Ulrich Matthes ist ein vertrautes Gesicht. Im Fernsehen ist der 55-Jährige regelmäßig zu sehen, kürzlich erst als Oberst Kummer in der Mauerfall-Tragikomödie „Bornholmer Straße“. Im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass der Schauspieler die Worte gern auf die Goldwaage legt, selbst die Schimpfworte. Der gebürtige Wilmersdorfer gehört seit 2004 zum Deutschen Theater Berlin. An diesem Freitag wird er aber einmal an der Komischen Oper zu erleben sein. Im Konzert des Hausorchester tritt er als Sprecher in Schönbergs Stück „Ein Überlebender aus Warschau“ auf.
Berliner Morgenpost: Herr Matthes, gehen Sie gerne in die Oper?
Ulrich Matthes: Grundsätzlich ja, leider zu selten. Ich gehe aber vielleicht noch lieber in klassische Konzerte. Eigentlich sollte man denken, ein Mensch des Schauspiels geht lieber in die Oper. Grundsätzlich bin ich nicht wählerisch, höre gleichermaßen Klassik, Jazz und Pop gern. Welche Musik ich höre, ist total stimmungsabhängig, Mozart geht immer. Zuletzt war ich bei den Philharmonikern und Simon Rattle und habe mir alle vier Abende des Brahms/Schumann-Zyklus angehört. Ich gestehe: Ich war aber nicht von allen Abenden gleichermaßen angetan…
Gibt es etwas, was Sie an der Oper stört?
Erstmal gar nichts. Manchmal steige ich nicht richtig in den Abend ein, weil ich sehe, wie sich die Sänger schauspielerisch abmühen. (lacht) Ich glaube, die Oper hatte das Regietheater nötiger als das Schauspiel, ich habe in meinen jungen Jahren auch wahnsinnig langweiligen Schrott gesehen. Aber auch wunderbare Sachen: Spontan fallen mir ein eine fantastische „Wozzeck“-Inszenierung von Patrice Chereau und an eine „Macht des Schicksals“ mit Julia Varady von Hans Neuenfels.
Gehen Sie denn noch gerne ins Theater?
Na hören Sie mal! Klar, oft! Ich will doch wissen, was meine Kollegen am DT machen. Ich bin aber auch neugierig auf die anderen Häuser. Die kochen ja ooch nur mit Wasser.
Wo steht das Berliner Theater qualitativ gerade?
Jedes Theater hat seine Stärken und Schwächen. Berlin ist natürlich nach wie vor eine Theatermetropole, vergleichbar höchstens mit Wien, München und Hamburg. In Berlin gibt es fünf große Häuser mit eigenem Profil, das Angebot ist schon gigantisch.
Aber das Theater hat doch insgesamt an Relevanz verloren?
Schon, ein bisschen. Ich bedauere das natürlich. Es liegt möglicherweise auch an dem generell etwas entpolitisierten Klima in Deutschland. Und außerdem hat man ästhetisch alles schon gesehen. Selbst der konservativste Abonnent hat in seinem Leben schon auf so viele nackte Hintern gestarrt – damit lockt man keinen mehr hinterm Ofen vor. Die größte Avantgarde ist vielleicht inzwischen ein höchstes Maß an Konzentration, was dem Zuschauer abverlangt wird. Remmidemmi könnte mal wieder durch Konzentration abgelöst werden. Ich glaube auch, das Publikum hat ein Bedürfnis danach. Remmidemmi haben die Leute den ganzen Tag.
Berlin hatte mal eine große Tradition des politischen Theaters. Was ist davon übrig geblieben?
Grundsätzlich ist jede Geschichte, die vom Menschen handelt, politisch. Ich halte es für Unsinn, dass eine Geschichte erst dann als politisch bezeichnet wird, wenn es um Flüchtlinge aus Afrika, um Hartz IV-Empfänger oder den Ukraine-Konflikt geht. Tagespolitische Aktualität können Zeitungen oder Kabarett besser. Das Stück muss ja erst geschrieben werden, und der Spielplan steht schon ein Jahr vorher fest: Das Theater arbeitet schlicht in langsameren Zyklen.
Was kann das Theater dann überhaupt noch leisten?
Die Frage ist berechtigt. Seit es das Theater gibt, ist es eine ganz einfache Institution. Wenn zwei Menschen auf der Bühne etwas wie Liebe, Macht, Tod, Konflikte verhandeln und andere dabei zuschauen, dann ist das Theater. Das ist ein politischer Vorgang: die Polis, die Gemeinschaft. Ich probiere gerade „Das weite Land“, die Tragikomödie von Arthur Schnitzler. Es handelt davon, wie Menschen einander betrügen, einander verletzen. Das halte ich für genauso politisch wie Shakespeares „Macbeth“, den ich anschließend am Deutschen Theater probieren werde. Darin geht es explizit um einen machtgierigen Herrscher.
Das Theater hat eine bereits lange Phase hinter sich, in der Stücke dekonstruiert, zerlegt, mit Musik und Videos zusammen gepuzzelt wurden. Sie selbst verstehen sich doch aber als konservativer Theatermensch?
Nee. Wieso? Also dieser Dekonstruktivismus ist nicht gerade my cup of tea. Aber ich fand es richtig, dass Frank Castorf das gemacht hat. Es hat das Theater insgesamt belebt, von der Volksbühne ist eine neue Energie ins allgemeine Theater hinein geschwappt. Aber ich komme aus einer anderen Schule, bin ein anderer Mensch, mache anderes Theater. Und die Entwicklung der jetzt 30-jährigen Regisseure geht schon wieder in eine andere Richtung. Sie haben mehr Lust, Geschichten zu erzählen. Aber Menschenskinder, auch das Theater ist doch den Wellenbewegungen von Moden unterworfen. Mal ist der Regisseur der Großmeister, dann werden die Bühnen leer geräumt, jetzt sind sie wieder voller, dann entdeckt man plötzlich die Schauspieler wieder, du liebe Güte! Ich bin seit über 30 Jahren am Theater, ich sehe gelassen, was alles an mir vorbeiströmt.
Im Vergleich zur Oper, die eher nach Harmonie sucht, wirkt das Theater immer so zerstörerisch, so abgründig. Wie kann man das als Schauspieler auf Dauer aushalten?
In der Oper geht es doch auch um Abgründe, nur, dass wir den Gesang als schön empfinden, weil wir anderen Hanseln nicht so schön singen können. Insofern haben wir erstmal eine große Bewunderung für Sänger. Selbst Arnold Schönbergs Stück „Ein Überlebender aus Warschau“, mit dem ich mich gerade beschäftige, ist abgründig und zugleich faszinierend, wenn man sich auf die Musik einlässt. Ich kann doch auch im Abgrund Schönheit entdecken. Oder Lust empfinden, mich in solche Extreme hineinzubegeben.
Hat sich für Sie die Lust auf Abgründe mit den Jahren verändert?
Nee. (zögert) Grundsätzlich bin ich deutlich undogmatischer als früher, was Oper, Theater oder die bildende Kunst betrifft. Wenn das Kunstwerk etwas mit mir macht, dann ist es gut. Das kann etwas ganz Altmodisches sein, aber auch etwas Verrücktes, Dekonstruiertes. Ich habe von Castorf großartige Inszenierungen gesehen. Anderes war gähnend langweilig. Ich finde diese ganzen Ideologien, dass etwas in der Kunst unbedingt „modern“ oder „konservativ“ sein muss, total Scheiße.
In Deutschland ist die Trennung in leichtfüßige Unterhaltung und gedankenschwere E-Kultur sehr beliebt?
Ja, nein, ja. Es ist furchtbar. Erstens lache ich sehr gerne, und deshalb lasse ich mich auch gerne unterhalten. Max Goldt ist genauso gut wie Thomas Mann. Gershwin hätte sich doch mit Mozart in den Armen gelegen: Tach, du Genie! Qualität ist Qualität. Und ich versuche auch, ob es in einem „Tatort“ oder auf der Theaterbühne ist, allen meinen abgründigen Figuren etwas Humor beizumengen. Anders kann ich gar nicht.
Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400. 14.11. um 20 Uhr





