Klassik

Iván Fischer setzt das Publikum zwischen seine Musiker

Chefdirigent Iván Fischer eröffnet am Konzerthaus Berlin eine neue Konzertreihe. Der Clou daran: Das Orchester spielt nicht auf der Bühne, sondern im großen Saal – und das Publikum sitzt mittendrin.

Foto: Marco Borggreve

So ganz genau weiß Iván Fischer selbst noch nicht, worauf er sich einlässt. Was kaum verwundert, der Chefdirigent des Konzerthausorchester hat eine neue Reihe kreiert. Bei „Mittendrin“ verteilt er sein Orchester im Saal, und das Publikum sitzt zwischen den Musikern. Anschließend Am 6. November startet der Versuch mit Schuberts Großer Sinfonie in C-Dur.

Berliner Morgenpost: Herr Fischer, wo genau sitzen die Musiker und das Publikum, und wo wird man Sie wiederfinden?

Iván Fischer: Die Bühne ist heruntergelassen, es gibt nur eine Ebene im Großen Saal. Ich stehe in der Mitte und das Orchester sitzt ausgebreitet um mich herum. Die Musiker sitzen also weiter voneinander entfernt als üblich. Es ist gewissermaßen ein aufgeblasenes Orchester. Wenn man sich ein Bratschenpult vorstellt, dann sitzen die Kollegen nicht gleich davor und dahinter, sondern es sind zwei, drei Meter dazwischen. In den Zwischenräumen sitzt das Publikum.

Ist die Sitzordnung für Sie am Pult nicht unübersichtlich?

Ja, absolut unübersichtlich. Aber man muss es in Kauf nehmen, wenn man so etwas ausprobiert.

Viele fragen sich, wozu ein Orchester überhaupt einen Dirigenten braucht? Professionelle Musiker können vieles auch alleine. Aber bei diesem Modell geht es tatsächlich nicht ohne Dirigent, der alles zusammen hält.

Falls wirklich jemand fragt, was der Dirigent überhaupt macht: Ich finde, das Zusammenhalten des Orchester, das alle zeitlich präzise zusammen spielen, ist nur ein kleiner Teil der Dirigentenfunktion. Interpretationen führen weit darüber hinaus. Bei diesem Konzert wird es wichtiger sein, weil sich die Musiker untereinander weniger hören können.

Gibt es für Sie im Orchester Sorgenkinder, die Sie mehr unter Kontrolle behalten müssen?

Das hat nur mit der Natur der Instrumente zu tun. Natürlich sind Musiker unterschiedlich, einer braucht mehr Hilfe als ein anderer. Aber es hängt an den unterschiedlichen Instrumenten. Wenn beispielsweise ein Hornist eine Fortestelle bläst, dann kann er nicht mehr weiter entfernte Kollegen hören. Er braucht den Dirigenten mehr als etwa ein Cellist.

Wenn der Dirigent einen Musiker nur mit einem Blick streift, dann spielt der hörbar anders als zuvor. Wie wichtig sind Blicke?

Ja, man kann viel mit den Augen machen. Aber das gehört alles nur zu Basisarbeit eines Dirigenten. Es sind die Buchstaben wie in einem Buch, aus dem dann die Struktur und der Sinn erwächst. Ich schaue die Musiker an, ja, aber es hat nichts damit zu tun, wann sie zu spielen haben. Meistens hat es mit einem bestimmten Ausdruck zu tun.

Die neue Reihe heißt „Mittendrin“. Es gibt bereits Reihen wie „2x hören“, „Espresso-Konzerte“ um 14 Uhr inklusive Espresso oder die „Kiez-Konzerte“. Das sind alles neue Vermittlungsformen. Sind die wirklich so wichtig für den heutigen Konzertbetrieb?

Viele Leute jammern, dass das Publikum zu alt wird. Ich gehöre nicht zu den Jammernden. Denn in einer Lebensphase, in der man nicht mehr so mit Familie und Arbeit belastet ist, hat man etwas mehr Zeit und Weisheit, sich auf die Musik zu konzentrieren. Als Dirigent empfinde ich es als eine glückliche Angelegenheit, dass die Generation 50plus öfter in ein Konzert geht. Andererseits muss man darüber nachdenken, wie man die Generation 20plus mit Musik versorgen kann. Denn wenn sie nichts zu hören bekommen, dann geht künftig etwas schief im Konzertbetrieb. Also muss man immer wieder etwas erfinden, freundliche Vorwände erfinden, um diese Generation ins Haus zu locken. Wir werden uns immer wieder den Kopf darüber zerbrechen.

Was soll der Kick bei „Mittendrin“ sein?

Das Publikum hört im Saal immer einen perfekt ausbalancierten Klang. Wenn man im Orchester sitzt, ist es viel weniger ausgeglichen. Das eine oder andere Instrument ist lauter. Aber die Musikerfahrung ist viel intensiver. Diese Erlebnis möchte ich gerne dem Publikum vermitteln. Es ist die Chance, Musik einmal so zu hören, wie wir Musiker sie hören. Das hat Nachteile in der Klangbalance, aber Riesenvorteile, weil man viel über die Ausdrucksvielfalt innerhalb eines Orchester erfährt.

Der Besucher erlebt, wie die einzelnen Orchestergruppen miteinander kommunizieren?

So wie wir Musiker das Orchester hören. Da gibt es mehr innere Kommunikation als viele denken. Es ist voller Leben. Die Musik klingt emotionaler. Das sollte jeder einmal mitmachen.

Aber als Dirigent sind Sie doch selbst ein Außenstehender. Sie sind der einzige, der keinen Ton erzeugt. Sie sind keiner Instrumentengruppe zugeordnet und als Chef schlichtweg ein Einzelgänger.

Aber räumlich bin ich nah. Die ersten Musiker sitzen einen Meter vor mir. Ich habe die gleiche Musikerfahrung.

Setzen Sie sich gelegentlich zwischen Musiker oder laufen durchs spielende Orchester?

Ich laufe bei den Proben oft herum. Ich probiere auch neue Sitzordnungen aus. Es geht darum, dass in bestimmten Stücken die Musiker besser aufeinander hören können.

Die klassische Orchestersitzordnung ist relativ festgeschrieben. Ist die Formation in der heutigen Konzertpraxis überaltet?

Das hat mit dem Werk zu tun, das aufgeführt wird. Aber ich finde die Konvention schon etwas fad, wenn man die ganze Musikliteratur spielen will. Man muss sich jede Komposition anschauen und fragen, was braucht sie für eine Besetzung und Sitzordnung.

Sie eröffnen die Reihe mit Schubert Großer Symphonie. Warum?

Wir machen eine Reihe und es gibt die Möglichkeit, Musik zwischen Brahms, Strawinsky und Weill zu erleben. Schubert ist relativ einfach. Das ganze Orchester hat deutlichere Rollen. Es gibt die Begleiter, ein anderer hat die Melodie. Es ist zu erleben, wer etwas vom anderen übernimmt. Es ist eine gute erste Stufe.

Anschließend können sich alle Beteiligten in der Lounge des Beethoven-Saals treffen. Was glauben Sie, worüber wird das Publikum mit den Musikern reden wollen?

Darauf bin ich auch neugierig. Aber es werden eine Menge Fragen sein. Warum so, warum nicht anders? Ob es nicht stört, wenn der Bratscher vor der lauten Trompete sitzt? Orientiert man sich am Dirigenten oder am Klang? Nur so kann man erfahren, wie ein Orchester im Inneren funktioniert.

Die klassische Musik lebt vom Geheimnis. Könnte man sie mit Worten erklären, bräuchte man die Klänge nicht mehr. Darf ein Dirigent überhaupt so viel von dem Geheimnis der Erzeugung preisgeben?

Ich denke völlig umgekehrt. Richtig ist, Musik braucht man nicht zu erklären. Aber man muss die Musik gut kennen lernen, um sie genießen zu können. Die beste Methode ist es, selbst zu musizieren. Wer nur zuhört, sollte im Idealfall die Musik aus allen Ecken wahrnehmen. Dazu gehört auch das Mittendrin. Ich glaube nicht an mysteriöse Erscheinungen. Musik lebt von Nähe.

Konzertreihe „Mittendrin“ im Konzerthaus Berlin beginnt jeweils 18.30 Uhr. Iván Fischer leitet die Konzerte und gibt Hintergrundinformationen zum Werk des Abends. Zur Eröffnung am 6. November wird Franz Schuberts Sinfonie C-Dur D 944 („Große“) gespielt. Im Anschluss an das Konzert gibt es die Möglichkeit, sich mit den Musikern in der Lounge des Ludwig-van-Beethoven-Saals zu treffen. Weitere Abende mit Johannes Brahms’ Sinfonie Nr. 4 (8. Januar), mit Kurt Weills Bühnenspiel „Der Silbersee“ (19. März) und mit Igor Strawinskys „Der Feuervogel“, Suite aus der Ballettmusik (11. Juni). Tickets: 18 Euro (Parkett, 1. Rang) und 20 Euro (mitten im Orchester)