Klassische Musik

Kent Nagano - ein Klassik-Guru mit Kinderblick

Der amerikanisch-japanische Dirigent Kent Nagano lässt sich in seinem Buch „Erwarten Sie Wunder!“ überraschend tief in die Seele schauen. Er beschreibt darin seine Kindheit. Ein Treffen in Berlin.

Foto: Reuters

Es ist nicht leicht, ein Guru zu sein. Kent Nagano hat diese merkwürdige Rolle in der Klassikwelt inne. Allein schon deshalb, weil der Dirigent auf Fotos und am Pult immer so cool, so geheimnisvoll wirkt. Dieser Tage ist sein Buch „Erwarten Sie Wunder!“ im Berlin Verlag erschienen und darin lässt sich der 62-Jährige tief in seine Seele blicken, was möglicherweise gar nicht beabsichtigt ist. Denn als spiritueller Musikführer will er zunächst nur von seinem großen Traum berichten, wonach jeder Mensch die Chance haben soll, Zugriff auf die klassische Musik zu bekommen. Solche Träume stoßen natürlich überall auf offene Ohren, so lange sie nicht zu viel Geld kosten.

Wird Generalmusikdirektor in Hamburg

„Ich rede nicht nur von Institutionen“, sagt Kent Nagano, „auch von der Familie. Wenn grundlegende Erfahrungen der klassischen Musik jetzt nicht weitergegeben werden, können künftige Generationen sie nicht mehr fortführen. Das besorgt mich. Wir müssen uns fragen, ob es nicht unfair ist, wenn wir der nächsten Generation diese Option nehmen.“ Unser Gespräch findet zwischen zwei Proben des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) statt. Nagano war von 2000 bis 2006 Chefdirigent des Berliner Orchesters. Am Sonntag leitet er, der 2015 Generalmusikdirektor an der Hamburger Oper wird, das Konzert in der Philharmonie mit Werken von Berg und Bruckner.

Mit Kent Nagano ein Interview zu führen, ist nicht einfach. Er ist so furchtbar höflich. Derzeit suchen die Berliner Philharmoniker, die Nagano dreimal dirigiert hat, und das DSO einen neuen Chefdirigenten. Es liegt nahe, ihn danach zu fragen. Daraufhin erklärt er ausgiebig die Idee einer Sinfonie. Das Prinzip des Ausweichmanövers ist einfach. Er hat den Gesprächspartner nicht verprellt, sondern ihm eine ernste Antwort gegeben. Und zugleich höflich zu verstehen gegeben, dass er keine andere geben wird. Das ist ein typisch japanisches Gesprächsprinzip. Kent Nagano ist Nachfahre japanischer Einwanderer in die USA. Er selbst bezeichnet sich aber immer als Amerikaner, und das soll beinhart klingen.

Geheimnisvolle Interpretationen

Im Gespräch erzählt er wiederum von seiner letzten Japan-Tournee, zwischendurch schaut seine Ehefrau Mari Kodama ins Dirigentenzimmer. Die japanische Pianistin spielt in Bergs Kammerkonzert mit. Gerade ist auch eine Doppel-CD des DSO mit Nagano und Kodama erschienen. Es lohnt sich, in diese ebenso geradlinigen wie geheimnisvollen Interpretationen von Beethovens Klavierkonzerten reinzuhören. Dieser Beethoven ist kein Aufrührer, sondern ein Vermittler.

Beim DSO hat Nagano einen Sonderstatus. Gerade auch in Krisenzeiten, und die haben Orchester in Berlin regelmäßig durchzustehen, hat sich der Dirigent immer wieder für seine Musiker eingesetzt. Weniger öffentlich, aber hinter den Kulissen. Er bekennt sich nach wie vor zu dem Orchester: „Der Charakter des DSO ist so markant, frisch, auch visionär. Wir hatten von Anfang an eine besondere Beziehung, die nicht unbedingt erklärbar ist. Es ist wie zwischen Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen, aber nicht genau sagen können, warum. Wenn man aber dieses Gefühl hat, dann muss man ihm auch nachgeben.“

Aber auf die Frage nach Entwicklungen des DSO seit seinem Weggang beginnt er wieder, höflich zu sein. „Ja, es ist das gleiche Orchester, nein, es ist ein anderes Orchester.“ Er sagt, ein Drittel der Musiker wären inzwischen neu und von anderen Dirigenten geprägt, aber natürlich sei der Grundcharakter des Orchester gleich geblieben. Da mache sich nun jeder seinen Reim drauf.

Die ganze heile Welt findet sich auch in seinem „Wunder“-Buch wieder. Es gibt einige Überraschungen. Ausführlich beschreibt Nagano, wie er in dem abgeschiedenen Fischerdorf Morro Bay an einer rauen Küste Kaliforniens aufgewachsen ist. Dort begann das Musikwunder, so Nagano, als eines Tages ein aus der Sowjetunion vertriebener Georgier auftauchte, den alle nur Professor Korisheli nannten. Dieser schillernde, umtriebige Pädagoge führte die Schüler in die klassische Musik ein. Den Beschreibungen zufolge war es eine schöne Kindheit voller Musik. Nagano ist ihm dankbar. Und man ahnt, wem er seither nacheifert. Insofern ist Nagano ein Guru mit Kinderblick.

Der Dirigent surft ungern im Internet

Seine Lebenssichten machen nunmehr verständlich, warum der Dirigent so gelassen, ja auch ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt. „Es ist merkwürdig für einen Kalifornier, so etwas zu sagen: Aber ich bin eher konservativ, was die neuen Medien betrifft. Es ist meine persönliche Entscheidung, und es ist eine Frage der Disziplin. Ich verliere zu viel Zeit, wenn ich im Internet surfe. Da ist ganz schnell eine Stunde weg.“

Zugleich will Nagano damit keinesfalls gesagt haben, dass das Internet schlecht sei. Es habe in verschiedenen Bereichen unseres Lebens viel zu geben. „Aber wenn es um klassische Konzerte geht, dann müssen wir unser neues Zeitverständnis vor der Tür lassen“, betont er: „Wir wechseln in eine andere Definition von Zeit. Im Konzert können wir existenzielle Erfahrungen sammeln, wenn wir uns darauf einlassen. Die Zeit, um seine SMS zu checken, ist eine andere Zeit.“ Viele würden schon ungeduldig, wenn sie nur 30 Sekunden auf eine Antwort warten müssen. „Keine Sinfonie kann in 30 Sekunden Antworten auf das Leben geben“, sagt Nagano: „Und die wichtigsten Dinge in unserem Leben brauchen viel Zeit: die Natur, die Liebe, das sich selbst Verstehen. Wir müssen wissen, dass das Zeitgefühl des Internets und der klassischen Musik immer verschieden sein werden. Es sind Gegenwelten.“

Philharmonie Kent Nagano beim DSO, am Sonntag, 2. November, um 20 Uhr