Jazzfest Berlin

Der Mann, der täglich Jazz in den Ohren hat

Das Jazzfest Berlin wird 50 Jahre alt: Für den Leiter Ihno von Hasselt ist das Jubiläumsjahr 2014 sein letztes aktives. Er hat viel gehört und erlebt. Ein Besuch im Produktionsbüro.

Foto: Amin Akhtar

Das Jazzfest Berlin ist eine Institution, ein Spiegel jeweils aktueller Strömungen, die dieses lebendige Genre Jazz bis in all seine Randbereiche ausloten. Aufregend und widersprüchlich, provokant und versöhnlich, der Tradition verbunden und von überbordender Neugier angetrieben. Ein halbes Jahrhundert wird das Festival in diesem Jahr alt und verliert sich in seiner 50. Ausgabe, die vom 30. Oktober bis zum 2. November über die Bühne geht, dennoch nicht in Vergangenheitsseligkeit.

Kunst gegen Kommerz

Zum dritten und letzten Mal hat der Leipziger Jazzpublizist Bert Noglik das Programm gestaltet. Ihm zur Seite steht, wie bei so vielen Festivals in den Jahrzehnten zuvor, Ihno von Hasselt, seit 1981 Produktionsleiter des Jazzfests Berlin und längst selbst eine Institution. Es wird auch das letzte Festival für den 68-jährigen Ihno von Hasselt sein. Der umsichtige Planer, der umtriebige Jazzmanager, der verlässliche Möglichmacher verlässt nach dieser Jubiläumsausgabe die Berliner Festspiele und das Jazzfest in Richtung Ruhestand.

Aber kann man nach so vielen Jahren einfach sagen: Jetzt ist Schluss? „Ich werde es ausprobieren“, sagt Ihno von Hasselt, „vermutlich wird es mir schwerfallen.“ 1967 kam er aus Osnabrück zum Studium nach Berlin. „Erste Fächerwahl war Publizistik, Amerikanistik und Theaterwissenschaften, alles relativ brotlose Künste.“ Nebenher jobbte er im legendären Charlottenburger Folkladen „Steve Club“, wurde 1969 Fahrer bei den damaligen Berliner Jazztagen, einige Jahre später Leiter der Fahrbereitschaft. Da wurde Impresario Ralf Schulte-Bahrenberg auf ihn aufmerksam.

Der Düsseldorfer Konzertveranstalter war seit der Gründung 1964 mit der Organisation der Berliner Jazztage in der Philharmonie betraut, zunächst mit dem Journalisten Joachim-Ernst Berendt, später mit dem Jazzpianisten George Gruntz als künstlerischem Leiter. Schulte-Bahrenberg engagierte Ihno von Hasselt als Leiter seines Berliner Büros.

Eine bunte Mischung sei das gewesen. „Ich habe drei Jahre die Berliner Jazztage für ihn betreut wie auch ,Jazz in the Garden‘, ein paar Krautrock-Bands und René Kollo im damals neu gebauten ICC. Und dann kam es 1980 zum großen Streit zwischen Schulte-Bahrenberg und George Gruntz.“

Während der Schweizer Musiker Gruntz auf seine gestalterische Freiheit pochte, forderte Schulte-Bahrenberg ein populäreres Programm ein, mit dem man in der Philharmonie mehr Karten verkaufen konnte. Der Streit um Kunst und Kommerz eskalierte, Schulte-Bahrenberg wurde abgefunden und die Berliner Jazztage als Teil der Berliner Festspiele mit dem neuen Namen Jazzfest Berlin fortgeführt.

„Mich hat man damals gleich mit eingekauft“, sagt von Hasselt. „Der damalige Intendant Ulrich Eckardt meinte zu mir: Eh sie irgendwann Marmelade verkaufen, melden sie sich doch mal bei mir.“ 1981 wurde Ihno von Hasselt Produktionschef des Festivals.

Er arbeitete viele Jahre mit Festivalchef George Gruntz, Albert Mangelsdorff, Nils Landgren, John Corbett, Peter Schulze und schließlich Bert Noglik folgten. „Ich bin froh, dass ich nun aus diesem Druck raus bin, ein Budget zu haben, das so auf Kante genäht ist“, sagt von Hasselt. „Es sind ja immer wieder die gleichen Rituale: Wir haben ungefähr 50 bis 60 Prozent örtliche Kosten, der Rest, die anderen 40 Prozent, die gehören dem künstlerischen Leiter. Nur, auf die Gagen, die wir verhandeln, kommen noch Steuern dazu, da kommt die Unterbringung dazu, da kommt die Künstlersozialkasse dazu. Dann wird so ein Budget schnell endlich.“

1000 Plätze pro Abend

War es zuerst die Philharmonie, zog das Festival 1994 um ins Haus der Kulturen der Welt (HKW) und hat seit 2001 im Haus der Berliner Festspiele seine Heimat. Karajans Philharmonie, in die zur Festivalpremiere 1964 Stars wie Coleman Hawkins, Miles Davis oder Dave Brubeck Einzug hielten, barg für Ihno von Hasselt stets auch eine große Verantwortung.

„Du musst 2200 Sitzplätze füllen. Sowohl im HKW als auch im Haus der Berliner Festspiele ist man schneller erfolgreich, da ist man mit 1000 Plätzen ausverkauft, da wäre die Philharmonie halb voll. Man kann nicht jedes Jahr die Heroen wie Wynton Marsalis, Herbie Hancock oder Wayne Shorter unterbringen.“

Ein feines, neugierig machendes Jubiläumsprogramm hat Bert Noglik konzipiert. 1964 hatte Bürgerrechtler Martin Luther King die Berliner Festwochen eröffnet. Nun führt der Multiinstrumentalist Elliott Sharp zur Eröffnung im Festspiele-Haus mit seinem Ensemble die Auftragskomposition „Tribute: MLK Berlin ’64“ auf. Formationen wie Free Nelson Mandoomjazz oder das Hedvig Mollestad Trio suchen neue Wege zwischen Heavy Metal und Free Jazz. Es wird laut.

„Als jemand, der so fürchterlich lange bei dem Festival gewesen ist, nehme ich so ein Jubiläum natürlich ganz anders wahr“, sagt von Hasselt. „Ich habe von den 50 Festivals 45 mitbekommen.“

Jahrzehntelang hat Ihno von Hasselt sein souveränes Organisationstalent dem Jazz gewidmet. Nun will er sich ernsthaft zurücklehnen und Musik „wieder richtig genießen. Ich habe jetzt so viel Musik zu Hause, die ich noch gar nicht richtig hören konnte, Musik, die weit über den Jazz hinausgeht. Ich schätze diese ganze Bandbreite an amerikanischen, folkloregefärbten Musikstilen, die schneller fertig sind als lange Improvisationen. Bert Noglik hat immer gesagt: Jazz haste lebenslänglich. Ich hoffe, dass ich Bewährung kriege – noch mal 15 Jahre? Ohne mich!“