Schauspielerin

Katharina Thalbach wünscht sich ihr „Piss-Berlin“ zurück

Die Schauspielerin im Morgenpost-Interview über ihren neuen Film „Die Schlikkerfrauen“, über das schlimme Gefühl bei Kündigungen und die Existenzängste, die auch sie als freie Künstlerin umtreibt.

Foto: David Heerde

Katharina Thalbach gibt sich gern ganz volksnah. Dazu passt auch ihre neue Rolle: Im Fernsehfilm „Die Schlikkerfrauen“, der am 30. September auf Sat.1 läuft, spielt sie eine kämpferische Filialleiterin, die ihren Laden besetzt. Wir trafen sie dazu an einem ungewohntem Ort, im schicken Hotel Amano in Mitte, quasi über den Dächern von Berlin. Auf die sie auch mit ein bisschen Wehmut blickt.

Berliner Morgenpost: Frau Thalbach, mussten Sie nach der Schließung all der Schlecker-Filialen auch überlegen, wo Sie Ihr Spüli kaufen?

Katharina Thalbach: Ehrlich gesagt nein.

Sie kaufen Ihr Spüli nicht selber?

Aber klar. Ich kaufe selber ein, ich koche selber, ich putze selber. Es gab da diese Filiale am Ku’damm, die vereinsamte zunehmend, da hätte man eigentlich aus Solidarität einkaufen müssen. Aber ich bin ja so ein Ökofreak, ich kauf meine Sachen in meinem Biomarkt.

Sie spielen jetzt in „Die Schlikkerfrauen“ eine Filialleiterin, die auf die Barrikaden geht. Wie haben Sie damals die Schlecker-Pleite mitbekommen?

Wie jeder andere habe ich das ganze Getöse durch die Medien miterlebt. Ich fand das so mutig, was die Frauen da getan haben. Natürlich war ich misstrauisch, ob das Erfolg haben könnte – nicht zu Unrecht, wie man gesehen hat. Aber ich fand das gut, dass da mal ein Aufbegehren war und man das nicht einfach so hingenommen hat. Dass man wenigstens versucht, sich zu wehren, und sich nicht alles gefallen lässt. Dass man einfach mal offen zeigt, hier geschieht ein Unrecht.

Müsste man so etwas viel öfter tun? Mehr zivilen Ungehorsam leisten?

Ich glaube, wir lassen uns wirklich viel zu viel gefallen. Da herrscht ein allgemeiner Stumpfsinn, der um sich greift und den ich sehr gefährlich finde. Dass man denkt, man kann ja sowieso nichts machen.

In den „Schlikkerfrauen“ gehen Sie ja ziemlich weit. Als Filialleiterin besetzen Sie Ihren Laden und kidnappen sogar den Konzernchef.

Natürlich muss man überzeichnen, es ist ja eine Komödie. Ich finde, das erinnert auch sehr an die britischen Working-Class-Komödien, so etwas gibt es sonst im deutschen Raum ja leider kaum. Da könnte man ruhig auch mal etwas frecher sein. Diese kleinen Utopien sind schon wichtig. Es ist ja sehr merkwürdig, dass die Dreharbeiten schon mit dem nächsten Fall, mit der Debatte um Karstadt, zusammenfiel.

Haben Sie sich vor dem Dreh mit echten Schlecker-Frauen getroffen?

Ja. Durch sie kamen noch Details hinzu, auf die sonst keiner gekommen wäre, die denen aber sehr wichtig war. Weil das die Authentizität gesteigert hat. Dass Schlecker etwa die ältere Kundschaft verloren hat, weil die Gänge zu eng für Rollatoren war. Eine der ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen, mit denen ich gesprochen habe, sagt, alle Damen – sie sagt nicht „Frauen“, sondern „Damen“ – werden sehr stolz auf diesen Film sein und ihre Kolleginnen werden sich postum noch mal geehrt fühlen. Ein größeres Lob können wir gar nicht kriegen, egal was sonst an Echo kommen wird.

Sie haben zuvor mit Uwe Janson schon „Der Minister“ gedreht. Da glänzten Sie als Angela Murkel. Das war auch schon eine herrliche Politparodie .

Ja. Der traut sich was. Das Schöne ist, dass mit Uwe die Chemie stimmt. Und dass er viel Platz für Improvisation lässt. Und sich, trotz der Enge des Drehplans, immer die Zeit nimmt, noch mal was auszuprobieren. Dass wir Sky du Mont die Hose runter lassen, das stand nicht im Drehbuch, das ist erst während der Proben entstanden. Er gibt einem das schöne Gefühl, dass man nicht nur abarbeitet, sondern mit-kreiert.

Da Sie selber oft Regie führen, halten Sie sich bei anderen Regisseuren zurück – oder quatschen Sie rein und preschen mit eigenen Ideen vor?

Gute Schauspieler greifen immer ein. Und bieten eigene Ideen an. Und Regisseure wären schlecht beraten, wenn sie das nicht annehmen würden. Sie kennen ja den Witz, wie der Beruf des Regisseurs entstanden ist.

Nein, keine Ahnung.

„Zwei Schauspieler proben was auf der Bühne, da sagt der eine zum anderen: Geh mal runter und schau, ob ich auch in der Mitte stehe.“ Bei mir ist es eher andersrum: Seit ich selber Regie führe, weiß ich, was für ein verdammt harter Job das ist. Ich bin da eher geduldiger geworden, meine Demut hat da sehr zugenommen. Man merkt dafür aber auch umso stärker, wenn man Pfeifen vor sich hat. Wenn die ihre Schulaufgaben nicht machen, wird man schon mal zornig. Aber da hab ich eigentlich immer Schwein gehabt mit meinen Regisseuren. Ich muss da nicht meckern.

Thema Kündigung: Mussten Sie beim Dreh der „Schlikkerfrauen“ auch an die Schließung des Schillertheaters denken? Haben Sie da Erfahrungen von damals mit eingebracht?

Aber klar! Das entscheidende Gefühl, das mir eine ehemalige Schlecker-Mitarbeiterin geschildert hat, das kenne ich selbst noch ganz genau: Du denkst, es ist deine eigene Schuld. Du denkst, du warst nicht gut genug, und fühlst dich wertlos. Was natürlich totaler Quatsch ist. Aber das ist da. Ich hatte damals eigentlich Glück, ich bin mit Niels Peter Rudolph nicht klargekommen und mochte nicht mehr beim Schillertheater sein. Ich hatte schon ein Folgeengagement bei Jürgen Flimm in Hamburg, es war klar, dass ich weggehe. Aber trotzdem hat die Schließung dieses Unwertgefühl in mir ausgelöst. Dass du dachtest, all das, was du je gemacht hast, wird in den Mülleimer geworfen.

Haben Sie, wie die Schlecker-Frauen oder -Damen, je Existenzängste gehabt?

Immer. Das ist ein Gefühl, das mich prägt, seit ich im Westen bin. Der Stellenwert von Geld ist hier ein ganz anderer. Da wo ich herkomme, gab es ja viele Probleme. Aber Geld gehörte nicht dazu. Hier war das erst mal ein Schock. Alles war so unsicher, siehe Schillertheater. Und dann bin ich ja ziemlich früh auf den freien Markt gegangen. Da hatte ich anfangs wahnsinnige Angst, ob ich da bestehen kann. Und die Angst kommt auch immer wieder. Jetzt marschiere ich ja auf die Rente zu, und ich habe ja auch immer brav bezahlt, auch wenn ich arbeitslos war. Aber gerade für Frauen zwischen 40 und 50 gibt es schon ein tiefes Tal, wo du ganz schwer Rollen kriegst. Da war ich auch oft auf dem Arbeitsamt, um Arbeitslosengeld zu beantragen.

Seit Sie über die 50 hinaus sind, sind Sie aber präsent wie nie.

Ja, das ist auch ein ganz schönes Gefühl, dass das Alter im Augenblick eine Art Schub bedeutet. Das kann ich nicht anders sagen.

Zählen Sie eigentlich noch, wie viele Rollen Sie gespielt haben?

Ich zähle sie nicht. Aber ich trage sie brav in Listen ein. Ich drucke die ab und an aus, wenn ich was abgeben muss, und staune selber, wie viel da zusammen kommt. Aber ich bin einfach ein Arbeitstier, ich brauche das. Natürlich hab ich auch schon Rollen nur für Geld gemacht. Aber meistens machen mir die Sachen auch echt Spaß. Das ist vielleicht das größte Glück: Dass du für das, was dir Spaß macht, auch noch bezahlt wirst.

Im November wird 25 Jahre Mauerfall gefeiert. Sie haben bereits 1976, nach der Biermann-Ausweisung, die DDR verlassen. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?

Ich zelebriere keine Feiertage, ich überlasse das dem Staat, sich da gewisse Tage zu schaffen. Es ist ein wahnsinnig bedeutender Tag, der hat uns alle immens betroffen. Und mir geht es da wie ganz vielen meiner Generation: Ich hätte nie gedacht, dass ich das je erlebe. Ich habe den historischen Tag des Mauerbaus noch sehr in Erinnerung. Dass ich dann den Tag des Mauerfalls erleben durfte, mit allen Kräften und Sinnen, das war unbeschreiblich. Ich habe damals einen Film in Köln gedreht, es gab nur zwei Drehtage in Berlin. Aber das war justament an jenem 9. November. Ich habe mich an dem Tag betrunken, am nächsten Tag bin ich zum wahrscheinlich einzigen Mal in meinem Leben sturzbetrunken zum Set erschienen. Als olle Berlinerin, die ich bin, bin ich einfach selig, dass das wieder eine Stadt ist. Wobei es natürlich immer auch Veränderungen gibt, über die man sich nicht freuen muss.

Zum Beispiel?

Ach, darüber jammert man immer. Das ist auch ganz normal, das trifft jede Generation – wenn sie das Glück hat, älter zu werden –, dass sie sagt: Damals war’s aber schöner. Zu erleben, wie die Stadt zusammengewachsen ist und sich entwickelt hat, das ist für mich auch großes Kino. Ich hab das Glück, das so verfolgen zu können. Da ist auch ganz viel Hässliches entstanden, Potthässliches, um genau zu sein. Am schlimmsten ist es am Alex, das ist ja zum Brechen, was da stattfindet. Ich verstehe nicht, wie man sowas wie das Alexa zulassen kann. Oder wie man sowas unverhältnismäßig Riesiges neben den Tränenpalast bauen kann. Das ist wirklich außerhalb meines Verständnisses, auch architektonisch.

Oder wie das Berliner Ensemble langsam zugebaut wird.

Da geht es mir wieder anders. Ich kenne ja noch den alten Friedrichstadtpalast, der damals davor stand. Und der war wirklich nicht schön. Von innen war der großartig, da gab es tolle Veranstaltungen, ich habe da noch Satchmo erleben dürfen und all die großen Künstler, die damals in die DDR kamen. Aber von außen sah das aus wie ein Bunker. Das war für mich dann eher komisch, als der abgerissen wurde und man da auf einmal dieses Loch sehen konnte. Mich schockiert da vielmehr, wenn man Preise von 14.000 Euro pro Quadratmeter hört. Das finde ich sittenwidrig, wirklich sittenwidrig, was hier mit Immobilienpreisen passiert. Darüber könnte ich mich stundenlang aufregen.

Darüber müssten Sie dann die nächste Fernseh-Satire drehen.

Vielleicht. Es ist so unglaublich, wie die Stadt damit kaputt gemacht wird. Ist doch klar, dass sich das keiner leisten kann. Natürlich kommen da nur Arschgeigen her, die viel Geld haben. Und seltsamerweise stellt man fest, dass Menschen, die viel Geld haben, meist Arschgeigen sind. Die nutzen das ja oft nur als Zweitwohnungen. Ich fürchte, damit wird eine Wohnkultur in der Mitte der Stadt peu à peu kaputt gemacht. Das gefällt mir nicht, da ist mir mein armes, kaputtes Piss-Berlin doch viel lieber.