Theater

Wie die Berliner Theater mit Twitter & Co. flirten

Die Berliner Bühnen probieren, den Theaterraum um die digitale Dimension zu erweitern. Aber sie nutzen die Möglichkeiten noch nicht umfassend aus. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Foto: Babette Reiche / BM Infografik Grafik, dpa Picture-Alliance / Oleksiy Maksymenko

Da steht Steve Jobs auf seiner Wolke und schaut uns dabei zu, wie wir mit seinem technischen Vermächtnis umgehen. Er sieht von Smartphone oder Tablet bläulich erleuchtete Gesichter im Theaterpublikum. Wir haben uns eingewählt, den instruierten Zahlencode in die Browserleiste eingegeben, und dann am Premierenabend nach wenigen Minuten das: totaler Systemabsturz, kein Second Screen nirgends, der Rest des Abends findet analog statt.

Als ein „multimediales Theaterstück über das Erfinden neuer Welten“ hat der Theaterdiscounter die Produktion „Jobs im Himmel“ angekündigt, für die die freie Gruppe „post theater“ (Hiroko Tanahashi und Max Schumacher) mit Steve Jobs und Robert Bosch zwei der größten Visionäre der Menschheit im Himmel plaudernd aufeinandertreffen lässt. Die neuen Welten sind da, mit dem Theater sind sie irgendwie noch nicht ganz kompatibel. Man flirtet, ist sich aber noch nicht sicher, ob man es miteinander aushält. Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Display statt Schauspieler

Dabei sind Smartphones im Parkett längst keine Ausnahme mehr. Die gute Nachricht ist: Das Theater hat sich damit angefreundet, dass mobile Endgeräte die Chance bergen, den Theaterraum um die digitale Dimension zu erweitern. Aber: Es nutzt diese Chancen noch nicht umfassend aus. Die theatrale Marketingmaschinerie allerdings hat sich in den sozial medialen Kanälen schon gut warmgelaufen, es geht schließlich um ihre Zuschauer von morgen. Nicht von ungefähr war mit Jung von Matt eine Werbeagentur mit an Bord, als das Maxim Gorki Theater im Januar 2012 mit „Effi 2.0“ das erste Live-Theater über Facebook auf eine virtuelle Bühne postete.

Fast jedes Haus nutzt mittlerweile digitale Kanäle wie Facebook oder YouTube zur Spielplanverbreitung. Ausgerechnet das Steglitzer Schlosspark Theater, das sonst eher nicht zur ersten Wahl der Digital Natives gehört, organisierte im März 2013 den ersten Tweetup (#ladykillers) aus einer regulären Vorstellung heraus, auch beim letzten Berliner Theatertreffen war am Castorf-Abend eine Reihe für Twitterer reserviert, auf dass diese ihre Anmerkungen zum Gesehenen live hinaus in die Welt senden. Freilich ohne dass es Auswirkungen auf das Bühnengeschehen gehabt hätte. Für die Follower draußen ist so was oft nicht allzu bereichernd, weil sie dem Stück nicht folgen können. Für die drinnen übrigens nach Auskunft einiger Mittwitterer auch nicht. Aus demselben Grund. Sie sind ja mit dem Display statt mit der Bühne beschäftigt.

Eine zweite Bühne

Das ist alles nicht gering zu schätzen, aber wenn das Theater seinem Anspruch gerecht werden will, Gegenwart zu verhandeln, dann muss es sich auch künstlerisch und ästhetisch damit auseinandersetzen, dass Content (ja, auch der von Tschechow oder Lessing) mehr denn je nach Kontext verlangt und zwar nicht nur den seit jeher von Regie und Darstellern gezielt evozierten, sondern einen, den der durchs Netz autonom gewordene Nutzer/Zuschauer inzwischen gewohnt ist, selbst herzustellen und eigenständig zu verbreiten.

Gerne auch mittenmang auf die Bühne. Theater bräuchte, was bei Tatort, Talk- und Castingshows längst üblich ist, einen Second Screen, eine Zweite Bühne, die inhaltlich manifestiert ist. Wie könnte die aussehen? Die Macher von „Jobs im Himmel“ hatten einen charmanten Ansatz: Für das Display auf dem Schoß stand, wenn es denn funktioniert hätte, eine Art mit dem Bühnengeschehen korrespondierendes Wikipedia bereit, das auf Stichwort der Darsteller sowohl Hintergrundinfos zur Verfügung stellt, aber auch eine eigenständige Parallelhandlung entfaltet. Die Einträge werden immer abstruser, weil die Theaterpraktikantin Steve Jobs’ Credo „Fake it until you make it“ etwas zu ernst nahm.

Es fehlt die Interaktion

Hübsche Idee, was noch fehlt, ist die Interaktion. Dafür scheint sich im Kulturbereich Twitter zunehmend als Kanal der Wahl zu etablieren. Im vergangenen Dezember vernetzten sich (übrigens initiiert von Twitter!) bundesweit fünf große Bühnen, auch das Deutsche Theater in Berlin war dabei, zur 1. TwitterTheater-Woche. Über den Hashtag #TTW13 gab es Einspieler, Fotos und Live-Kommentare aus den jeweiligen Vorstellungen.

Doch die Theater hinken hinterher: Im Museumsbereich gibt es schon seit 2011 solche Tweetups, die Benchmark auf dem Gebiet lieferten Anfang 2014 die Anhaltischen Philharmoniker in Dessau mit ihrer „Tweetfonie“, für die sie dazu aufriefen, eine maximal 140 Zeichen lange Melodie zu komponieren, in einem digitalen Notenbuch abzuspeichern und per Tweet zu versenden. Diese wurden innerhalb kürzester Zeit zu Orchestersätzen arrangiert und unmittelbar darauf von den Philharmonikern in einem Konzert präsentiert.

Theater ist wie Twitter

Dabei ist von allen das Theater eigentlich besonders für den Kurznachrichtendienst prädestiniert. Theater ist wie Twitter: sprachbasiert, emotional und live. Das Theater bringt alle nötigen Voraussetzungen mit: Die sogenannte vierte Wand ist längst porös, Interaktion gang und gäbe. Da könnte doch zum Beispiel das Performance-Kollektiv SIGNA die Bewohner seiner penibel konstruierten Langzeit-Paralleluniversen standardmäßig mal mit Accounts sozialer Netzwerke ausstatten, auf dass man sich schon vor der persönlichen Begegnung etwas kennenlernt.

An fehlendem technischen Know-how dürfte es nicht liegen, wer, wie Regisseurin Katie Mitchell, auf Theaterbühnen parallele Live-Streams produziert, wird versierte Fachleute im Team haben, die in der Lage sind zum Beispiel Kurzvideos, die das Publikum vorab oder zeitgleich über das Videonetzwerk Vine produziert, in den Stream der jeweiligen Vorführung integrieren.

Natürlich müssten sich die Theatermacher dafür extrem öffnen, Unfertiges riskieren. Nach Illusion kam Dekonstruktion, jetzt eben eine neue Form der digitalen Interaktion. Ohne dass uns, wie manche Skeptiker – übrigens auch unter den Zuschauern – befürchten, damit gleich die letzte Bastion der Kontemplation komplett fragmentiert um die Ohren fliegen muss.

Der Wunsch ist doch bloß der, den wir schon immer ans Theater hatten: Elektrisiert uns! Vielleicht wäre es an der Zeit, diesem Statisten 2.0, der bislang vorwiegend als Ticketverkäufer agiert, versuchsweise mal eine Hauptrolle zu spendieren. Wenn er den Einsatz vermasselt, muss er zur Strafe auf ewig in der Internet-Blase schmoren. Wenn nicht: Bei Bosch und Jobs im Club der Visionäre wäre langfristig noch ein Plätzchen frei.