Premiere

Für Barrie Kosky muss die Operette „vom Chef kommen“

Barrie Kosky inszeniert „Die schöne Helena“ und spricht über die Tradition der Komischen Oper und die Zukunft des Hauses. Ein Besuch zur Saisoneröffnung.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Im Intendantenbüro herrscht ein Kommen und Gehen. Barrie Kosky hat vor der Saisoneröffnung noch viel zu besprechen. Zumal die von ihm inszenierte Offenbach-Operette „Die schöne Helena“ Premiere hat. Einzig Cockerspaniel Blumfeld bleibt gelassen und schläft während des Gesprächs unterm Tisch, während Barrie Kosky, der dieser Tage seinen Vertrag bis 2022 verlängert hat, leidenschaftlich über Operette, das Profil der Komischen Oper und Wagner in Bayreuth spricht.

Berliner Morgenpost: Die Deutsche Oper hat die Saison mit einem Spektakel im Parkhaus eröffnet, die Staatsoper führt eine „Tosca“ mit Comic-Strip vor und Sie zeigen zum Auftakt eine Operette. Was sagt diese wilde Mischung über den Zustand der Berliner Opernszene aus?

Barrie Kosky: Zeigen Sie mir eine andere Stadt mit dieser Vielfalt. Ich finde es eine grandiose Idee vom Intendanten Dietmar Schwarz, dass er aus der Not des Umbaus eine Tugend gemacht hat und auf dem Parkplatz Xenakis inszenieren ließ. Ebenso großartig ist es, dass Daniel Barenboim sagt, er habe noch nie Puccini dirigiert, und dann damit die Saison eröffnet. Und wir machen natürlich weiter mit unserer Operette, nach den Erfolgen von „Clivia“ und „Ball im Savoy“ als dritte große Produktion jetzt „Die schöne Helena“.

Saisoneröffnungen haben immer etwas Symbolisches.

Aber so denken wir nicht. Wir sammeln erst alle Opern, die wir gerne machen würden. Diese lange Liste von zwanzig Stücken wird dann allmählich reduziert, bis man bei sieben oder acht Werken ist. Und dann guckt man, wer wann frei ist. Der Grund dafür, dass wir die „Schöne Helena“ jetzt machen, ist das 150. Jubiläum der Uraufführung. Aber vor allem geht es um machbare Termine. Das klingt vielleicht banal, aber das Theater ist immer ein organisiertes Chaos. Ende November hat Mozarts „Don Giovanni“ Premiere. Im Dezember hat man immer die größte Auslastung, es kommen viele Touristen in die Stadt, daher muss man einen großen Titel wählen.

Immerhin ist die leichte Operette bei Ihnen Chefsache.

Ja, wie bei meinem Vorgänger Walter Felsenstein. Ich liebe Operette. Und sie muss vom Chef kommen. Felsenstein sagte, eine gut gebaute Operette steht auf dem gleichen Niveau wie etwa eine Janacek-Oper – sie ist eben nur anders komponiert. Dieser Anti-Snobismus von Felsenstein war eine radikale Ausnahme zu seiner Zeit. Kein anderer Regisseur in den 50er- und 60er-Jahren hätte sich monatelang Zeit genommen, um Offenbachs „Ritter Blaubart“ zu proben. Ich inszeniere natürlich ganz anders als Felsenstein, aber seine Philosophie gibt mir geistige Inspiration.

Das alte Metropol-Theater an der Friedrichstraße ging Ende der 90er-Jahre pleite. Ein eigenes Operettentheater würde wohl auch heute in Berlin nicht funktionieren.

Nein. Manche Kollegen befürchten ja, dass der Kosky jetzt die Komische Oper Berlin in ein Operettenhaus verwandelt. Das wird jedoch nie passieren. Meine Intention ist ganz anders. Ich berücksichtige nur die beiden Säulen des Hauses: die Ära des Operettenhauses bis in die frühen Dreißiger und Felsensteins Zeit mit der Neugründung der Komischen Oper. Das bedeutet, dass das ganze Spektrum des Repertoires von Barock bis Spätromantik bis zur zeitgenössischen Oper hier zuhause sein soll – so wie es unter Felsenstein und Kupfer und zu Homokis Zeit auch war. Und ich mache nur so viel Operette, wie es auch zu Felsensteins großer Zeit gewesen ist.

Gerade haben Sie Ihren Vertrag bis 2022 verlängert. Als Sie vor zwei Jahren das Haus übernahmen, haben Sie verschiedene thematische Schwerpunkte verkündet und auch ausprobiert. Wohin werden Sie das Haus künftig profilieren?

Es bleibt auch eine Frage der Perspektive. Als Intendant rede ich aus einer dramaturgischen Perspektive heraus, Kritiker dagegen haben eine analytische Rezeptionsperspektive. Aber beim Zuschauer läuft es ganz anders. Die Zuschauer gehen nach dem, was sie von anderen Zuschauern als Empfehlung oder auch in Ablehnung gehört haben. Der Zuschauer ist fixiert auf einen Abend oder ein Stück. Das Publikum, das in den „Feurigen Engel“ oder in „Die Soldaten“ geht, ist ein völlig anderes als das, was sich „West Side Story“ ansieht. Für manche Menschen scheint es einfach zu sein, mit einer absolut unverschämten Ignoranz zu sagen, an der Komischen Oper Berlin gibt es nur Spaß und Tralala. Aber das stimmt nicht. Allein in der aktuellen Spielzeit haben „Moses und Aron“, „Don Giovanni“ und „Giulio Cesare“ Premiere.

Als Regisseur kennen Sie das Haus ja bereits seit einem Jahrzehnt. Wann ist Ihnen aufgefallen, dass es nicht nur ein Publikum gibt an der Komischen Oper?

Zunächst einmal habe ich nicht alles neu entdeckt. Mein Vorgänger Andreas Homoki hat Regisseure wie Calixto Bieito oder Hans Neuenfels und auch mich erstmals an die Komische Oper Berlin geholt. Die deutsche Kultur hat manchmal Angst davor, flexibel und vielfältig zu sein. Aber an diesem Haus sollte man sich niemals auf nur eine Sparte der Oper beschränken. Erstens: Die Mischung ist wichtig. Zweitens: Vergiss die Vorstellung, dass es ein homogenes Opernpublikum gäbe. Und drittens: Sei stolz auf die Tradition des Hauses. Aber uns interessiert das Heute.

Das unterscheidet Sie aber von Felsenstein. Der hat seine Inszenierungen auch als Longseller angelegt. „Ritter Blaubart“ etwa…

…stand 29 Jahre auf dem Spielplan. Aber das ist vorbei. Es gibt keinen Regisseur, der bei mir ein Stück inszenieren wird, das wir 29 Jahre auf dem Spielplan haben werden.

Die Komische Oper bleibt also dem Regietheater verpflichtet?

Ich hasse dieses Wort. Nein, wir bleiben ein Ensemble-Theater. Wir haben natürlich auch viele Gastsänger, aber Hauptaufgabe bleibt es, wie bei Felsenstein, mit einem eingeschworenen Ensemble Musiktheater zu machen. Wenn ich ankündigen würde, wie machen jetzt „Tosca“ an der Komischen Oper Berlin mit Star-Besetzung, würden alle anfangen zu lachen. Bei uns muss ein Dirigent während der ganzen Probenzeit anwesend sein. Er kann nicht erst im letzten Moment zu den Proben dazukommen. Während der sieben bis acht Wochen müssen alle zusammen etwas entwickeln.

Haben Sie selber das Gefühl, dass sich die Komische Oper während Ihrer Amtszeit weiter vom Profil der beiden anderen Häuser entfernt hat?

Ja, absolut. Es war sehr wichtig für mich, zu überlegen, was ich anders machen kann. Es war auch wichtig, dass das Publikum die Unterschiede sieht. Aber natürlich nicht, um zu fragen, wer besser und wer schlechter ist. Damit hat es nichts zu tun.

Welche Erwartungshaltung werden Sie denn jetzt mit der „Schönen Helena“ bedienen?

Es gibt einen Durst nach sinnlichem Musiktheater. Das Publikum ist von zu viel Kopflastigkeit in der Oper ermüdet. Das heißt nicht, dass es nur Unterhaltung sucht. Aber wir möchten große Emotionen haben. Ich bin ein großer Verehrer der DDR-Regie-Tradition mit Walter Felsenstein, Ruth Berghaus, Harry Kupfer und Peter Konwitschny. Aber die Oper ist heute nicht mehr auf diese Weise politisch.

An der Staatsoper läuft das Renommee primär über den Stardirigenten Daniel Barenboim. An der Komischen Oper läuft es über Sie, einen Regisseur. Sie könnten sich auch einen Dirigenten von Format holen.

In Henrik Nanasi habe ich hier einen hervorragenden Operndirigenten und einen sehr guten Gesprächspartner. Manche Häuser sind stark von ihrem GMD geprägt, wie die Staatsoper von Daniel Barenboim oder die Semperoper von Christian Thielemann. Und es gibt Intendanten, die sind auch Regisseur.

Von außen macht es den Anschein, dass Sie allein die Spitze bilden.

Jedes Haus braucht ein Gesicht. Aber in Wahrheit sind wir ein Team.

Bei Ihrem Amtsantritt hatten Sie auch angekündigt, einen Schwerpunkt auf Werke jüdischer Komponisten zu setzen, da steckte auch Sendungsbewusstsein drin. Das scheint etwas in den Hintergrund getreten zu sein?

Wieso? Allein bei den aktuellen Premieren haben wir drei Stücke von jüdischen Komponisten. Das ist mir wichtig.

In Berlin gibt es eine neue Antisemitismus-Debatte?

Das ist ein wichtiges Thema, nicht nur in Berlin, sondern in der ganzen Welt. Aber ich möchte die jüdischen Komponisten an der Komischen Oper Berlin nicht für ein politisches Statement benutzen. Im Gegenteil, ich möchte sie als den Bestandteil der deutschen Kultur sehen, der sie waren. Das haben auch die Nazis so gesehen, deshalb mussten sie sie ja beseitigen.

Im vergangenen Wagner-Jubiläumsjahr haben Sie sich sehr kritisch zu Wagner geäußert?

Ich äußere mich immer kritisch zu Wagner.

Und kurz darauf haben Sie zugesagt, bei den Bayreuther Festspielen 2017 „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu inszenieren? Warum das denn?

Die Frage hat mich selber sehr beschäftigt. Ich hatte zu Katharina Wagner gesagt, dass ich das nicht machen könne, weil ich mit Wagner fertig sei. Sie bat mich, mir fünf Monate Bedenkzeit zu nehmen. Als Regisseur habe ich mit Wagner immer in einem ständigen Kampf gelebt. Ich musste etwas finden in den „Meistersingern“, das mich als Künstler, als jüdischen Künstler wirklich beschäftigt. Dann habe ich mich kritisch befragt, ob ich wirklich die nächsten zehn Jahre immer vor Wagner wegrennen möchte. Mit Katharina habe ich über mehr Probenzeit verhandelt. Sie hat mir alles gegeben, was ich wollte.

Warum, glauben Sie, wollte die Bayreuth-Chefin unbedingt Sie haben?

„Die Meistersinger“ sind schwierig zu inszenieren. Denn die Meistersinger haben auch Humor – einen schrägen Humor, einen schwarzen Humor, bei mir wird es ein sehr schwarzer Humor sein. Also hat sie mich natürlich aus künstlerischen Gründen gewählt. Aber, das habe ich ihr auch gesagt, sie hat mich auch gewählt, weil ich Jude bin: der erste Jude, der in Bayreuth die „Meistersinger“ inszeniert. Also, das wird interessant. Ich steige noch einmal in den Ring mit Wagner.