Günter Kolodziej musste ein wenig zurückrudern: „Der Senat wird bei der Preisgestaltung nicht eingreifen“, erklärte der Sprecher der Kulturverwaltung. Sein Chef, Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD), hatte am Wochenende höhere Preise für den Besuch von klassischen Konzerten, Opern- und Theateraufführungen in Berlin ins Gespräch gebracht. Er argumentierte damit, dass Tickets in Städten wie München oder Hamburg teurer seien.
Erwartungsgemäß führt ein solch populistischer Vorstoß zu Widerspruch. Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Abgeordnetenhaus, verwies am Montag darauf, dass das „Pro-Kopf-Einkommen in Hamburg durchschnittlich bei 53.611 Euro pro Jahr liegt, in Berlin hingegen lediglich bei 30.642 Euro“. Der Vergleich mit der Hansestadt „hinkt also gewaltig“. Renner lenke mit seinem Vorstoß davon ab, dass sich „sowohl der Senat als auch die Regierungsfraktionen einer kulturpolitisch fundierten Debatte über Neuausrichtung, Ziele und Aufgaben der Kulturförderung bislang verweigern“.
Wie es aussieht, scheint diese Diskussion jetzt zu beginnen. So forderte der Branchenverband Intoura, der staatlich nicht geförderte Kultureinrichtungen vertritt, die „entsprechenden Zuschüsse erst einmal transparent zu machen“. Was in der Kultur „als normal angesehen wird, ist in anderen Branchen schlicht Wettbewerbsverzerrung“, sagte Hendrik Frobel, Mitglied im Vorstand von Intoura und Geschäftsführer des Chamäleon Theaters, das ebenso wie der Wintergarten oder die Stage Theater ohne Unterstützung des Landes auskommen muss.
Aber sind die Preise in Berlin tatsächlich so niedrig? Und sind höhere auch am Markt durchsetzbar? Das sind zwei Fragen, die Thomas Fehrle, den geschäftsführenden Direktor der Deutschen Oper Berlin, bewegen. Er verwies darauf, dass nach der letzten Preiserhöhung zur Spielzeit 2013/14 die teuersten Plätze 167 Euro kosten. Zum Vergleich: In Hamburg muss man dafür 176 Euro auf den Tisch legen, allerdings umfasse die Preisgruppe 1 in der Hansestadt deutlich weniger Plätze als in Berlin, wo die höchsten Tarife für 382 Plätze gelten. Fehrle sieht eine sehr positive Entwicklung in den vergangenen Jahren. So habe die Deutsche Oper, mit über 1800 Plätzen Berlins größtes Opernhaus, die Einnahmen pro Vorstellung „um 43 Prozent gesteigert“. Wurden 2008 im Schnitt pro Vorstellung „42.000 Euro eingenommen, waren es 2013 rund 60.000 Euro“, sagte Fehrle.
Mit Spitzenpreisen von 48 Euro liegt das Deutsche Theater (DT) in Berlin im Bereich des Schauspiels ganz vorn. Die Schaubühne folgt mit 47 Euro für die teuersten Plätze, bei den privaten Kudammbühnen werden für die ersten Reihen 42 Euro fällig, beim ebenfalls privaten Schlosspark Theater je nach Vorstellungstag bis zu 37 Euro. Bei der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz kosten die vordersten Plätze 36 Euro, bei Premieren gibt es einen 4-Euro-Zuschlag.
Traditionell ist der Besuch des Hamburger Thalia Theaters ein besonders kostspieliges Vergnügen, wenn man nah dran sein will am Geschehen: 66 Euro kosten die Top-Tickets, aber auch für sechs Euro kommt man in eine Vorstellung. Auch das Münchner Residenztheater ist in der ersten Preisgruppe teurer als das DT, die Münchner Kammerspiele sind allerdings mit 44 Euro günstiger als Schaubühne und Deutsches Theater. Diese Bühnen bieten aber auch sehr preisgünstige Plätze an, weil Menschen nicht vom Theaterbesuch ausgeschlossen werden sollen, nur weil ihnen die finanziellen Möglichkeiten fehlen, wie DT-Intendant Ulrich Khuon sagte.
Die Zahlen zu vergleichen, ist nicht allzu schwer, da reicht eine Internetrecherche. Die Kulturverwaltung soll jetzt einen Schritt weitergehen und ein Modell entwickeln, das auch andere Faktoren wie die Kaufkraft berücksichtigt, kündigte Kolodziej an – und nimmt damit ein Argument der Opposition auf.





