Deutsches Theater

Bei Ibsens „Frau am Meer“ regiert die Macht der Erinnerung

Die Tote beherrscht die Lebenden – in Ibsens „Die Frau vom Meer“ und in Stephan Kimmigs Inszenierung, die am Mittwoch Premiere im Deutschen Theater hatte. Ein Triumph für Schauspieler Steven Scharf.

Foto: Friedrich Bungert / dpa

Die Party ist schnell vorbei. Denn Lyngstrad (Benjamin Lilie), der gemeinsam mit Ballested (Timo Weisschnur) und den beiden Wangel-Töchtern wild vor der Spielkonsole tanzt, bekommt keine Luft mehr. Atemnot. Die Atmosphäre im Haus ist bedrückend, die Macht der Sehnsucht lastet bleischwer auf den Menschen.

Hilde und Bolette Wangel stellen große Vasen mit weißen Lilien auf. Ein dunkler, an Horrorfilme erinnernden Sound (Musik: Michael Verhovec) grundiert nicht nur die Eröffnungsszene. Die Schwestern zünden Kerzen an, legen sich sehnsuchtsvoll in ihr Arrangement, um mit ihrem alljährlichen Ritual ihrer Mutter zu gedenken.

Die Tote beherrscht die Lebenden – in Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“ und in Stephan Kimmigs Inszenierung, die am Mittwoch Premiere im Deutschen Theater hatte und zu einem Triumph für den Schauspieler Steven Scharf wurde.

Alles ist disparat

Stephan Kimmig hat sich von Bühnenbildnerin Katja Hass ein dunkles, von skandinavischem Design inspiriertes Holzhaus entwerfen lassen. Eigentlich spielt Ibsens Drama ja komplett im Freien, der Regisseur aber aber hat einige Szenen ins Innere verlegt. Ein gedämpfter, wie in Watte gepackter Raum. Die Menschen bei Kimmig verkrampfen sich, ihr Reden und ihr Handeln kommen einfach nicht zusammen. Alles ist disparat.

Gesprochen wird nicht so viel im Hause Wangel, der Hausherr greift lieber zum Cognac. Ellida, seine neue Gattin, zieht es in ihr Lebenselement, das Meer. Sie geht schwimmen, aber das Wasser im Fjord ist ihr eigentlich zu brackig. Sie träumt vom offenen Meer, von einem mysteriösen Seemann, an den sie sich vor vielen Jahren gebunden hat. Projektionen, wohin man schaut. Keiner lebt wirklich in der Gegenwart. Als die beiden zusammen Tango tanzen, sieht das so leidenschaftlich aus wie eine angespülte Muschel am Strand, die von einer Krabbe weggezogen wird.

Geschichte wiederholt sich

Tochter Hilde, die Lisa Hrdina als rotziges, spätpubertäres Mädchen spielt, sehnt sich nach einem besseren Verhältnis zu ihrer Stiefmutter. Ihre Schwester Bolette, bei Franziska Machens eine rational bestimmte junge Frau mit Hang zum Leiden, lacht ihren ehemaligen Lehrer Arnholm (Michael Goldberg) erst aus, bevor sie seinem Heiratsantrag schließlich doch zustimmt, obwohl sie weiß, dass die nicht glücklich werden wird. Geschichte wiederholt sich, beim zweiten Mal bekanntlich als Farce.

Als Ibsen sein Drama 1888 in München schrieb, wollte er – wie stets – auf der Höhe der Zeit sein. Hypnose war en vogue, es kursierten Evolutionstheorien mit der These, dass der Mensch dem Meer entstiegen sein könnte. Der Dramatiker fügte zum mystischen Element noch ein biografisches, die Geschichte seiner Großmutter, hinzu, und reflektierte in „Die Frau vom Meer“ über das Wesen der Freiheit. Wangel erweist Ellida schlussendlich den Respekt, von dem Nora im gleichnamigen, früheren Ibsen-Stück nur träumen konnte.

Versöhnungsversuch im Restaurant

Steven Scharf spielt Doktor Wangel, den Hausherren, der nach dem Tod seiner geliebten Frau die Leerstelle in seinem Leben mit einer neuen auffüllen wollte, außerdem brauchte der alleinerziehende, bei Scharf immer etwas überforderte Vater auch eine Mutter für seine Kinder. Er kann Ellida mit der Perspektive einer gesicherten Zukunft überzeugen, aber Liebe kann man nicht kaufen. Ellida, Susanne Wolff pendelt in der Titelrolle fein zwischen Aufbrausen und niederschmetternder Stille, verzehrt sich nach Freiheit, nach Selbstbestimmung.

Die will ihr Wangel schließlich geben, ein letzter Versuch, beim Versöhnungsessen seine Frau noch zu halten: Szenen einer Ehe im Schnelldurchlauf, in dem Steven Scharf so ziemlich alles vom drohenden, resignierenden, kämpfenden und ignorierenden Gatten durchspielt. Sehr dicht, sehr gegenwärtig. Und ja, anders als bei Ibsen, entscheidet sich Ellida bei Kimmig für die zeitgemäße Variante: Sie geht.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 6., 19. und 26. Dezember