Steven Scharf hat sich entschieden: Er zieht im Sommer nach Berlin. Noch spielt der 39-Jährige, der 2013 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt wurde, an den Münchner Kammerspielen. Dort ist er seit sieben Jahren Ensemblemitglied. Seit Mitte Oktober probt Scharf am Deutschen Theater (DT), er spielt die männliche Hauptrolle in dem Ibsen-Stück „Die Frau vom Meer“, das Haus soll seine künftige künstlerische Heimat werden.

Die Bühne ist ihm schon vertaut, er gastierte mit zahlreichen Stücken wie „Rechnitz“ oder „Three Kingdoms“ am DT, aber die „Innereien kenne ich gar nicht“. Den Weg zum Reinhardt-Zimmer, in dem unserer Gespräch stattfindet, hat er sich zeigen lassen. Jetzt steht er oben am Fenster, aber der Fotograf, der später auch Fotos im Inneren des Theaters macht, möchte ihn jetzt lieber unten auf dem Vorplatz haben. Für ein Motiv im Beet. Kein Problem für Steven Scharf.

Ein sportlicher Typ. Knapp zwei Meter groß, schlank, schwarze Lederjacke, in der Hand einen Coffee-to-go-Becher. Eine sehr sonore Stimme. Und ein Bekenntnis: „Ich fühle mich wahnsinnig wohl hier.“ DT-Intendant Ulrich Khuon schätzt er, mit Regisseur Stephan Kimmig, mit dem er momentan arbeitet, ist er befreundet, und den Kollegen Bernd Moss, den er gerade auf dem Vorplatz getroffen hat, den kennt er noch aus München.

Den Moden trotzen

Aber es sind nicht nur die Menschen, die ihn hergezogen haben. „Ich verspüre hier am Deutschen Theater Wurzelkontakt“, sagt der gebürtige Thüringer, und schiebt vorsichtshalber gleich nach, dass er das nicht politisch meint. Er war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel, studierte Ende der 90er-Jahre an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock, war vor München am Theaterhaus Jena, in Freiburg, Basel und am Kölner Schauspiel engagiert – bei so einer Biografie spielen Ost-West-Gegensätze wohl keine Rolle mehr. Das Deutsche Theater ist für ihn ein ganz besonderes, denn „hier fand schon alles statt, die Mauern beherbergen so viele verschiedene Gedankenmodelle“. Das Haus „steht nicht für eine Richtung, das finde ich sehr anziehend“, sagt Steven Scharf, der das DT als einen Dampfer beschreibt, der sich „über eine bestimmte Theatermode erhebt“.

Eine Anspielung auf den in Theaterkreisen gebräuchlichen Vergleich der Volksbühne mit einem Panzerkreuzer und ein Bild, das durch Scharfs aktuelle Arbeit motiviert sein dürfte. Der 39-Jährige spielt Doktor Wangel, einen Arzt. Das Meer ist bei Ibsen ein Sehnsuchtsort, „es beherrscht die Macht der Stimmungen, eine Macht, die wie ein Wille wirkt“, schrieb der norwegische Dramatiker. Das Stück entstand allerdings nicht an der Küste, sondern 1888 in München.

Der allererste Ibsen

Ellida heißt die Meerfrau. Die Tochter des Leuchtturmwärters hatte vor vielen Jahren einen Seemann kennengelernt und sich mit ihm verbunden, der Mann aber musste wegen eines Mordes fliehen. Sie hat ihn nicht vergessen. Der Fremde, der im Stück keinen Namen trägt, kehrt zurück, um Ellida – wie beim Abschied versprochen – zu holen. Die lebt nicht besonders glücklich mit Doktor Wangel und dessen zwei Töchtern aus erster Ehe zusammen, Wangels gestorbene Ex-Frau ist noch recht gegenwärtig. Wangel will seine neue Frau nicht ziehen lassen. Bleiben oder gehen? Ellida muss sich entscheiden.

„Ich mag es, wenn es ums Ganze geht“, sagt Steven Scharf, der an diesem Tag lange geprobt hat. Er räumt ein, dass das Lesen von dialoglastigen Stücken nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört. Er empfindet das oft als „öde“. Bei Ibsen war das nicht so. Hinter dem vordergründigen Realismus verberge sich eine seltsame Magie. Wenn das „ein Film von Lars von Trier oder David Lynch wäre, dann wüsste man sofort, das ist ganz anders gemeint“, sagt der Schauspieler. Das Stück „speist sich aus einem dunklem, tiefgehenden psychoanalytischen und dadurch die Zeiten überdauernden Ansatz“.

Für Steven Scharf ist „Die Frau vom Meer“ der erste Ibsen. Das überrascht. Schließlich erfreut sich Ibsen großer Popularität. Seit Jahren stehen „Nora“ und „Hedda Gabler“ auf dem Spielplan der Schaubühne, in beiden Dramen geht es um Schuld, Sehnsucht und Selbstverwirklichung, zeitlose Themen, die ein bürgerliches Publikum immer noch berühren. Zuletzt inszenierte Thomas Ostermeier dann noch „Ein Volksfeind“, ein Stück über Wahrheit in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Am Deutschen Theater gibt es eine ironiegetränkte „Hedda Gabler“ und selbst Frank Castorf inszenierte in diesem Frühjahr Ibsen. Sein „Baumeister Solness“ ist allerdings hochgradig selbstreferenziell und eine Bewerbung für die Verlängerung seiner Intendanz.

Schauspieler des Jahres

Ibsen ist nicht die einzige Leerstelle für Steven Scharf. Er hat noch nie in einem Stück von Shakespeare gespielt – noch so eine Spielplansäule an deutschsprachigen Theatern. „In meiner Karriere überwiegen Projekte und Romandramatisierungen“, sagt der Schauspieler, der zuletzt zwei wichtige Auszeichnungen bekam. Im Frühjahr den Gertrud-Eysoldt-Ring für sein „Judas“-Solo an den Münchner Kammerspielen. Der „Ring“ ist mit 10.000 Euro verbunden, im Gegensatz zum undotierten, aber prestigeträchtigen Titel „Schauspieler des Jahres“. „Eine kleine, sehr edle Auszeichnung und eine tolle Bestätigung“, sagt Steven Scharf.

Es läuft also gut, ein guter Zeitpunkt für einen Umzug. Momentan wohnt Scharf in einer Gästewohnung des Deutschen Theaters in Prenzlauer Berg. Dort würde er gern auf Dauer leben, die Gegend gefällt ihm. Die damit verbundenen Klischees stören ihn überhaupt nicht. Mit den Vorurteilen ist das ja eh so eine Sache. Vor dem rauen Berliner Umgangsklima ist er gewarnt worden, empfunden hat er es noch nicht. Er glaubt, dass sich da etwas gewandelt hat. Vielleicht aber liegt es auch einfach an ihm.