Fernsehen

„Bornholmer Straße“ - der etwas andere Film zum Mauerfall

Über die Nacht des 9. November sind schon viele Filme gedreht worden. Keiner aber hat es bislang gewagt, sie als Satire zu inszenieren - aus der Sicht der Grenzer.

Foto: MDR/UFA FICTION/Nik Konietzny

Erst mal die Hose runterlassen. Zu Beginn dieses Films sitzt ein Mann in Uniform auf dem Klo. Er hat offensichtlich Verstopfung. Er presst, aber es kommt nichts raus. Außer einem ungnändigen Ton. Derweil wird draußen am Grenzübergang ein Überläufer festgehalten. Ein Hund, der vom Westen in den Osten flitzen will. An dem wird der ganze deutsche Bürokratieirrsin ausgelebt, mit Protokollaufnahme, Tollwutuntersuchungen, Zuständigkeitsstreitigkeiten. Man darf das, man muss das sogar alles ganz wörtlich nehmen. Die DDR ist auf den Hund gekommen. Und: Einer ganzen Nation geht es wie dem Mageninhalt des geplagten Grenzers: Es will raus, aber es kann nicht.

„Bornholmer Straße“ handelt von großer Weltgeschichte. Und fängt doch erst mal mit ganz kleinen Alltäglichkeiten, ja Banalitäten an. Dinge, die eigentlich nicht erwähnenswert wären. . Der Mann mit den Verdauungsproblemen ist Harald Schäfer, diensthabender Oberstleutnant am Grenzübergang Bornholmer Straße. Und als er in die Kantine kommt, ist nichts mehr, wie es war. Günter Schabowski murmelt im Fernsehen etwas von „sofort... unverzüglich...“ Und die Grenzer kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ihnen hat keiner was gesagt von wegen Maueröffnung.

Die Wiedervereinigung als Lachnummer

Es gibt wahrlich genug Filme, die vom Mauerfall erzählt haben. Und genug, die gescheitert sind. Gemeinhin muss ja sowohl der Osten als auch der Westen, muss eine ganze Teilung mitsamt Wiedervereinigungshappyend abgehakt werden. Just zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls aber ist die ARD einmal ganz mutig gewesen. Und strahlt einen Film aus, der das von einer ganz anderen Warte angeht.

Kein polyperspektivisches Riesenepos, sondern ein Kleinstausschnitt. Die Nacht des 9. November 1989 wird nur an diesem einen Ort, dem Grenzübergang, erzählt. Die große Weltgeschichte als konzentriertes Kammer-, ja Barackenspiel. „Bornholmer Straße“ wartet dabei mit gleich zwei großen Zumutungen auf. Die erste: Der Film nimmt dabei konsequent die Perspektive eben jener Menschen ein, mit denen man in diesem Zusammenhang am allerwenigsten zu tun haben will – die der Grenzer, die an diesem Abend ihren Dienst verrichten. Die zweite: Das Ganze wird uns nicht als Doku- oder sonstiges Drama erzählt, sondern als grelle Farce. Die Wiedervereinigung als Lachnummer. Das muss man sich wahrlich erst mal trauen.

Star-besetzt bis in niederste Dienstränge

Aber o Wunder: Die Rechnung geht auf! Es ist schon saukomisch, wie die Herren im tristen Einheitsgrau von der Nachricht überrascht werden. Und fassungslos feststellen, dass sich nach und nach immer mehr Ostbürger vor dem Grenzübergang postieren. Da wird dauernd hin- und hertelefoniert, viel geraucht und noch mehr Kaffee getrunken. Aber die Parteioberen, die Stasi-Spitze, sie melden sich nicht, sie lassen sie im Stich. Und die 18 Männlein in der Baracke, die bislang immer nur hübsch die Befehle anderer ausgeführt haben, sind just in diesem Ausnahmezustand plötzlich ganz allein auf sich gestellt.

Das ist star-besetzt bis in die niedersten Dienstränge. Herrlich, wie Milan Peschel immer wieder mit dem Hund dazwischen grätscht. Wie Hermann Beyer trotz allem sein Protokoll fertigstellen will. Und Ulrich Matthes den Stasimuff aus jeder Pore spüren lässt. Zwischen ihnen aber ein überragender Charly Hübner, der die Truppe beisammen halten muss und dem trotzdem immer der Darm dazwischen kommt. Der Mauerfall, eine Knallchargennummer!

Der DDR-Korrespondent des deutschen Films

Und doch wird das historische Ereignis in keiner Weise verhöhnt. Man kommt aus dem Lachen zwar nicht heraus. Aber es wird schon klar gezeigt, dass die Nacht auch ganz anders hätte ausgehen können. Ein Grenzer packt schon mal die „scharfe Lilly“ aus dem Waffenmagazin aus und will eine Lösung nach dem Platz des Himmlischen Friedens. Und wenn Ursula Werner draußen als alte DDR-Bürgerin bettelt, nur mal eben in den Westen zu ihrer Schwester zu wollen, dann schnürt es einem mitten im Lachen die Kehle zu. Dann heult man unweigerlich drauflos, auch wenn man glaubt, wirklich schon genug Tränen der Rührung ob des Mauerfalls vergossen zu haben.

Der diesen Balanceakt der Stimmungen so meisterlich zu absolvieren wusste, ist Regisseur Christian Schwuchow. Wiewohl erst elf Lenze jung in jener Nacht, ist er inzwischen mit Filmen wie „Novemberkind“, „Der Turm“ und „Westen“ zu so etwas wie dem DDR-Korrespondenten des deutschen Films mutiert. Und bewährt sich erstmals auch im komischen Fach. Wie gewohnt hat seine Mutter Heide dabei wieder das Drehbuch geschrieben. Aber diesmal hat auch noch Vater Rainer sekundiert.

Die ARD beweist Mumm

Mal sehen, welche Familienangehörigen uns die Schwochows künftig noch so alles aus dem Hut zaubern werden. Die Eltern lebten damals unweit der Bornholmer und waren in der Nacht selbstredend auch dabei (während der kleine Christian alles verschlafen hat). Sie wissen also, wovon sie schreiben. Und sie haben den wahren Grenzer Harald Jäger, der sich hinter der Kunstfigur Harald Schäfer verbirgt, überzeugt, aus seiner Geschichte eine Satire zu zimmern. Magenprobleme inklusive.

Als die Ufa Fiction vor Kurzem die Guttenberg-Affäre in „Der Minister“ als überzogene Komödie verfilmt hat, musste sie noch mit einem Privatsender vorlieb nehmen. Die Öffentlich-Rechtlichen hatten sich schlicht nicht getraut. Bei „Bornholmer Straße“ hat das Erste nun deutlich mehr Mumm bewiesen. Glück gehabt. Das Werk der drei Schwochows ist nichts weniger als der Fernsehfilm des Jahres.

„Bornholmer Straße“: 5. November, 20.15 Uhr.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.