planen, anstatt am Ende draufzuzahlen. Ein solcher Weg könne auch dazu führen, dass man ein Projekt eben sein lasse, wenn die wahren Kosten auf dem Tisch lägen, sagte der Manager im Beisein des künftigen Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD).

Wobei trotz der prominenten und teuren Beispiele Staatsoper, Flughafen BER oder Kanzler-U-Bahnlinie 5 der Eindruck falsch ist, dass nur in Berlin Bauprojekte aus dem Ruder laufen. Dem widersprechen die Forschungsergebnisse von Genia Kostka, Professorin an der Hertie-School of Governance. Sie hat 146 Großprojekte in Deutschland untersucht und herausgefunden, dass die Berliner Vorhaben zu 61 Prozent den Kostenrahmen sprengen, deutschlandweit seien es 67 Prozent.

Deutsche Oper war im Plan

Auch die Termine werden in Berlin zwar immer noch häufig, aber seltener verschoben als andernorts. Positive Beispiele in Berlin sind etwa der Bau des Bundesinnenministeriums oder bisher der Bau des Stadtschlosses. Die Deutsche Oper hat gerade eine 20-Millionen-Euro-Sanierung im Zeitplan abgeschlossen. Genia Kostka kann auch Gründe benennen, warum Projekte schief laufen. Bei Ausschreibungen kämen nicht die besten, sondern die billigsten Bieter zum Zuge. Unerfahrene Projektmanager und mangelndes Fachwissen in den Aufsichtsgremien seien weitere Gründe. Außerdem würden Politiker bisweilen der Öffentlichkeit die wahren Kosten verschweigen, um ein Vorhaben politisch durchzusetzen. Projektmanager Grewe nannte einen Grund, warum in anderen Ländern Projekte insgesamt seltener Probleme zeigten als in Deutschland. In den USA seien etwa oft große Pensionsfonds an der Finanzierung von Infrastrukturvorhaben beteiligt. Die Kontrolle dieser privaten Investoren sei sehr viel penibler als die der öffentlichen Hand, schilderte er seine Erfahrung.

Die Berliner Opposition fordert, das Abgeordnetenhaus stärker in die Kontrolle einzubinden. „Das Parlament ist zu beteiligen, um zu klären, ob das Bauvorhaben neue Ressourcen braucht, die Bauüberwachung ausreicht oder Unvorhergesehenes die ursprünglichen Planungen behindert“; sagte der Piraten-Fraktionschef Martin Delius, der als Vorsitzender des BER-Untersuchungsausschuss das andere Berliner Pleiten-Projekt sehr gut kennt.

„Eine formidable Eröffnungsspielzeit werden wir hinlegen“, verspricht Flimm. Bis dahin wird aber noch einige Zeit vergehen. Und jede Spielzeit außerhalb der großen Staatsoper bedeutet auch Einnahmeverluste. „Jetzt wird es finanziell erstmals eng“, so der Intendant. Er müsse mal darüber mit Kulturstaatssekretär Tim Renner reden.