Die ach so vertraute Operntragödie ist bei Regisseur Alvis Hermanis zu einem versteckten Bilderrätsel geworden. Seine neue „Tosca“, mit der die Staatsoper ihre Saison im Schiller-Theater eröffnet hat, läuft zeitgleich auf zwei Ebenen übereinander ab. Die Abweichungen voneinander sind, falls man sich auf diesen Puccini einlässt, das Salz in der Opernsuppe.

In der Bühnenmitte steht ein riesiges Portal, das im ersten Aufzug das Kircheninnere darstellt, dann das Arbeitszimmer des berüchtigten Polizeichefs Scarpia und im dritten Akt die Engelsburg. Es ist die Spielfläche der Sängerdarsteller, die wirkliche Welt. Ins Portal oben eingebettet ist eine riesige Leinwand, auf der ein Comicstrip nebst dem deutschen Text abläuft.

Dort wird die Geschichte wie im Opernführer auserzählt, bis hin zur vermeintlich fingierten Hinrichtung. Im Comic steht also ein jugendlicher Cavaradossi aufrecht dem Erschießungskommando gegenüber. In der realen Welt darunter kommt Scarpias Scherge ins Verließ, zerrt ihn auf einen Hocker, zieht ihm eine Tüte über den Kopf und erledigt ihn mit einem Genickschuss. Im Hinauseilen stopft sich der Mörder noch schnell etwas zu essen in den Mund. Schäbiger kann ein Operntod kaum sein.

Das Regiedebüt von Hermanis an der Staatsoper

Das hat Puccini so nicht gewollt. Aber es ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Alvis Hermanis bei seinem Regiedebüt an der Staatsoper herausnimmt. Hermanis muss dafür nach gut zwei Stunden einige Buhs einstecken. Bejubelt werden hingegen Daniel Barenboim, der erstmals überhaupt Puccini dirigierte, seine Staatskapelle Berlin und die durchweg wunderbaren Sängersolisten.

Die Neuproduktion löst jetzt die 38 Jahre alte Inszenierung von Carl Riha ab. Sie war in Würde gereift. Auch die Inszenierung von Boleslaw Barlog schräg gegenüber bei der Konkurrenz, der Deutschen Oper, reicht bereits ins Jahr 1969 zurück. Man sollte sich also über jede neue „Tosca“ in Berlin freuen. Wer weiß, ob man in seinem Leben noch einmal eine andere zu sehen bekommt.

Zumal der lettische Theatermann Hermanis der „Tosca“ nie wirklich weh tut. Er erweist sich als ein Opernmann des modernen Konservativismus. Seine Inszenierung hat das Zeug zum Longseller. Die Personenregie ist so überschaubar, dass fahrende Sänger künftig ohne große Verluste in Berlin einspringen können. Puccini bleibt schon Puccini, auch wenn der Regisseur in den Parallelwelten mit einigen Verlogenheiten aufräumen will.

Das Dekolleté der Sängerdiva Floria Tosca ist im Comic noch tiefer und verheißungsvoller, und die Tosca auf der Bühne weiß mit den Kerlen geschickt und handfest umzugehen. In der Bildergeschichte stürmen der junge Maler Cavaradossi und seine Tosca leidenschaftlich aufeinander zu, auf der Bühne darunter dauert es Ewigkeiten bis zur ersten Berührung. Überhaupt wirken die Handelnden einen Deut verklemmter, unsicherer oder getriebener.

Lustige Schafe starren von der Leinwand

Die Folterung Cavaradossis erfolgt unsichtbar hinter der Bühne, aber sichtbar im Comic. Hermanis zeigt mehr als üblich. Die ganze Zwiegespaltenheit funktioniert, weil der Märchencomic die Fantasie des Zuschauers anregen kann. Bei aller Düsternis gibt es viel zu sehen. Da starren auch schon mal lustige Schafe von der Leinwand herunter. Bühnenbildnerin Kristine Jurjane hat zwei Jahre lang an dem Graphic Novel gearbeitet, sie ist dafür in Rom alle Wege der Tosca abgelaufen und hat anschließend in Riga Fotoshootings mit Schauspielern gemacht.

Ihr Comicstrip zeigt die Handlung, wie sie laut Libretto in Rom im Juni 1800 stattgefunden haben soll. Auf der Bühne agieren die Figuren in Kostümen aus der Uraufführungszeit, als ein Jahrhundert später. Hermanis liebt solche Zeitsprünge, das hat er auch schon bei seiner ersten Berliner Opernregie, Mozarts „Cosi fan tutte“, an der Komischen Oper getan. Es offenbart seinen Hang zum Kostümschinken.

„Tosca“ bleibt ein blutiger Text mit schöner Musik. Die Oper schreit nach einer Mischung aus wuchtigem Drama und Melodientrunkenheit. Aber man weiß um die Durchsichtigkeit der Akustik im kleinen Schiller-Theater, wo alle schwelgerischen oder schroffen Überzeichnungen nur in den Ohren klingeln. In dieser Premiere lässt sich Daniel Barenboim von der Musik mitreißen, statt seine Staatskapelle zurück zu halten. Der erste Akt trumpft übermächtig auf. Das macht es den Solisten nicht leichter. Später mündet der Kapelle in subtilere Klangbilder, es schaudert wohlig, und gerade auch die Blechbläser haben einen guten Abend.

Der Tenor stolpert vollmundig in den Untergang

Die Darsteller gewinnen zunehmend an Farbe, an Charakter, und die Oper an Sinnlichkeit. Das Musikdrama lebt von seinen drei Hauptdarstellern. Fabio Sartori singt den jungen Maler Cavaradossi mit einer gewissen Behäbigkeit, er verfügt über einen Tenor mit einem warmen Timbre. Um die strahlende Höhe muss er ringen. Außerdem gehört er zu den Tenören, die glauben, dass das, was sie gerade singen, die ganze Wahrheit ist. Sartori verzichtet auf alles Schluchzen, auch auf alle Zwischentöne. Er stolpert vollmundig in den Untergang.

Bei Hermanis läuft das perfide Drama zwischen Tosca und Scarpia, der sie für eine Stunde besitzen will, ab. Sopranistin Anja Kampe ist eine rundum begehrenswerte Tosca, die den Geliebten umgirren und ihre Verzweiflung glaubhaft durchleiden kann. Sie zieht gekonnt alle Register. Aber die charismatischste Figur im bösen Spiel bleibt der Scarpia von Michael Volle. Der Bariton ist gerade von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Sänger des Jahres gekürt worden. Man versteht warum. Sein Polizeichef hat Format, er ist als Begehrender ebenso überzeugend wie als Schweinehund. Man kann ihn nicht mögen, aber am Ende der Premiere bejubeln.

Warum Tosca nicht in den Tod springt?

Zuvor findet aber noch das große Sterben bei Hermanis statt: Zuerst will Tosca gar nicht aufhören, Scarpia zu erstechen. Ihr Cavaradossi wird beiläufig abgeknallt. Und die verzweifelte Tosca springt von der Engelsburg in den Tod. So will es jedenfalls der Comic. Aber in der Realität, so viel sei über das Ende verraten, sieht es dann doch anders aus.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 20354555 Termine: 3., 12., 16., 19., 22., 25.10.

Nachtrag: Am Rande der Premiere wurde bekannt, dass die russische Regierung gerade drei lettische Staatsbürger auf ihre „schwarze Liste“ gesetzt hat. Es sind der Geheimdienstchef, ein Abgeordneter der regierenden Partei „Einheit“ und Regisseur Alvis Hermanis.