Schauspieler

Ulrich Tukur - „Ich bin immer unruhig“

Kino, Bildschirm, Bühne – Ulrich Tukur ist scheinbar ständig präsent. Bücher schreibt der 57-jährige Wahlvenezianer auch. Wir sprachen mit ihm über die große Liebe und seine Tour mit den Rhythmus Boys.

Foto: /katarina john / PR Foto

Berliner Morgenpost: Herr Tukur, fürchten Sie keinen Burn-out?

Ulrich Tukur: Den hab ich schon seit Langem, ich habe mich dran gewöhnt. (lacht)

Sie tanzen offenbar gerne auf mehreren Hochzeiten?

Und dann muss man natürlich Interviews geben, denn nichts spricht mehr für sich, alles muss kommentiert werden. Man ist auf einmal überpräsent, was mir selbst unangenehm ist, denn man bietet unnötige Breitseiten, man läuft Gefahr zu nerven – und wird dann gerne angegriffen. Auch dieses Interview sollte ich mir eigentlich ersparen.

Dann frage ich lieber direkt weiter. Was machen Sie, wenn Sie sich selber auf die Nerven gehen?

Man macht nur noch das Nötigste und versucht, sich aus allem herauszunehmen. Wer zu oft in der Presse verhandelt wird, muss aufpassen.

Gibt Ihnen in solch turbulenten Lebensphasen das Schreiben eine innere Ruhe?

Ja, denn es ist eine spannende Reise ins eigene Ich, ins Selbst, in die Seele, die eigenen Fantasien und Erinnerungen, und es befriedigt weit mehr als es jede reproduzierende Tätigkeit könnte.

Was nicht gerade nach Ruhe klingt.

Vermutlich haben Sie recht. Ich bin und war immer unruhig. Ich kann nicht sinnierend auf einem Stuhl sitzen und mir die Wolken und den Himmel anschauen – das ist mir leider nicht gegeben. Ich bewundere die alten Männer, die in Italien vor ihren Häusern sitzen und den Autos und den Damen hinterherschauen: Das ist für sie sinnstiftend – und irgendwie ist es wunderbar, denn worum geht es schon im Leben? Nur, ich kann es nicht, sondern brauche immer eine Beschäftigung, Bewegung. Beim Schreiben bewegt sich die Welt in dir, und das hat tatsächlich doch eine gewisse Ruhe mit sich gebracht.

Welche Klarheiten hat Ihnen das Schreiben gebracht?

Mir war zum Beispiel nicht klar, wie sehr ich mich in den Tiefen verorte, in den Vergangenheiten, die meine Existenz erst möglich gemacht haben. All die dahingegangenen Menschen, die versunkenen Generationen, sie leben und flüstern in mir. Und ich habe erfahren, dass für mich eine Welt nicht taugt, die alles zerlegt, zerredet, wissenschaftlich erklären will und nichts zurücklässt als einen Zirkus, der nur noch nach den Marktmechanismen funktioniert, in dem allein Wert hat, was sich kaufen oder verkaufen lässt.

Gedanken, die bei Ihnen wohl kaum auf dem iPad festgehalten werden – nutzt der Autor Ulrich Tukur Papier und einen Füllfederhalter?

Ich habe einen silbernen Druckbleistift, mit dem ich schreibe, und immer eine kleine schwarze Kladde dabei, im Falle, dass mir etwas Überraschendes einfällt. Abends lasse ich der Moderne dann aber schon Gerechtigkeit widerfahren und tippe die wirren Elaborate in einen 15 Jahre alten Computer, der wunderbarerweise noch funktioniert.

Das letzte Ergebnis dieser wirren Elaborate, Ihre Novelle „Die Spieluhr“, haben Sie Ihrer Frau gewidmet. Eine Liebeserklärung und der Dank, dass sie es schon seit über 20 Jahren mit einem so ruhelosen Menschen aushält?

Das ist eine große Verbeugung vor ihr: Ich liebe diese Frau. Ich habe das große Glück, einen Menschen gefunden zu haben, der zu mir passt – das ist ein Sechser im Lotto. Und diese Frau liebe ich heute noch genauso wie am ersten Tag – und durch die Krisen, die wir erlebt und gemeistert haben, ist die Beziehung immer reicher geworden.

Was schätzen Sie an ihr besonders?

Sie ist klug, mutig, konsequent und mir in vielen Dingen voraus. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Menschen an meiner Seite habe – und dafür musste ich ihr mal danken.

Vom Glück in der Ehe zum Glück auf der Bühne – gehört dazu eine Tour wie jetzt mit den Rhythmus Boys?

Ja, ich liebe unsere Musik und die Zusammenarbeit mit den Jungs. Die Reisen im zugemüllten Bus, das Einrichten der Bühne, das endlos lange Konzert, das warme Bier danach, das Wiedereinpacken, dann die Übernachtung in dem Schlafsilo aus Beton gleich neben der Autobahn – ein großer Spaß. Wie es auch ein großes Vergnügen ist, mit den Menschen zu reden und Conférencen zu halten, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe, wo sie hinführen – und einfach auf die Gunst des Augenblicks zu lauern und zu hoffen, dass mir etwas Gescheites über die Lippen kommt.

Höchstwahrscheinlich im Stil der 20er- und 30er-Jahre?

In unserem Stil. Doch der ändert sich jetzt in unserem neuen Programm „Let’s Misbehave“: Da misshandeln wir englische und amerikanische Jazz- und Swingstandards, um die wir immer herumgeschlichen sind.

Was stellen Sie denn konkret mit den Stücken an?

Wir haben sie komplett zerlegt und völlig neu arrangiert. Und wir erlauben uns Dinge, die man besser nicht tun sollte: Ich habe uns vier Balletttutus schneidern lassen. Und zum Schluss kommt noch eine letzte Tour mit eigenen Kompositionen.

Sie planen den Rückzug aus dem Musikgeschäft?

Ich weiß ja nicht, wie lange die Herren Rhythmus Boys noch durchhalten – der körperliche Verfall ist schon beeindruckend. (lacht) Schnappfinger, Bluthochdruck, Schwindelanfälle, Ohrensausen, Kurzsichtigkeit. Aber wir werden vermutlich weiterspielen, bis der erste auf der Bühne umfällt.

Angesichts Ihrer vielen Aktivitäten sind Sie sicher ein sehr gut organisierter und selbstdisziplinierter Mensch.

Nicht wirklich. Ich bin weder gut organisiert noch diszipliniert. Meist haste ich Verpflichtungen und Verabredungen hinterher, und weil ich große Angst davor habe, als Hochstapler aufzufliegen, strenge ich mich wahnsinnig an, nicht erwischt zu werden. Mit den Jahren wird das immer anstrengender.

Ulrich Tukur tourt derzeit mit seinen Rhythmus Boys und dem neuen Programm „Let’s Misbehave“ durch die Republik, am 1. und 2. November legt er einen Stopp im Theater am Kurfürstendamm ein.