Theater

Franziska Machens will bloß nicht träge werden

Franziska Machens zog aus der Schweiz nach Berlin, um die „Züri-Ruhe“ hinter sich zu lassen. Sie spielt am Deutschen Theater, beim Theatertreffen konnte die Schauspielerin nur einmal auftreten.

Foto: Reto Klar

Sie kommt gerade vom Meer, war das erste Mal in ihrem Leben auf dem Darß. Und schwärmt davon. Logisch. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen. Obwohl die Küste ja schon ein bisschen zur Hauptstadt gehört. Was den Münchnern die Alpen sind, ist den Berlinern die Ostsee. In Zürich hat man gewissermaßen beides, die Berge und das Wasser, wobei dem Zürichsee etwas die Weite fehlt. Das Namedropping ist jetzt fast vorbei, aber Hildesheim (kein Ozean, kein Hochgebirge) müssen wir noch erwähnen: Denn dort wurde Franziska Machens 1984 geboren.

Sie wuchs in einem Dorf in der Nähe auf. Studierte von 2005 bis 2009 Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München, wurde danach Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich und wechselte im Sommer 2013 zum Deutschen Theater. Seit einem Jahr also lebt sie in Berlin.

Wir treffen uns zum Frühstück bei „Sarah Wiener“, dem Café im Hamburger Bahnhof. Aus praktischen Gründen. Eigentlich hat Franziska Machens schon Theaterferien, aber sie spielt die Marge Sheerwood in „Der talentierte Mr. Ripley“. Und diese Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt wird dort an zwei Abenden gezeigt, deshalb muss sie mittags den Zug in die Bankenmetropole vom nahe gelegenen Hauptbahnhof nehmen.

Eine Stadt, die im Winter nicht hässlich wird

Was hat sie nach Berlin verschlagen? „Der Beruf“, antwortet sie schnell. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Ein paar Tanten, Onkels und Cousinen wohnen hier. Hauptsächlich aber wollte sie die „Züri-Ruhe“ hinter sich lassen, denn in der Schweizer Stadt „kann man träge werden“. Weil alles so schön ist: der Zürichsee, das Bergpanorama, die Limmat, die „Wahnsinn-Lebensqualität“. Eine Stadt, „die auch im Winter nicht hässlich wird“.

Aber nach vier Jahren wollte Franziska Machens raus aus der „Enklave“, wie sie das nennt. Rein ins Leben. Die Energie eines Ortes spüren. Diese Schweizer Distanziertheit, das ist nicht ihr Ding. Sie mag es etwas direkter, macht gern mal einen Spruch oder Witz – und freut sich natürlich darüber, wenn der auch vom Gegenüber goutiert wird.

Ein Jahr auf Wohnungssuche

Also beste Voraussetzungen für Berlin. Aber die Stadt hat es der neuen Bewohnerin nicht leicht gemacht. Ein Jahr hat sie nach einer passenden Wohnung gesucht. Und just vor dem Frühstück den Mietvertrag unterschrieben. Sie war bislang bei einer Freundin untergekommen, die Möbel stehen noch in Zürich. Dass es so lange gedauert hat, lag auch ein bisschen an ihr. Balkon und Bad, das war ihr sehr wichtig. Vorzugsweise in Schöneberg. Und einigermaßen bezahlbar sollte die Bleibe auch noch sein, junge Schauspieler am Theater gehören nicht gerade zu den Besserverdienern.

Die Wohnung ist ihr sehr wichtig. Ein Ort, an dem man sich entspannen kann. Wohlfühlen. Sich zurückziehen. In ihrem Beruf ist sie ja immer unter Menschen. Hat tagsüber Proben und abends, wenn die Berufstätigen erschöpft in den Feierabend gehen, Vorstellungen.

Mit Corinna Harfouch auf der Bühne

In sechs Inszenierungen spielt sie aktuell mit, da bleibt nicht so viel freie Zeit am Abend übrig. Zumal sie sich in ihrem ersten Jahr bei ihrem neuen Arbeitgeber auch einen Überblick über die anderen Produktionen verschaffen wollte, sich also durch das am Deutschen Theater (DT) ziemlich umfangreiche Repertoire durchschaut. Wahrscheinlich wird das auch erwartet, auf jeden Fall ist es ganz hilfreich, wenn man die neuen Kollegen nicht nur in der Kantine trifft, sondern auch auf der Bühne erlebt hat.

Zuletzt hat Franziska Machens mit Stephan Kimmig gearbeitet, der Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“ inszeniert hat. Die Titelrolle hat Corinna Harfouch übernommen, Machens spielt die Tochter Anna. Das vermeintlich liebe Kind, das nach ihrer gescheiterten Ehe zurück zur Mutter zieht. Aber die Welt ist auch dort schon längst nicht mehr in Ordnung, der Familienbetrieb steht kurz vor der Pleite und in seinem Zimmer im Keller ringt der Hausherr mit dem Tode. Und die Kinder sorgen sich um ihr Erbe.

Mit Kimmig wird sie in der kommenden Saison wieder arbeiten, der DT-Hausregisseur inszeniert Ibsens „Frau vom Meer“. Das ist jetzt eine Steilvorlage, denn Corinna Harfouch hat dieses Drama auch schon gespielt. An der Volksbühne. Unter der Regie von Frank Castorf, „Meerfrau“ stand damals auf dem großen Transparent am Bühnenturm der Volksbühne, der Interviewer erzählt begeistert von der Inszenierung – bis er merkt, dass die schon so lange zurückliegt, dass Franziska Machens sie kaum wahrgenommen haben dürfte. Sie war bei der Premiere neun Jahre alt.

So viele verschiedene Küchen

In Zürich waren es zwei Regisseure, von denen Franziska Machens schwärmt. Einer ist Werner Düggelin, eine Schweizer Regie-Ikone, mittlerweile 84 Jahre alt, „mein allerliebster Regisseur, der ist immer noch so begeistert von seinem Beruf, er sitzt wie ein Achtjähriger mit großen Augen im Zuschauerraum“. Der andere ist Alvis Hermanis, der beim Berliner Theatertreffen im Mai mit „Kaspar Hauser“ eingeladen war. Franziska Machens konnte erst die zweite Vorstellung spielen, weil sie bei der ersten im Deutschen Theater als Anna in „Wassa Schelesnowa“ auf der Bühne stand. Sie würde Hermanis gern ans DT holen, aber einerseits ist das der Job des Intendanten und andererseits hat der Regisseur kürzlich erklärt, dass er nur noch Opern inszenieren wolle.

Lust auf Marmelade

Franziska Machens nascht noch ein bisschen von der Marmelade – „die Früchte dafür hat Sarah Wiener bestimmt selbst gepflückt“, scherzt sie. Kürzlich war sie das erste Mal in ihrem Leben jamaikanisch essen. Es „ist herrlich, was man in Berlin alles speisen kann“, sagt die Schauspielerin. Eine Freundin habe ihr von einem Restaurant erzählt, „wo man wie die Steinzeitmenschen essen kann“. Da will sie demnächst unbedingt mal hin.

Jetzt freut sie sich auf den Urlaub, die Theatersaison war anstrengend. Sie fährt zwei Wochen nach Sardinien. Und wird dort „lesen, essen und schlafen“. Runterkommen vom Alltagsstress. „Von Hundert auf Null schaff’ ich in zwei Minuten“, sagt Franziska Machens lächelnd. Und stellt beim Blick aufs Handy fest, dass sie jetzt ganz schnell zum Bahnhof muss, um noch den Zug nach Frankfurt zu bekommen.