50. Jazzfest Berlin bietet Unerhörtes, Provokantes, Sperriges

1964 startete zum ersten Mal das Jazzfest Berlin. Auch in seinem 50. Jahr will man sich nicht dem Mainstream ergeben. Das Publikum feierte die Auftaktveranstaltung im Haus der Berliner Festspiele.

Foto: Patrick Hinely

Im September 1964 gingen in der Philharmonie die ersten Berliner Jazztage über die Bühne. Größen wie Miles Davis, Coleman Hawkins, Sonny Stitt und Roland Kirk wurden aufgeboten, um den Jazz der Hochkultur näher zu bringen. Und der amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenprediger Martin Luther King, Jr., der damals das geteilte Berlin besuchte, gab dem frisch erschaffenen Festival ein bewegendes Geleitwort mit auf den Weg.

Jetzt, 50 Jahre später, wird im Haus der Berliner Festspiele noch bis zum Sonntag Jubiläum gefeiert, mit einem Programm, das nicht in der Vergangenheit stochern will, sondern den Jazz in all seiner jegliche Grenzen verachtenden Vielfalt ins Rampenlicht holt. Das war schon immer eine Tugend dieses Festivals: eben nicht auf die gängigen Trends zu schielen, sich nicht dem Mainstream zu ergeben, sondern Neues und Unerhörtes, Provokantes und auch Sperriges zu präsentieren.

Das Festspielehaus an der Schaperstraße ist prall gefüllt, als der künstlerische Leiter Bert Noglik am Donnerstagabend vor ein über Jahrzehnte treues Publikum tritt, um sein drittes und letztes Jazzfest-Programm zu eröffnen. In der Tat hat der Leipziger Jazzpublizist kein Erinnerungsprogramm konzipiert, dennoch sind die Bezüge zur Vergangenheit allgegenwärtig. Martin Luther King jr., so sagt er, habe dem ersten Jazztagen sehr poetische Worte mitgegeben. Der Jazz sei eine Musik des Trostes, des Triumphes, des Freiheitsstrebens.

Eine Uraufführung zum Festivalauftakt

Diesen Text hat nun der New Yorker Gitarrist, Saxofonist und Komponist Elliott Sharp als Grundlage genommen für sein Auftragswerk „Tribute: MLK Berlin ‘64“, das nun zum Festivalauftakt seine Uraufführung erlebt. Sharp ist einer, der sich stilistisch nicht einordnen lässt. Er spielte Jazz, Noise-Rock, Blues, Techno, konzipiert seine Kompositionen nach naturwissenschaftlichen Gesetzen, arbeitete mit Streichquartetten und Kammerensembles, hat seine Musik auf mehr als 80 Platten festgehalten. Ein unberechenbarer Workaholic. Der nun mit seiner Formation Terraplane, einem Projekt, mit dem er sich dem Blues nähert, und einem gut einstündigen, der Musik des amerikanischen Südens huldigenden Werk überrascht.

Zwei Saxofone, Tuba und Posaune legen zu Beginn einen sphärischen Klangteppich aus, der in einem ersten furiosen Ausbruch kulminiert. Die Musiker streifen durch Jazz, Blues, Funk, Soul, ein bisschen Neue Musik und zappaesken Rock. Dabei lässt sich Sharp immer wieder zu geradezu konventionellen Bluessoli auf seiner E-Gitarre hinreißen. Sängerin Tracie Morris und der voluminöse Sänger Eric Mingus singen eigene Texte, die von Martin Luther Kings Botschaft durchzogen sind. Ein hochspannendes Wechselbad der Stile, so anstrengend wie anregend und von viel Applaus bedacht.

Klassiker von Monk im Rockgewand

Nach dem Auftritt der Leipziger Schlagzeugerin Eva Klesse und ihrem Quartett untermauert das auf komödiantische Weise spielfreudige Tinissima 4tet des italienischen Saxofonisten Francesco Bearzatti, wie gut sich Kompositionen von Thelonius Monk mit Klassikern der Rockmusik vertragen. „Monk’n’Roll“ hat er sein Programm genannt und mit Trompeter Giovanni Falzone, Bassist Danilo Gallo und Schlagzeuger Zeno De Rossi zelebriert er ein Konzert, das das Publikum auf die Beine bringt. Die einen, um den Saal zu verlassen, die anderen, um sich hemmungslos diesem so frischen wie frechen Patchwork hinzugeben.

Monks „Misterioso“ wird zum Auftakt mit Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ gepaart. „Bemsha Swing“ stampft über Queens „Another One Bites The Dust“, „Round Midnight“ wird von „Walking On The Moon” von Police getragen. Und bei „Trinkle Tinkle“ wird das Saxofon gar an ein Gitarreneffektgerät angeschlossen und Bearzatti soliert lautstark über AC/DCs „Back In Black“. Ein irrwitziges Konzept, das den Jazz nicht unbedingt weiterbringt, dafür ungeheuren Spaß macht.

Immer dieselben Black-Sabbath-Muster

Während die Schweizer Sängerin Sarah Buechi spätabends im zweiten Spielort, dem Jazzclub A-Trane, lautmalerisch stimmversiert ihr Projekt „Flying Letters“ vorstellt, gibt es auf der Seitenbühne des Festspielhauses noch eine kleine Enttäuschung. Das schottische Trio Free Nelson Mandoomjazz hat sich vorgenommen, Black Sabbath und Slayer mit Albert Ayler und Ornette Coleman unter einen Hut zu bringen. E-Bassist Colin Stewart und Schlagzeuger Paul Archibald bleiben aber immer wieder an denselben Black-Sabbath-Mustern kleben, über die Saxofonistin Rebecca Sneddon ihre freilaufenden Soli legt.

Überhaupt steht das Saxofon als Instrument des Jazz in diesem Jahr mehr im Mittelpunkt denn je. Wegen kurzfristiger Erkrankung von Bennie Golson ist Saxofon-Legende Archie Shepp mit seinem Band in Berlin. Er wird am Sonnabend um 15 Uhr auch gemeinsam mit Jasper van’t Hof an der Orgel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche auftreten.

Fall der Mauer 1988 prophezeit

1988 führten der Autor Jochen Berg und der Pianist Ulrich Gumpert im Deutschen Theater vier Kurzopern unter dem Titel „Die Engel“ auf. In wilden Free-Jazz-Ausbrüchen thematisierten sie darin den Untergang eines versteinerten Gesellschaftssystems und prophezeiten damit sozusagen den Fall der Mauer im Jahr darauf. Nun kommt das Werk am Sonnabend um 17 Uhr in der Akademie nochmals zur Aufführung.

Im Haus der Festspiele wird am Sonnabend der französische Schlagzeuger Daniel Humair mit seinem Quartett erwartet. Er ist Rekordhalter: Es ist sein 16. Auftritt beim Festival. Er war schon 1964 bei den ersten Jazztagen dabei. Im Anschluss wird die WDR Big Band mit Jazzsänger Kurt Elling - wieder in Erinnerung an Martin Luther King, Jr. - das Programm „Freedom Songs“ aufführen. Und am Sonntag setzt sich der New Yorker Pianist Jason Moran die Fats Waller-Maske auf und lädt beim Abschlusskonzert im Festspiele-Haus zur „Fats Waller Dance Party“.

Das 50. JazzFest Berlin ist ein Festival voller Überraschungen, Entdeckungen, auch Provokationen. Ein spannender Jahrgang, den Bert Noglik sich da ausgedacht hat. Und auch das kommende Jahr hat bereits eine Überraschung parat: mit dem 67-jährigen Londoner Musik- und Sportjournalisten Richard Williams wird ein ehemaliger „Melody Maker“-Redakteur und „Top oft the Pops“-Moderator zum neuen künstlerischen Leiter. Ein in der Jazzszene eher unbeschriebenes Blatt. Es bleibt spannend.