Therapieshow

Bei Mentalist Jan Becker wird gefingert und gefummelt

Im Tempodrom sind ja sonst eher Musiker zu Gast. Oder Kabarettisten. Jetzt gastierte dort Jan Becker. Ein Hypnosetherapeut, der mal als „next Uri Geller“ galt. Und sein Publikum ganz im Wickel hat.

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Begleitet von einer träumerischen Mollmelodie tritt der Mentalist Jan Becker im Dreiteiler auf die Bühne, links ein Tisch mit Stuhl, rechts ein Sekretär. Man denkt an die Zeit, in der in Amerika Elixierverkäufer mit dem Planwagen durch die Landschaft fuhren, an das Stühlerücken, das in der feinen Damengesellschaft praktiziert wurde. Becker inszeniert den Anfang seiner Darbietung schwelgend. Traumfliegend in eine mystische Vergangenheit, die irgendwo da liegt, wo seine Gäste sie wähnen. Fernab von sich selbst.

Becker, 1975 im Saarland geboren, macht gleich nach dem Abitur eine Ausbildung zum Hypnosetherapeut. 2009 wird er in einer Fernsehsendung zum „Next Uri Geller“ ausgerufen. Er schreibt Bücher über Suggestion, Gedankenlesen und Hypnosetechniken im Alltag. Er wird zu einem Publikumsliebling. Die durchschnittlichen Menschen freuen sich über etwas Abweichung im Alltag. Und er holt sie alle raus aus ihrem Alltag. Für 30,85 Euro dürfen Maike und Karl wieder Träume haben, das Unerhörte, Niegesehene erleben. Tiere, Menschen, Sensationen. Nur ohne Tiere. Und am Ende auch ohne Sensation.

Händefalten wie beim Beten

Das Publikum sitzt. Zum Aufwärmen ein paar Fingerübungen. Genauer sagt: Fingerwachsenlassen. Becker bezieht sein Publikum immer mit ein. Das ist keine One-Man-Show, das Publikum ist Teil der Show. „Die Augen schließen. Tief durch die Nase einatmen. Durch den Mund ausatmen. Wieder tief einatmen. Durch den Mund ausatmen.“ Jan Becker hat eine schöne Stimme. So schön, dass er damit Märchen vorlesen müsste. Tut er ja auch irgendwie. „Du bist zurück im Hier und Jetzt. Eins, zwei drei, Augen auf.“ Hände nach vorn strecken. Beide Hände aneinanderlegen. Ein Mittelfinger sei meistens länger, meint Becker. Alle haben die Hände nun aneinandergelegt, wie beim Beten. Erstaunt wird festgestellt, ein Mittelfinger ist länger als der andere. Sonst ist das nicht der Fall. Macht ja nichts.

Im Lauf des Abends lässt Jan Becker Menschen ihre Namen, ihr Geschlecht und ihren Wohnort vergessen. Er lässt sie schlafen. Er redet es ihnen ein. „Du schläfst. Tiefer und tiefer gehst du in diesen angenehmen Schlaf.“ Die Menschen, die das auf der Bühne mit sich machen lassen, wollen das natürlich auch. Hypnose ist Selbsthypnose. Sie funktioniert nur, wenn man will.

Glaube an dich selbst

Vier Frauen sollen einen 73-Kilo-Mann mit den Zeigefingern hochheben. Er sitzt auf einem Stuhl. Zwei Frauen schieben von links und rechts, ihre Zeigefinger in die Kniekehlen des Mannes. Zwei von hinten unter die Achseln des Mannes. Bei Jan Becker wird angefasst. Gefummelt und gefingert. Ein wenig eklig. Die Frauen scheitern natürlich beim ersten Versuch. Wenn sie aber „Ich schaffe das“ wiederholen, dann schaffen sie das auch. Zauberei, Magie ist das nicht. Es ist eher ein Motivationsseminar.

Becker illustriert an diesem Abend, das, was die Verkaufszahlen seiner Bücher längst vermuten ließen. Auch die Menschen, die keinen Glauben mehr haben, wollen irgendwas glauben. Und natürlich an sich selbst. „Ich bin stark.“ „Ich bin ein Siegertyp.“ „Ich schaffe das.“ 2009 hat er mal die Spieler von Borussia Mönchengladbach hypnotisiert. Becker sagte den Spielern, sie würden gewinnen. „Ihr schafft das!“ Sie gewannen 4:1. Und auch wenn es einfach ist, sich über jemand wie Jan Becker lustig zu machen: Ein schlechter Mensch kann das nicht sein, der Menschen, an sich glauben lässt. Auch wenn er dafür 30 Euro nimmt.