Wie er enttäuscht war als Kind. Es war im Juli 1969. Jan Ulrich Max Vetter saß also bei seiner Großmutter vor dem Fernseher und sieht „Apollo 11“ gen Himmel steigen. Langsam stößt sich die Rakete von der Erde ab, um wenig später die ersten Menschen auf dem Mond wandeln zu lassen. „Die Erwachsenen waren begeistert. Aber ich war enttäuscht. Abgehen wie eine Rakete, hieß es ja. Und dann flog diese Rakete wie in Zeitlupe vorbei. Ich habe das einfach nicht verstanden mit meinen fünf Jahren.“
Er nennt sich heute Farin Urlaub und hat wieder ein Album aufgenommen, das „Faszination Weltraum“ heißt. Und wer sich darin etwas über den Weltraum erhofft, wird auch enttäuscht werden.
Eigentlich ist das ja ein Wahnsinn, als Farin Urlaub überhaupt noch Musik zu machen. Weil man als Zuhörer das Gefühl hat, musikalisch hat er in den über 30 Jahren seiner Musikkarriere eigentlich schon in den ersten zehn alles gesagt. Verzerrte Gitarrenbretter, dazwischen ein Melodie-Picking. Kein Punk im eigentlichen Sinne.
Man hört die Gitarren von The Cure an dieser Ecke, manchmal auch eine Beatles-Melodie an der anderen. Und textlich, das sagen böse Menschen, ist Urlaub nie über den Pausenwitz eines Zwölftklässlers hinausgekommen. Und genau denen haut er im ersten Song gleich mal eine runter und gibt ihnen doch genau das, was sie wollen. „Lalala/ Mehr habe ich nicht im Repertoire“, singt er gleich im ersten Stück. Schlagzeug, Bass, und Schrammelgitarre.
Dann trifft man ihn zum Interview auf der Terrasse des Badeschiffs. Und schon die Art, wie er Hallo sagt, völlig uneitel, so höflich und nett, wie man Hallo sagt, wenn man jemanden neu kennenlernt, und man ein grundsätzlich neugieriger Mensch ist. Aufgewachsen ist er in Moabit und Frohnau. Nun verlebt er seine letzten Tage als 50-Jähriger. Urlaub ist, was das modische Empfinden und seine Stilistik angeht, in einer naiven Schlichtheit gekleidet. Schwarz. Schwarz. Schwarz. Weiße, sehr große Laufschuhe. Ach ja, die Jacke, darauf besteht er, sei übrigens dunkelgrau. Sein Äußerliches suggeriert: Nicht vom Wesentlichen ablenken lassen. Kleidung ist für ihn kein Ausdruck von Persönlichkeit, sondern reines Funktionstextil.
Der Mann in Schwarz
„Faszination Weltraum“ ist wieder so ein Urlaub-Gag. Auf dem Cover posiert er als American-Football-Spieler. Tatsächlich hat das Album aber weder etwas mit Football noch mit dem Weltraum zu tun. Das ist dann das, was Fans als seinen Humor lieben, diesen Grad an erratischem Dada, der alles miteinander kombinieren kann. Jedem Verweis wird ein anderes völlig fremdes Zitat gegenübergestellt, jedem Bild ein anderes, das garantiert nichts miteinander zu tun hat. Urlaubs Kunst seit Jahren ist der assoziative Gedankensprung. Springen kann er weit.
Von Stücken wie „Dynamit“ über Berliner Bausünden zu betrunkenen Superhelden in „Was die Welt jetzt braucht“, über das Problem mit Pheromonen („Herz? Verloren“) bis hin zur Weltliteratur und warum es doch mal besser ist, die wegzulegen und auszugehen („Heute Tanzen“). Und jetzt aber dazu, warum das eben doch kein Wahnsinn ist, dass der Farin Urlaub noch Musik macht. Tatsächlich macht er sich, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, ernste und differenzierte Gedanken zu den Dingen da draußen.
Wenn Urlaub also singt „Fragst du dich manchmal/ Warum wir ein Dasein in Hässlichkeit fristen/ umgeben von Glas und Beton?“ und im Refrain schlussfolgert „Dynamit – wir verschönern unser Innenstadtgebiet/ Dynamit – Architekturkritik, die man tatsächlich sieht“, ist das Pubertär-Destruktive natürlich dem Medium Rockmusik geschuldet.
Der gereifte Witz
Im Gespräch sagt er aber: „Glas und Beton sind an und für sich harmlose Baustoffe, aus denen, siehe Mies van der Rohe, schöne Sachen entstehen können, tun sie aber meistens nicht.“ Oder, wenige Augenblicke und einen großen Frachtkahn, der gerade die Spree entlang fährt, später: „Architekten sind, glaube ich, in der gleichen Falle gefangen wie Jazz-Musiker. Es gibt ja schon alles. Also muss man ganz originell sein, um alles zu übertrumpfen. Dann kommen Häuser raus, die zwar der Schwerkraft trotzen, aber total beschissen aussehen.“ Dieses Berufsrebellierende, dieser comichafte Humor seiner Texte weicht beim echten Farin Urlaub einem immer noch plakativen, aber doch gereiften Witz, der im besten Sinne Geist hat.
Man kann mit ihm über Gentrifizierung, Städteplanung und den Mietspiegel sprechen, ohne dass es peinlich wird. Will heißen, Urlaub will niemanden enteignen, schimpft nicht auf Schwaben, die den Kiez versauen. Stattdessen erzählt er einem die Geschichte, wie es war, als er zum ersten Mal ein Carloft gesehen hat. Urlaub geht also durch Kreuzberg mit einem Freund. Und dann sieht er da tatsächlich ein Auto auf einem Balkon. Früher, also im dreckigen Punkrock-Kreuzberg, stand bestimmt auch mal ein Auto auf irgendeinem Balkon. Das war dann subversiv. Eine Protestaktion oder Kunst. Heute aber ist es der Ausdruck von Wohlstand. Urlaub ist also fassungslos, weil es weder nach Protest noch Kunst aussieht. Und sein Freund erklärt ihm schließlich das Prinzip des Carlofts. Und dann kommt wieder so ein Urlaub-Satz: „Wenn man analfixiert ist, braucht man sein Auto wohl auch im fünften Stock.“
Bescheiden und nicht großspurig
Auf solche Pointen folgt wieder eine Abfederung. „Ich bin ja kein Experte, sondern nur jemand mit viel Meinung.“ Und man denkt nochmal an sein „Lalala“ und das kleine Repertoire, und wie klein sich so ein Farin Urlaub im Gespräch macht. Da sitzt also einer der erfolgreichsten Popmusiker, die Deutschland hat, und man merkt gar nichts davon. Weil er relativiert, weil er bescheiden ist und nicht großspurig.
Ein Song heißt „Keine Angst“, ein anderer „Find dich gut“. Rhetorisch ist das zwischen Ratgeber und Esoterikbuch, und doch will Urlaub alles andere als ein Ratgeber sein. „Ich maße mir nicht an, vorzuschlagen, was wer tun sollte oder nicht“, sagt er dazu. Und Ratgeber findet er natürlich grauenhaft.
Und wir schauen in den Himmel. Wir hören von weit her die Hi-Hat und den Bass eines Technosongs über das Ufer fliegen. Und ganz kurz meint man, das alles verstehen zu können. Die Faszination am Weltraum, die Football-Verkleidung, die blondierten Haare, die Person Farin Urlaub, die aus dem kleinen Jan Ulrich geworden ist. Und enttäuscht ist man gar nicht mehr.




