Kammermusikreihe

Alles ist erlaubt, außer Langeweile und Tonalität

Seit 25 Jahren lockt „Unerhörte Musik“ Freunde neuer Töne ins Kreuzberger BKA-Theater. Ausgerechnet zum Jubiläum stellt der Kultursenat die Zahlungen ein. Der Reihe droht das Aus.

Foto: Klaus Schmidt

Jeden Dienstagabend treffen sich Kenner und Liebhaber Neuer Musik mit offenen Ohren im BKA-Theater. Die Reihe „Unerhörte Musik“ ist einzigartig. „In Europa gibt es nichts Vergleichbares, vielleicht nicht einmal auf der ganzen Welt“, erklärt Martin Daske, der die Reihe gemeinsam mit Rainer Rubbert leitet. In diesem Jahr feiert die „Unerhörte Musik“ ihr 25-jähriges Jubiläum. Und ausgerechnet im Jubiläumsjahr muss die Neue-Musik-Szene fürchten, dass die Reihe eingestellt wird.

Auch nach dem 1000. Konzert und der 1200. Uraufführung ist die Reihe nie langweilig geworden. Das liegt an der großen stilistischen Vielfalt. Die Bandbreite reicht von Kammerkonzerten und elektronischer Musik bis zu Experimenten mit Performance- und Musiktheater-Elementen. Auf der kleinen Bühne unter dem Kreuzberger Dach gab es schon ein Zimbalkonzert, computergesteuerte Holzratschen, Taschenventilatoren, einen Abend mit einem Elektroniker, einer Geige und einer Notenständerinstallation, ein Stück für stumme Musiker und eine Collage aus Fragmenten brasilianischer Radio-Soaps. Fast alles ist erlaubt. Nur als Musiker einmal begannen, das Mobiliar zu zertrümmern, mussten die Hausherren einschreiten.

Aus vielen Ländern kommen Komponisten

Die Neue-Musik-Szene in Berlin erlebt zurzeit einen kleinen Boom. Immer mehr Komponisten aus allen Teilen der Welt ziehen in die Stadt. Die „Unerhörte Musik“ ist normalerweise ihre erste Anlaufstelle. „Komponisten kommen mit ihren Noten zu uns. Manchmal gelingt es uns, die Komponisten mit interessierten Musikern zusammenzubringen“, erklärt Rainer Rubbert. Die Reihe funktioniert auch als Kontaktbörse. Für manchen Komponisten ist dabei schon ein Kompositionsauftrag herausgesprungen. Ebenso wichtig ist die Reihe für junge Musiker. „Für normale Veranstalter ist es viel zu risikoreich, unbekannte Musiker mit unbekannten Stücken auftreten zu lassen“, sagt Daske. Dafür gibt es die „Unerhörte Musik“ als Podium. International renommierte Berliner Spezialensembles für zeitgenössische Musik wie Lux:NM, das Ensemble Mosaik oder das Ensemble PianoPercussion gaben ihre ersten Konzerte im BKA-Theatern. Darauf sind die beiden Leiter der Reihe ein bisschen stolz.

Komplett anderes Publikum

Das Ambiente im BKA-Theater ist gemütlich und familiär. Man hört die zeitgenössischen Werke bei einem Glas Wein in roten Plüschsesseln bei gedämpftem Licht. Sonst finden hier Kabarett, Comedy und Kleinkunst statt. Dienstags kommt ein komplett anderes Publikum. „Etwa die Hälfte sind Menschen aus Musikberufen, die andere Hälfte neugierige Musikliebhaber“, so Rubbert. Die beiden Leiter sind selbst im Hauptberuf Komponisten. Rubbert hat zudem eine Vergangenheit als Kabarettpianist. Er ist Gründungsmitglied und Leiter des BKA-Theaters. Mit dem Kultursenat entwickelte er die Idee, ein Podium für die Westberliner Neue-Musik-Szene einzurichten.

Im Februar 1989 fand das erste Konzert mit dem Extrem Quartett und dem Scharoun Ensemble statt. Von da an ging es im Wochentakt weiter. Es gab Abende mit dem Berliner Saxophon-Quartett und dem Pianisten Jeffrey Burns. Die Reihe machte sich schnell über Berlin hinaus einen Namen. Nach ein paar Monaten stieß Daske als zweiter Organisator dazu. „Anfangs hatten wir noch Modern Jazz und die klassische Moderne dabei, das haben wir aber relativ bald aufgegeben“, meint Rubbert. „Wir machen auch keine reinen Improvisationskonzerte und keine Porträtkonzerte. Auch keine tonale Musik, weil unser Publikum das nicht goutiert.“

Zunehmende Professionalität

Besonders aufregend war die Wendezeit, als sich die Zahl der Komponisten und Musiker auf einmal verdoppelte. Die neu gegründete Berliner Gesellschaft für Neue Musik traf sich damals wöchentlich im BKA-Theater. Komponisten und Interpreten aus Ost und West stellten sich gegenseitig vor. Die Ensembles sind im Lauf der Zeit immer professioneller geworden, vor allem in der Programmgestaltung. „Am Anfang hieß es: Ich habe einen Stockhausen und einen Cage, packe noch etwas dazwischen und nenne es Programm. Inzwischen sind die Abende dramaturgisch richtig gut gebaut“, findet Martin Daske.

Seit einigen Jahren gibt es einen dreiköpfigen künstlerischen Beirat, der mit den beiden Organisatoren fünf Mal im Jahr über die Programme entscheidet. Bei rund 150 Bewerbungen im Jahr müssen sie schon auswählen.

Streit um Fördermittel

Nach 25 Jahren hat der Kultursenat nun die Finanzierung eingestellt. Die 90.000 Euro kamen jedes Jahr aus dem Topf für Projektmittel. Das geht eigentlich maximal fünf Jahre lang. Die „Unerhörte Musik“ gehört längst in den Bereich der institutionellen Förderung, die die Leiter aber erst für 2016 beantragen können. Für 2015 ist die Reihe akut gefährdet, wenn nicht kurzfristig eine Stiftung einspringt. Komponisten wie Aribert Reimann und Dieter Schnebel, auch der Deutsche Musikrat und die Akademie der Künste schrieben Protestbriefe an den Kulturstaatssekretär. „Die Programme für das Frühjahr sind schon geplant“, sagt Rubbert. „Wir tun so, als ob es weitergeht – und hoffen.“

BKA-Theater, Mehringdamm 34, 10961 Berlin-Kreuzberg.

Immer dienstags, 20.30 Uhr. Nächstes Konzert am 25. November mit dem Ensemble Schwerpunkt.

Karten unter 030 202 20 07 oder www.bka-theater.de

Foto: Klaus Schmidt