Es fängt erstaunlich behäbig an: Ballettprobe an der Stange in dicken Strickstrümpfen und ausgeleierten T-Shirts. Klassisches Exercise an der Stange mit zarter Klavierbegleitung und – ach, wie komisch! – ostentativ tuckigem Ballettmeister, der die Truppe scheucht und mit Worten lustvoll in den wackelnden Hintern tritt. „Eins und zwei und drei und vier…“ So geht das viele Minuten lang, bis der Meister Schluss macht und mit exotischem Akzent sein Urteil spricht: „Nicht schlecht, aber auch nicht guttt.“

Ein böser Satz, den sich die Regie da hat einfallen lassen für den Auftakt der seit Monaten ganz groß angekündigten neuen Show des Friedrichstadt-Palastes. Für die hat Berndt Schmidt, ruhmreicher Chef von Europas größtem Revuetheater, das er seit 2008 aus dem Versinken in tiefrote Zahlen errettete, immerhin reichlich zehn Millionen Euro zusammen gekratzt. Das höchste Budget, das je in der 95-jährigen Geschichte dieses Instituts für eine Produktion auf seiner jetzt größten Bühne der Welt verbraten wurde. Und es ist das gegenwärtig höchste jenseits der US-Entertainment-Giganten in Las Vegas.

Ein wirklich verwegene Choreografie und Kostümierung

Da passt nun die Bemerkung nicht schlecht, aber auch nicht gut, sowie das einführende Gehopse an der Probierstange wie die Faust aufs Auge der so kostspieligen Großveranstaltung, die kess antritt unter dem Motto „The Wyld“, was nicht nur dem avisierten internationalen Publikum kryptisch in den Ohren klingt; freilich haben wir uns schon ohne den Hinweis im Hochglanz-Programmheft zusammen gereimt, dass mit dem umständlich „Wyld“ das englische „the wild“ gemeint ist, was „Natur oder Wildnis“ bedeutet.

Nun ja, nehmen wir den betont schlichten Anfang samt bösem Satz als ironisch kühnes Understatement; als ein fein durchtriebenes Neugierig-Machen auf Kommendes, auf das annonciert Gigantische, Noch-nie-Dagewesene. Und tatsächlich: Endlich wird die frisch aufgetakelte Soundmaschinerie hoch gefahren, „eine der leistungsfähigsten Indoor-Anlagen Europas“ (Ansage der Pressestelle). Endlich werden die ersten hundert der 1300 Scheinwerfer und 530 LED-Strahler angeworfen, und das weltweit größte (festangestellte) Revueballett, seit jeher der Superstar des Hauses, trollt sich in wirklich verwegener Choreografie und Kostümierung auf die Spiegelfläche der ein halbes Fußballfeld einnehmenden Bühne. Atemberaubend! Da muss man weit in der Welt herumkutschieren, um so was zu sehen. Berlin aber hat‘s! Und das ist super guttt!

Raum, Farbe, Licht, Musik und alles in kontrastreicher Bewegung

Und überhaupt, das ist das Sensationelle auch dieser Show: Dass mit einem alle Tanz- und Musikstile perfekt beherrschenden, so fantastisch wie originell ausgestatteten Ballett und gestützt auf einen sagenhaft hoch gezüchteten technischen Apparat unvergesslich suggestive Wirkungen erzielt werden.

Wie sich hier Raum, Farbe, Licht, Musik, Menschen und alles in kontrastreicher Bewegung zu immer neuen Bildern, ja Gesamtkunstwerken formieren ‑ das muss man erlebt haben. Da ist diese singuläre Firma ganz bei sich sowie ganz auf der Höhe der Zeit. In solchen Momenten nervt kein Fussel Muff. Da triumphiert – etwa in der atemberaubend inszenierten Nummer „Le Kick c' chic“ mit der Großen Girl-Reihe – ästhetische Vollkommenheit. Das reine Glück des Schönen. Allein deshalb schon muss man hin – ganz gleich, ob das nun unter „Wyld“ oder „Wild“ oder wie auch immer firmiert im jetzt frisch illuminierten, seine originelle (bislang gern geschmähte) Architektur geschickt herausstellenden Palast an der Friedrichstraße 107.

Das international hochkarätig besetzte Team Manfred Thierry Mugler und Roland Welke (Regie), Jürgen Schmidt-André (Bühnenbild), Mugler und Stefan Canulli (Kostüm), Alain Lonchampt (Licht), Marc Vidal (Video) und die Großkollektive der Choreografen und Komponisten kreierten in ihren stärksten, das Fantastische so herrlich fein mit dem Zeitgeistigen verquickenden Nummern vollendete, also unüberbietbare Show-Szenen. So, das war jetzt unser dickes Wow!

Doch Mugler und Welke ertüftelten auch noch ein „Konzept“. Im Programmheft ist die Rede von nichts weniger als vom Berlin-Gefühl des 21. Jahrhunderts. Vom Großstadt-Dschungel, von durch die Berghain-Gegend streunenden Nachtgestalten, von den Golden Twenties, von herumgeisternden Aliens, von der auf der Museumsinsel wieder belebten Nofretete, auch einer Berlinerin, die Fahrrad fährt und in den Kellern ihres Neuen Museums wilde Party macht. Und auch von der Liebe eines Radfahrer-Akrobaten auf dem Alexanderplatz zu einer – ach Gottchen! ‑ auf der Fernsehturmkugel hausenden Schönheit wird gesprochen.

Unterwasser-Gezappel in Glasballons

Das rein Show-Ästhetische soll also noch eingewickelt werden in eine volkstümlich gemeinte Berlin-Revue. Und dabei stottert es auf ganzer Linie. Ohnehin bleibt diese verkrampfte Berliniade mit KaDeWe-Werbung auf der Einkaufstüte unverständlich. Dafür wird’s konfus, albern, muffig. So verläppert und verwurschtelt sich die Chose im Kleinkarierten, in Modenschau-Posen auf der Treppe, in Unterwasser-Gezappel in Glasballons, in althergebracht-kitschigem Exotismus und im Niedlichen einer possierlichen Tierdressur pittoresk frisierter Pudel.

So stimmt das Timing, das streckenweise so hinreißend stramm Durchgestylte immer öfter nicht mehr. Wären da nicht noch die Artistik der vier Muskelmänner des ukrainischen Äquilibristik Quartetts „White-Gothic“ sowie die des russischen Luft-Perche-Duos „Markov“, das an der imaginären Fernsehturmantenne lebensgefährlich herumturnt. Frenetischer Beifall.

Abgesehen von diesen Erregern: Die vorhandenen strengen, wuchtigen, intensiv farbigen Momente werden von schwächlicher, loser Kunterbuntheit und obendrein blässlichen Gesangs-Solisten überlagert. Allerwelts-Hübschheit macht sich breit. Wir sind irritiert und blättern nochmals im Programmheft: Da schreibt Konzeptionist und Co-Regisseur Roland Welke, dass man anfangs befürchtete, dass sich die vielen, vielen Show-Ideen womöglich nicht zu einem Ganzen formen könnten. Überraschung: Sie können! Es wurde kein Ganzes aus „The Wyld“. Doch zwischendurch war es überwältigend.

Friedrichstadt-Palast: The Wyld, 19.30, Karten: ab 40 Euro